„Wir sind dreißig bis vierzig Persönlichkeitsanteile, die sich den Körper teilen“

Ein Persönlichkeitswechsel fühle sich an, als würde jemand von hinten die Seele packen und wegziehen, erzählt Rebeka.
Illustration: FDE

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In unserer monatlichen Reihe „Talking Minds“ berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Ihre Geschichten, Gedanken und Symptome können dabei individuell sehr unterschiedlich sein, deshalb findest du am Ende auch allgemeinere Informationen zum Thema.

Rebeka ist 18 Jahre alt und hat eine Dissoziative Identitätsstörung. Sie heißt eigentlich anders, möchte hier aber den Namen, der in ihrem Pass steht, nicht nennen. Rebeka nimmt sich nicht als eine, sondern als viele verschiedene Persönlichkeiten wahr. Was hinter diesem Phänomen steht, liest du unten im Infokasten, ausführlicher in diesem Interview. In diesem Protokoll erzählt Sebastian, 22 Jahre alt, der Host ihres Systems. Alle Namen in diesem Artikel wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

„Wir sind momentan ungefähr dreißig bis vierzig Persönlichkeitsanteile, die sich den Körper teilen. Manchmal kommen welche hinzu oder es verschwinden welche. Deshalb verändert sich die Anzahl stetig. Aber wir haben eine Alltagsgruppe aus sechs Personen, die eigentlich immer da sind: Tom und Miles sind unsere Beschützer und Mitte zwanzig. Sandra ist 32 Jahre alt und für alle Aufgaben zuständig, die mit Lernen, Schule und Arbeit zu tun haben. Unsere Innenkinder sind Lena und Lenny, sie sind vier und fünf Jahre alt. Ich bin der Host unseres Systems, die meiste Zeit in dem Körper und für diesen verantwortlich. Alle Entscheidungen bezüglich des Körpers müssen mit mir abgesprochen werden. Jeder von uns hat seine eigene Persönlichkeit, Alter, Wissen, Vorlieben, Interessen und Fähigkeiten. Manche von uns können zum Beispiel sehr gut Klavier oder Gitarre spielen, andere spielen gar kein Instrument.

Der Ursprungsmensch unseres Körpers ist weiblich und achtzehn Jahre alt. Sie hat sich vor ungefähr sieben Jahren sehr weit in den Hintergrund zurückgezogen, weil sie schlimme Traumata erleben musste. Damals übergab sie mir den Körper. Was ihr genau passiert ist, möchte ich nicht sagen. Als ich entstanden bin, musste ich noch einige traumatische Ereignisse miterleben. Ich kann mich deshalb gut in die Geschichte des Ursprungsmenschen reinversetzen und verstehen, warum sie nicht freiwillig bleiben wollte. Manchmal kann ich noch mit ihr kommunizieren, aber das ist selten, weil sie sich wirklich sehr weit zurückgezogen hat.

Unsere Therapeutin und wir vermuten, dass ich der Erste war, der entstanden ist. Aber das können wir nicht sicher wissen. Als ich den Körper übernahm, war das schwer für mich, weil ich kaum Erinnerungen an unsere Vergangenheit hatte. Ich wurde dann von Menschen aus meinem Umfeld ein bisschen darüber aufgeklärt und mit der Zeit sind mir auch einige Erinnerungen gekommen.

Ich hatte in den folgenden Jahren immer wieder Gedächtnislücken. Ich saß zum Beispiel zuhause auf meinem Bett und im nächsten Moment war ich am anderen Ende der Stadt und wusste nicht, was in der Zwischenzeit passiert ist. Für mich waren gefühlt nur ein paar Minuten vergangen – aber eigentlich waren es drei Tage. Diese Gedächtnislücken machten mir ziemlich Angst.

Vor vier Jahren hatte ich dann einen Krisenaufenthalt in der Psychiatrie. Die Ärzte dachten erst, dass ich Schizophrenie habe, weil ich Stimmen im Kopf hatte und blasse Gesichter sah, die ich nicht kannte, wenn ich die Augen zumachte. Im Laufe des Aufenthalts habe ich dann die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung bekommen. Danach und im Laufe der Therapie verstand ich, was mit mir los ist: Ich bin nicht schizophren, extrem verwirrt oder vergesslich. Ich habe verschiedene Persönlichkeitsanteile und wenn ich keine Erinnerungen an eine Zeit habe, dann hat die ein anderer Anteil erlebt.

