Warum es in der Schule Zykluskunde geben sollte

Nur durch Bildung können wir Mythen und Vorurteile beenden.
Von Rena Föhr
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In der Schule sollte es Zykluskunde geben, findet Rena Föhr.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Bio-Unterricht, sechste Klasse, Sexualkunde. