Popkultur kann helfen, mentale Erkrankungen zu entstigmatisieren

Nhi Le findet: Animationsserien und Worte von Promis wie Billie Eilish können helfen, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke; Foto: Netflix, Tolga Akmen / afp

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Trigger-Warnung: Dieser Text thematisiert psychische Erkrankungen und ihre Folgen.  

Es gibt einige Dinge, die ich gerne schon als Teenagerin gewusst hätte. Zum Beispiel, dass ich den Tampon beim Pinkeln nicht entfernen muss. Aber auch, dass plötzliches Herzrasen, Kurzatmigkeit oder sogar Atemnot nicht einfach „Schulstress“ oder Nervosität bedeuten, sondern auch eine Panikattacke anzeigen können. Bei Letzterem hätte sicherlich geholfen, wenn mentale Gesundheit auch schon in meiner Jugend ernst genommen worden wäre. Wenn man also zum Beispiel in der Schule darüber gesprochen, aber auch, wenn es damals mehr Medienangebote zu dem Thema gegeben hätte. Denn die helfen mittlerweile sehr dabei, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren.

Ende Mai wird beispielsweise die Doku-Serie „The Me You Can’t See“, produziert von Oprah Winfrey und Prinz Harry, erscheinen. Ich habe das Format zwar noch nicht gesehen, aber ich habe Hoffnung, dass es dem Titel gerecht wird, indem es eine viel zu oft verschwiegene, aber weit verbreitete Thematik behandelt. In der Serie werden verschiedene Menschen mit psychischen Erkrankungen zu Wort kommen, darunter weltbekannte Promis wie Lady Gaga oder Glenn Close. Auch andere Prominente, wie beispielsweise die Sängerin Billie Eilish, thematisieren Mental-Health-Themen immer wieder öffentlich. Eilish ermutigt ihre Fans auch immer wieder, sich bei Problemen professionelle Hilfe zu suchen. 

Dass es einen positiven Effekt haben kann, wenn Prominente öffentlich über mentale Gesundheit sprechen, erklären die Psychiaterinnen Amanda Calhoun und Jessica Gold in einem Paper aus dem Jahr 2020. Sie argumentieren, dass viele Menschen ihre Informationen zuerst über Medien beziehen. Deshalb seien die medialen Kanäle Prominenter ein Ort, an dem Menschen mit dem Thema mentale Gesundheit in Berührung kommen könnten. 

Was im echten Leben unendlich komplex scheint, wird mit Animationen verständlicher gemacht

Popkultur und die mediale Darstellung von mentaler Gesundheit haben also enormes Potenzial, die öffentliche Diskussion voranzutreiben, Stigmata abzubauen und das Tabuthema „psychische Probleme“ zu normalisieren. Mir selbst halfen vor allem Animationen und deren Darstellung von mentaler Gesundheit, meine eigenen Erfahrungen besser zu verstehen und zu akzeptieren. Denn Gefühle oder eben psychische Erkrankungen werden hier oft als animierte Charaktere oder Kreaturen dargestellt. Was im echten Leben unendlich komplex scheint, wird somit greifbar und verständlicher gemacht. 

In der Netflix-Sitcom „Big Mouth“ geht es beispielsweise ums Erwachsenwerden. Die Figuren darin werden von verschiedenen Kreaturen durch die Pubertät begleitet. Zum Beispiel dem Hormonmonster, der Depressionskatze oder Tito, dem Angstmosquito. Mit Letzteren gelingt Big Mouth eine fantastisch-akkurate Darstellung der Krankheiten. Der nervige Mosquito schwirrt um die Betroffenen herum und malt sich ständig Worst-Case-Szenarien aus. „Ist schon lustig, aber ehrlich gesagt fühlt sich Anxiety exakt so an, wie es hier als Mosquito dargestellt wird“, heißt es im beliebtesten Kommentar unter einem „Tito“-Video auf Youtube – und ich stimme zu. Übrigens gibt es in der Serie gegen Ende auch eine Kreatur, die dem Charakter hilft, der Angst etwas entgegenzusetzen. Wie schön wäre es gewesen, hätte ich diese Serie bereits als Teenagerin schauen können?

Ähnlich gut macht es der Pixar-Film „Alles steht Kopf“ von 2015. Er vermittelt, wie unsere Grundgefühle Freude, Angst, Wut, Kummer und Ekel zusammenspielen und weshalb auch Kummer seine Berechtigung hat. Der Film schafft einen leichten Zugang zu komplexen Themen rund um die Psyche. 2016 veröffentlichte der Arzt Michael Bryant daher ein Paper, in dem er den Film Patient*innen empfahl, um damit das eigene Verständnis für Emotionen zu vertiefen. 

Natürlich ist mentale Gesundheit aber nicht nur in fiktionalen Formaten wie Serien oder Filmen ein Thema. Es gibt auch immer mehr journalistische Angebote, so zum Beispiel den funk-Account „Psychologeek“ auf Youtube oder den Cosmo-Podcast „Danke, gut“, in dem Journalistin Miriam Davoudvandi Personen des öffentlichen Lebens trifft, um mit ihnen über alles rund um „Pop und Psyche“ zu sprechen.

Es gibt auch Darstellungen, die Schaden anrichten können

Leider trägt aber nicht jedes Medium zu Verständnis und offenen Diskussionen über mentale Gesundheit bei. Im Gegenteil, es gibt auch Darstellungen, die Schaden anrichten können. Der Psychiater Vasilis Pozios stellte beispielsweise fest, dass viele Comics, Videospiele und Fernsehserien Gewalt und Kriminalität auf psychische Erkrankungen zurückführen. Somit würden sie Stigmata eher vertiefen.

Die von Ärzt*innen und Gesundheitsexpert*innen geführte Website verywellmind argumentiert ebenfalls, dass Medien Themen rund um psychische Gesundheit immer wieder falsch darstellen oder sogar glamörisieren. Ein bekanntes Beispiel: die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ aus dem Jahr 2017. Den Macher*innen wurde vorgeworfen, darin Suizid zu ästhetisieren. Laut einer Studie stieg in Folge der Ausstrahlung tatsächlich die Suizidrate bei Jugendlichen in den USA.

Das Beispiel zeigt: Nicht jede Art von Aufmerksamkeit für psychische Erkrankungen ist gut. Denn es gibt einen Unterschied zwischen Thematisierung und Trivialisierung mentaler Gesundheit. Nur eine authentische Aufarbeitung, die psychische Erkrankungen nicht skandalisiert, kann Betroffenen auch wirklich helfen. Ich selbst finde, dass gerade Memes oft auf diesem schmalen Grat balancieren. Für mich bedeuten Memes über Panik oder Angst immer Erleichterung. Der Gedanke, mit meinen „komischen“ Verhaltensmustern nicht allein zu sein, ist beruhigend. Psycholog*innen haben das ebenfalls festgestellt: Humor kann zur Entstigmatisierung von mentalen Probleme beitragen. Natürlich kann ich mir aber auch vorstellen, dass es viele Betroffene gar nicht lustig finden, wenn ihre Situation der Stoff für Memes ist. 

Ich denke trotzdem, dass es wichtig ist, dass sich die Popkultur weiterhin an diese Themen wagt. Dass sie psychische Erkrankungen ernst nimmt, ohne dabei selbst bitterernst werden zu müssen. Und eigentlich braucht man davor auch keine Angst zu haben. Es braucht nur die nötige Sensibilität und ein bisschen Geschick, um auf dem Grat zu balancieren.

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