Unser Tagebuch ist wie unser gemeinsames Gedächtnis

Als ich meine Diagnose bekam, fiel es mir nicht leicht, mich mit dem Gedanken anzufreunden, dass da mehrere sind und ich mir mit ihnen den Körper teile. Mittlerweile geht es mir damit besser – auch weil ich jetzt verstehe, warum ich in einem weiblichen Körper bin, obwohl ich männlich bin. Mittlerweile können wir uns besser auf die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile einstellen. Wir haben Perücken für die Mädchen, für jeden eigene Kleidung, extra Spielecken für die Kinder und immer Babynahrung im Haus. Somit ist der Gesamtzustand von manchen besser, weil sie jetzt wissen, dass sie nicht falsch und unerwünscht sind. Physisch hat sich unser Zustand auch verbessert. Als ich das erste Mal außen war, war unser Körper stark untergewichtig und wir mussten im Krankenhaus zwangsernährt werden. Heute sind wir etwas übergewichtig, aber können ein stabiles Gewicht halten. Unsere Situation hat sich auch verbessert, weil wir in der Therapie Strategien gelernt haben, wie wir uns untereinander besser absprechen können, was den Alltag erleichtert.

Wir aus der Alltagsgruppe kennen uns teilweise untereinander. In der Psychotherapie arbeiten wir daran, untereinander zu kommunizieren und beispielsweise einer Person nach einem Wechsel mitzuteilen, was geschehen ist, bevor sie rauskam. Das ist sehr harte und lange Arbeit. Wir sind darin immer noch nicht perfekt, aber wenn wir weiterhin üben, wird es uns irgendwann besser gelingen. Manche können auch aus dem Hintergrund mithören, wenn eine andere Person aus dem Team im Außen ist. Von den anderen Persönlichkeitsanteilen kennen sich nur wenige untereinander und sie können nur über ein Tagebuch miteinander kommunizieren.

Unser Tagebuch ist wie unser gemeinsames Gedächtnis: Wir notieren darin wirklich alles, damit jeder nachlesen kann, was passiert ist, seitdem er oder sie das letzte Mal draußen war und welche Termine anstehen. Aber das Tagebuchprinzip funktioniert nur eingeschränkt, weil wir es nicht überall hin mitnehmen können und Persönlichkeitswechsel immer unkontrolliert passieren können.

Der Wechsel der Persönlichkeiten wird meist durch Trigger ausgelöst. Trigger können zum Beispiel Gegenstände, Naturphänomene oder Situationen sein, die einen Menschen an irgendetwas erinnern, an eine Aufgabe oder ein Trauma etwa. Für die Innenkinder sind Stofftiere, Schnuller und Fläschchen große Trigger. Bei Sandra sind es Bücher. Ich werde nicht oft hervorgetriggert, bin ja meistens eh vorne – aber aus Berichten der anderen weiß ich, dass es sich so anfühlt, als würde jemand von draußen nach ihnen rufen und sie müssten dann sofort hinrennen. Es passiert oft, dass unsere Innenkinder, Lena und Lenny, in unpassenden Momenten nach vorne kommen. Als wir neulich verkühlt waren und einen Corona-Test machen mussten, hat Lenny sich nach vorne geboxt und dem Arzt das Teststäbchen in die Nase gesteckt.

Switches passieren öfter, wenn wir viel unterwegs sind

Einen Persönlichkeitswechsel oder „Switch“ merken wir oft gar nicht, weil es so schnell geht. Manchmal merken wir es: Dann fühlen sich unsere Ohren wie beschlagen an, wir sehen verschwommen, nehmen insgesamt immer weniger wahr. Es fühlt sich an, als würde jemand von hinten unsere Seele packen und wegziehen. Switches passieren öfter, wenn wir viel unterwegs sind, weil überall Trigger lauern können. Das ist nicht nur für die Menschen im Außen, sondern auch für den Körper sehr anstrengend und manchmal gefährlich, weil Menschen hervorkommen können, die stark vorbelastet sind und den Körper in Gefahr bringen.

