„Man kann wieder glücklich werden“

Die Angststörung kam bei Lea wie aus dem Nichts.
Illustration: FDE

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In unserer monatlichen Reihe „Talking Minds“ berichten Menschen von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen. Ihre Geschichten, Gedanken und Symptome können dabei individuell sehr unterschiedlich sein, deshalb findest du am Ende auch allgemeinere Informationen zum Thema.

Heute erzählt eine 27-jährige Sprachtherapeutin von ihrer Generalisierten Angststörung. Damit ihr Arbeitsumfeld nicht von ihrer psychischen Erkrankung erfährt, möchte sie in diesem Text nicht bei ihrem echten Namen, sondern Lea genannt werden. Lea ist seit sieben Jahren in ärztlicher und psychologischer Behandlung.

„Eine generalisierte Angststörung fühlt sich an wie eine schwere, dunkle Wolke, die über einem schwebt. Manchmal ist sie genau über einem, mal verfolgt sie einen. Sie lauert immer irgendwo. Der Kopf ist nie ruhig. Ich machte mir über alles Mögliche Gedanken, was mich unheimlich hemmte. Ich hatte keine Angst vor einer konkreten Katastrophe. Die Angst war eher ein Gefühl, eine Intuition, die im Hintergrund lauerte und mir sagte: ‚Das wird schiefgehen, bleib lieber zuhause.‘

Meine erste akute Phase der Erkrankung dauerte fast ein Jahr. In dieser Zeit konnte ich nicht arbeiten und verließ kaum meine Wohnung. Ich hatte Angst, dass ich nie mehr glücklich werde, arbeiten oder studieren kann und meine Beziehung in die Brüche geht. Am schlimmsten war die Befürchtung, dass mich die Angst für immer verfolgen wird und ich keine Kontrolle darüber habe. Ich hatte alle dunklen Gedanken, die man haben kann.

„Heute weiß ich: Man kann damit weiterleben“

Das ist mittlerweile sieben Jahre her. Heute geht es mir, auch dank einer langen Therapie, sehr gut. Ich bin weiterhin ängstlicher als die meisten Menschen und verlasse nicht gerne mein gewohntes Umfeld, aber die Angst bestimmt nicht mehr mein Leben. Ich glaube zwar, dass mich die Angststörung immer begleiten wird. Es wird Schicksalsschläge geben, stressige Zeiten. Das sind mögliche Auslöser, die ich nicht beeinflussen kann. Aber ich habe mittlerweile das Handwerkszeug, um gut mit der Erkrankung umzugehen und ihre Frühwarnzeichen zu erkennen. Heute weiß ich: Eine psychische Erkrankung wie eine Angststörung oder Depression kann man behandeln und damit weiterleben – ähnlich, wie wenn man Diabetes oder Bluthochdruck hat.

Menschen mit Generalisierter Angststörung sollten sich also wegen der Erkrankung nicht selbst geißeln, sondern versuchen, sie anzunehmen. Es ist keine Schande, psychisch erkrankt zu sein. Man ist nicht weniger wert, nur weil man nicht so viel leisten kann. Ich rate Betroffenen, sich anderen Menschen anzuvertrauen, Hilfe anzunehmen. Außerdem sollten sie sich keine zu hohen Ziele setzen, sondern jeden Tag Schritt für Schritt gehen und darauf vertrauen, dass es irgendwann besser wird. Man kann wieder glücklich werden, auch wenn es sich am Anfang nicht so anfühlt.

Am Anfang meiner Geschichte steht ein Knall aus dem Nichts: Ich saß mit meinem Freund in einem kleinen Café, wir tranken Tee und unterhielten uns. Plötzlich wurde mir schummrig. Ich hatte das Gefühl, mich von mir selbst loszulösen. Starke Angst kam hoch, mein Herz schlug bis zum Hals, mir wurde schlecht und schwindelig, sodass ich dachte, ich würde gleich umkippen. Ich schwitzte, obwohl mir kalt war. In dieser absoluten Verzweiflung sagte mir mein Überlebensinstinkt: ‚Nur noch weg hier!‘ Ich ließ alles stehen und liegen und rannte aus dem Café. Die U-Bahn-Fahrt nach Hause war eine Katastrophe. Ich hatte das Gefühl, dass gleich irgendetwas Schlimmes passieren würde. Gleichzeitig wusste ich nicht, wovor ich Angst hatte. Zuhause brach ich zusammen.

„Ich bekam schließlich Angst vor der Angst“

Die darauffolgende Zeit war von Angst und Panik geprägt. Ich fürchtete mich in Menschenmengen oder beim U-Bahn- oder Busfahren. Bald konnte ich auch nicht mehr zum Bäcker ums Eck oder für einen Spaziergang in den Park. Die Angst war da, sobald ich die Wohnung verließ oder Anforderungen an mich gestellt wurden. Sie manifestierte sich so stark, dass ich schließlich Angst vor der Angst bekam. Wollte ich raus, sagte ich mir: ‚Das wird sowieso nicht funktionieren, du wirst Angst bekommen.‘ Deshalb verließ ich die Wohnung irgendwann gar nicht mehr.

Aber auch in der Wohnung wurde alles schlechter: So einfache Dinge wie Haushalt machen oder Duschen überforderten mich. Ich kam kaum mehr aus dem Bett und schlief sehr viel. Als ich merkte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte, ging ich zu meinem Hausarzt. Ich hoffte, körperliche Ursachen für meine Symptome zu finden. Der Arzt aber untersuchte mich gründlich und schickte mich zu einer Psychologin. Als ich die psychische Erkrankung diagnostiziert bekam, war das schlimm für mich: Mir wurde klar, dass mein Problem nicht in zwei Wochen und mit einem Antibiotikum gelöst werden konnte. Ich wusste, dass es ein langer Weg würde, da wieder rauszukommen.

