„Wenn man Dinge ausspricht, dann werden sie real“

In unserer Kolumne erzählt Mia von ihrem Leben als Kifferin. In der letzten Folge fragt sie sich, ob sie irgendwann aufhört zu kiffen.
Protokoll von Niko Kappel

Adrian Rodriguez / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Zum Kiffen hat so ziemlich jede*r eine Meinung. In der öffentlichen Debatte darüber kommen die Konsument*innen aber am wenigsten zu Wort. Das sind in Deutschland rund 3,7 Millionen Menschen – und längst nicht alle kiffen aus medizinischen Gründen. Die Studentin Mia kifft seit sieben Jahren. Hier erzählt sie von ihrem Alltag mit Cannabis. 

„Ich habe hier fast ein halbes Jahr aus meinem Leben erzählt. Jede Woche habe ich über meinen Konsum gesprochen. Es wird komisch sein, wenn das auf einmal weg ist. Irgendwie ist diese Kolumne für mich zur Routine geworden. Es ist teilweise schon seltsam zu lesen, was ich so vor einem halben Jahr erzählt habe. Wenn man jede Woche über seinen Konsum spricht, dann fallen einem Dinge auf. Ich dachte vor einem halben Jahr nicht, dass ich es nötig habe, mit dem Kiffen aufzuhören. Aber mittlerweile mach ich mir schon Gedanken: Warum tue ich das eigentlich?

Ich kiffe auf jeden Fall nicht mehr aus Gruppenzwang, wie ich es noch mit 16 gemacht habe. Aber – wenn ich ehrlich bin – auch nicht mehr nur, weil ich Spaß am Rausch habe oder weil ich ab und zu mal runterkommen will. Ich kiffe gerade hauptsächlich, weil ich denke, dass ich ohne Gras nicht mehr schlafen kann, nicht mehr kreativ sein kann und mein ADS nicht in den Griff bekomme. Ich habe kein gesundes Verhältnis zu Gras.

Ich will Marihuana aber nicht generell verteufeln. Wir reden hier von meiner persönlichen Geschichte – und nicht jede kiffende Person ist wie ich. Ich habe eine psychische Abhängigkeit entwickelt. Das kann bei Gras passieren, ja. Aber auch bei Computer-Spielen, Instagram-Likes oder Online-Poker. Das sind alles keine schlechten Dinge per se. Man muss nur richtig damit umgehen. Ich finde nicht, dass meine Geschichte zeigt, dass Gras schlecht ist. Sie zeigt, dass es gefährlich sein kann, wenn man nicht lernt, damit richtig umzugehen. Und sie zeigt auch, dass Gras in unserer Gesellschaft falsch diskutiert wird.

„Es bringt nichts, eine Sache oder eine Person von Grund auf zu verteufeln“

Wir brauchen beim Thema Cannabis einen offeneren Dialog, wir brauchen Aufklärung statt Verbote. Ich bin das beste Beispiel: Man hat einiges bei mir versucht: Drogenberatung, elterliche Autorität und Interventionen von Freunden. Nichts davon hat geholfen, nichts davon ist zu mir durchgedrungen. Wann immer Autoritäten versucht haben, mich vom Kiffen abzuhalten, habe ich nicht eingesehen, dass ich ein Problem habe und einfach weiter gemacht.

Was mir aber geholfen hat: in dieser Kolumne Woche für Woche darüber zu sprechen. Wenn man Dinge ausspricht, dann werden sie real. Und dann muss man sie reflektieren und kann sie nicht mehr einfach so wegschieben. Ich wünsche jedem, der Suchtprobleme hat, dass er Menschen kennt, die mit ihm auf Augenhöhe darüber sprechen. Es bringt nichts, eine Sache oder eine Person von Grund auf zu verteufeln. Man muss selber begreifen, dass man ein Problem hat und das habe ich.

Ich will unabhängig sein und deshalb will ich aufhören zu kiffen. Seit ein paar Wochen rauche ich deshalb weniger, manchmal sogar tagelang gar nicht. Es ist hart, vor allem das Einschlafen. Aber ich glaube fest daran, dass ich das hinkriege. Einfach deshalb, weil ich dieses Mal selbst verstanden habe, dass mein Konsum zu einem Problem geworden ist. 

„Es ist okay, wenn man ab und zu einen Joint raucht“

Ich würde mir trotzdem wünschen, dass ich irgendwann wieder ein gesundes Verhältnis zu Gras bekomme. Back to normal quasi. Ich will entspannt mit Freunden einen Feierabend-Joint irgendwo im Park rauchen. Ich will aber nicht mehr alleine nachts um drei Uhr einen Riesenjoint rauchen und mir dabei die 25. Folge einer Serie reinknallen, die mich eigentlich gar nicht interessiert. Ich wiederhole jetzt nochmal diesen Satz, weil er für mich auch so ein bisschen die Moral der ganzen Geschichte hier ist: Die Dosis macht das Gift. Es ist okay, wenn man ab und zu einen Joint raucht. Zur Entspannung, nach Feierabend oder in einer Runde mit Freunden. Es ist aber nicht okay, wenn man allein im Bett liegt und drei Lunten durchzieht.

Also. Ich hoffe, dass alle, die sich tatsächlich 24 Mal hier mein Gerede durchgelesen haben, mich ein bisschen verstehen. Dass es keine stupide Geilheit auf Rausch war, wegen der ich in diese psychische Abhängigkeit geraten bin, sondern persönliche Umstände, wie zum Beispiel eine Konzentrationsschwäche oder ein jugendliches Geltungsbedürfnis. Diese Umstände können jedem passieren. Oder sie passieren eben nicht. Dann kann man aus meiner Sicht ganz in Ruhe ab und zu einen kiffen. Das ist dann okay. Wenn man aber merkt, dass man ohne Kiffen nicht mehr kann, dann sollte man mit anderen Menschen darüber sprechen und ihnen von sich erzählen. Das konnte ich hier ein halbes Jahr lang. Danke dafür!“

Mia heißt nicht wirklich Mia, möchte aber  ihren richtigen Namen nicht im Internet lesen. Ihr wahrer Name ist der Redaktion bekannt. Für diese Kolumne treffen wir sie regelmäßig und sprechen mit ihr über ihr Leben als Kifferin.

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