Es kann auch passieren, dass zwei Personen gleichzeitig nach vorne getriggert werden und sich den Körper teilen müssen. Lena und Lenny haben zum Beispiel ähnliche Trigger. Es ist schon vorgekommen, dass sie beide gleichzeitig hervorgetriggert wurden und jeder eine Hälfte des Körpers übernahm. Dann haben sie versucht in unterschiedliche Richtungen zu rennen. Das ist sehr anstrengend, weil man sich dann in dem Körper eingeengt fühlt und sich nicht bewegen kann, wie man möchte.

Jeder von uns nimmt den Körper unterschiedlich wahr. Es kommt vor, dass manche kaum oder gar nicht von einer Krankheit beeinträchtigt sind, während andere sich wirklich krank fühlen. Einmal hatten wir einen gebrochenen Fuß. Während unsere Kinder sehr viele Schmerzen hatten, hat ein anderer Anteil den Schmerz gar nicht wahrgenommen und konnte sogar ohne Probleme laufen.

Mein Partner hat ebenfalls eine Dissoziative Identitätsstörung

Wir können leider nicht kontrollieren, wer wann nach vorne kommt – auch ich als Host nicht. Aber mein Partner kann uns helfen: Wenn ein bestimmter Mensch gebraucht wird, kann er eingreifen und durch bekannte Trigger jemand anderen nach vorne holen. Als wir beispielsweise wussten, dass wir an diesem Interview teilnehmen dürfen, haben wir mit unserem Partner abgesprochen, dass er dafür sorgt, dass ich zu dem Zeitpunkt des Interviews draußen bin, weil ich mich am meisten auskenne.

Mein Partner hat ebenfalls eine Dissoziative Identitätsstörung. Ich weiß, dass zwischen meinen und seinen Persönlichkeiten romantische Beziehungen bestehen. Andere Persönlichkeiten aus meinem und seinem System pflegen Freundschaften. Manche meiner Persönlichkeiten hatten noch nie Freunde und wurden in der Schule gemobbt. Es tut ihnen deshalb sehr gut, Freundschaften aufzubauen. Ein anderer Vorteil ist, dass wir bei Beziehungsproblemen auch Persönlichkeitsanteile um Rat fragen können, die komplett neutral sind. Problematisch wird es, wenn bei ihm und bei mir gleichzeitig zwei Menschen draußen sind, die sehr stark vorbelastet sind. Die können sich dann gegenseitig runterziehen oder zu Selbstverletzungen anstacheln.

Aber mein Partner hat uns auch schon gerettet. Einmal ist beispielsweise während eines Spaziergangs eine Person hervor getriggert worden, die wir davor alle noch nicht kannten. Sie war total überfordert, weil diese Person nicht wusste, was los war, wo sie war, warum sie in diesem Körper war und warum eine fremde Person auf sie einredete. Mein Partner hat sie dann nach Hause gebracht, beruhigt und ihr das Tagebuch mit allen Informationen zu uns gezeigt.

Mein Partner und ich bekommen viel Unterstützung. Bald werden wir in eine betreute Wohnung ziehen, dann kommt ein paar Mal die Woche jemand, um uns im Haushalt und mit anderen Angelegenheiten zu helfen. Einkaufen können wir nur zu zweit oder mit Begleitung. Denn wenn wir an der Babyabteilung vorbeigehen, kann es passieren, dass ein Kind rauskommt oder wenn wir an Rasierklingen vorbeikommen, jemand, der sich verletzen will. Deshalb brauchen wir Begleitung, die auf uns aufpasst.

Andere Menschen bekommen nicht unbedingt mit, dass ich verschiedene Persönlichkeitsanteile habe. Viele wissen auch gar nicht, dass es die Dissoziative Persönlichkeitsstörung gibt oder was sie bedeutet. Aber wenn beim Einkaufen ein Kind nach außen kommt, dann ist der Switch schon deutlich zu merken: In einem Moment rede ich wie ein erwachsener Mann, im nächsten wie ein kleines Mädchen, das unbedingt ein Stofftier kaufen will. Wir wurden auch schon öfter von fremden Menschen angesprochen, wenn das passiert ist. Denen erklärt ein erwachsener Anteil oder unsere Begleitung dann, dass wir unterschiedliche Persönlichkeitsanteile haben, die jeweils anders reagieren.

Unser Ziel ist es, Switches mehr kontrollieren zu können

Manche Leute geben sich damit zufrieden, andere bohren immer weiter nach und wollen wissen, was der Hintergrund dieser Erkrankung ist. Das kann sehr anstrengend und für manche Persönlichkeitsanteile auch triggernd sein. Menschen, mit denen wir länger zu tun haben, erzählen wir im Vorfeld von unserer Diagnose, damit sie sich auf verschiedene Persönlichkeiten einstellen können und verstehen, was los ist, wenn plötzlich ein Kind vor ihnen sitzt.

Wir bekommen regelmäßig Psycho- und Ergotherapie. Unser Therapieziel ist nicht, dass wir irgendwann keine unterschiedlichen Anteile mehr haben. Unser Ziel ist es, Switches mehr kontrollieren zu können, Trigger besser zu vermeiden und Trauma aufzuarbeiten.

Im Moment bewirbt Sandra sich um Jobs. Aber die Suche ist nicht einfach, da wir nur Jobs machen können, in denen keine problematischen Trigger lauern. Außerdem ist es schwierig einen Job zu finden, den alle ausführen können und der alle interessiert. Im Moment begeistern wir uns für Autos und bewerben uns als Mechaniker.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass mehr Menschen über die Dissoziative Identitätsstörung Bescheid wissen und wir nicht immer angestarrt oder mit Fragen überhäuft werden. Wir wollen nicht wie Aussätzige behandelt werden, nur weil wir ein bisschen anders sind und anders auf verschiedene Situationen reagieren als „normale“ Menschen.“

Hintergrundwissen zum Thema „Dissoziative Identitätsstörung“ (DIS):

Laut dem statistischen Manual für psychische Erkrankungen (DSM–5) erleben Betroffene der Dissoziativen Identitätsstörung (früher auch „Multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt) mindestens zwei unterschiedliche Persönlichkeitszustände, die auch als „andere Personen“, Selbstzustände oder Identitäten bezeichnet werden. In Folge eines ungewollten Wechsels der Persönlichkeitszustände nehmen Betroffene sich selbst anders wahr. Ihr Gemütszustand, Verhalten, Erinnerung, Kognition und Fähigkeiten verändern sich. Es kann auch vorkommen, dass sie ihren Körper anders wahrnehmen (z.B. nicht ihrem biologischen Alter oder Geschlecht entsprechend). Außerdem erleben sie Gedächtnislücken, die sich in ihrem Ausmaß von normalem Vergessen unterscheiden.

Bei manchen Betroffenen ist der Wechsel der Identitäten für Außenstehende leicht erkennbar, da es scheint, als hätte eine andere Person oder ein anderes Wesen die Kontrolle übernommen. In anderen Fällen sind die verschiedenen Identitätsanteile nach außen weniger offensichtlich. Aber die Betroffenen nehmen plötzliche Veränderungen ihrer Selbst wahr oder fühlen sich, als würden nicht sie selbst etwas erleben, fühlen oder denken, sondern als wären sie Beobachter dieser Vorgänge. Nach außen können plötzliche Veränderungen von Meinungen und Geschmäckern auffallen, wie zum Beispiel wechselnde Vorlieben für Kleidung oder Essen.

Es wird geschätzt, dass innerhalb eines Jahres 1,5 Prozent der Bevölkerung von der Dissoziativen Identitätsstörung betroffen ist. Die meisten Betroffenen dieser Erkrankung haben in ihrer Kindheit oder Jugend schwere Trauma oder überwältigende Belastung erlebt. Die Erkrankung kann in jedem Alter in Erscheinung treten. Viele Menschen mit DIS haben zusätzliche andere psychische Störungen wie Depressionen, Angst- oder substanzbezogene Abhängigkeitserkrankungen. Außerdem können Halluzinationen in Bezug auf das Sehen, den Tast-, Geruch- oder Geschmacksinn vorkommen.

Die Psychotherapeutische Behandlung von Menschen mit DIS dauert oft viele Jahre, wobei meist das Ziel ist, die verschiedenen Persönlichkeitsanteile zu integrieren oder zumindest bewusster zugänglich zu machen und das Trauma zu bearbeiten.

Möchtest auch du von deiner psychischen Krankheit oder darüber, wie du die Symptome überwunden hast, erzählen? Dann melde dich gerne via info@jetzt.de. Mit deinen Informationen gehen wir selbstverständlich vertraulich um.

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