Mein Arzt verschrieb mir schließlich Medikamente, die mir sehr geholfen haben. Außerdem begann ich eine Gruppentherapie. Anfangs besuchte ich sie einmal pro Woche, heute einmal im Monat. Mittlerweile sind wir seit sieben Jahren eine feste Gruppe, die sich gegenseitig unterstützt. Im ersten Jahr meiner Therapie ging es nur darum, zu überleben. Danach kam die Arbeit an tieferliegenden Themen. Ich habe gelernt, meine Erkrankung zu akzeptieren, Grenzen zu setzen, Menschen, die mir nicht guttun, aus meinem Leben zu streichen, mich nicht mehr unterbuttern zu lassen. Kurz: ein erfüllteres Leben zu führen.

Meinen Freunden gegenüber ging ich immer sehr offen mit der Erkrankung um und sie zeigten viel Verständnis. Weil ich zu meinen Eltern ein distanziertes Verhältnis habe, erzählte ich ihnen kaum davon. Mein Freund dagegen hat die Erkrankung ja von Anfang an mitbekommen. Zu Beginn war es schwierig für ihn, weil er nicht wusste, wie er damit umgehen soll. Aber wir sind gemeinsam daran gewachsen. Heute ist er mein wichtigster Begleiter.

„Zu Beginn der Pandemie hatte ich einen Rückfall“

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte ich, wie viele psychisch erkrankte Menschen, einen Rückfall: Diese akute Episode meiner Angsterkrankung war noch schlimmer war als die erste. Ich hatte gerade meinen Job als Sprachtherapeutin begonnen und war noch in der Probezeit, was mich unter Druck setzte. Zwei Wochen später kam der erste Lockdown, Kurzarbeit, finanzielle Sorgen, Konflikte in der Familie – und plötzlich war die Angst wieder da.

Dieses Mal war sie auch in meinem Zuhause präsent und ich hatte keinen gefühlt sicheren Rückzugsort mehr. In der Nacht wachte ich aus Albträumen auf und musste meinen Freund wecken, weil ich allein nicht klarkam. Ich begann dann aber schnell, wieder Medikamente gegen die Angst zu nehmen und zwang mich, die Wohnung zu verlassen. Denn ich wusste aus meiner ersten akuten Episode, dass ich mich der Angst stellen musste, um sie zu besiegen. Schritt für Schritt kämpfte ich mich in mein Leben zurück.

Schon nach vier Wochen konnte ich, auch dank meines Auffangnetzes aus der Gruppentherapie, wieder arbeiten. Ich bin froh um diese Unterstützung und rate allen Betroffenen, sich jede mögliche Hilfe zu holen. Denn: Ganz allein schafft man es kaum.“

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Was ist eine Generalisierten Angststörung (GAS)?

Laut dem Diagnostischen und Statistischen Manual für Psychische Erkrankungen in fünfter Auflage, kurz DSM-5, ist die Generalisierte Angststörung durch exzessive Ängste und Sorgen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten gekennzeichnet. Im Gegensatz zu den spezifischen Angststörungen wird die Angst nicht ausschließlich durch eine konkrete Umgebungssituation (zum Beispiel geschlossene Räume) ausgelöst, sondern ist umfassend, anhaltend und in ihrem Inhalt wechselnd.

Die Ängste und Sorgen beziehen sich häufig auf mögliche zukünftige Unglücke oder Erkrankungen, alltägliche Anlässe, Verantwortungen im Beruf oder Fragen zu Gesundheit und Finanzen. Sie sind in ihrem Umfang und Ausmaß unangemessen groß und es fällt den Erkrankten schwer, diese zu kontrollieren, was ihr berufliches und soziales Leben einschränkt und belastet.

Betroffene leiden infolge der ständigen Sorgen und Ängste unter Beschwerden wie Unruhe und ständiger Anspannung, Ermüdung, Konzentrationsschwierigkeiten, Gereiztheit, Benommenheit, Schlafstörungen, Nervosität bis hin zur Todesangst. Körperliche Symptome können beispielsweise Schweißausbrüche, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühle, Schwindel, Hitzewallungen oder Kälteschauer sein.

Der Verlauf einer GAS ist häufig chronisch und schwankend, wobei die Symptome unter Stress stärker werden. Viele Betroffene haben außerdem eine oder mehrere weitere Diagnosen, wie Depression, spezifische Phobien und Panikstörung, wobei die Angsterkrankung meist vor der depressiven Symptomatik auftritt.

Innerhalb eines Jahres erkranken etwa drei Prozent der Bevölkerung an der Angsterkrankung, Frauen doppelt so oft wie Männer. Die Erkrankung zeigt sich meist erst im Erwachsenenalter, kann aber schon in der Kindheit und Jugend beginnen. Behandelt wird die GAS mit Psychotherapie, oft in Kombination mit Entspannungsübungen und sportlicher Betätigung. In schwereren Verläufen mit Antidepressiva oder Anxiolytika. Wenn du oder eine dir nahestehende Personen unter starker Angst leiden, kannst du deine Hausärzt*in oder eine Psycholog*in aufsuchen. Auch Selbsthilfegruppen können Betroffenen und Angehörigen helfen, mit der Belastung umzugehen.

Möchtest auch du von deiner psychischen Krankheit oder darüber, wie du die Symptome überwunden hast, erzählen? Dann melde dich gerne via info@jetzt.de. Mit deinen Informationen gehen wir selbstverständlich vertraulich um

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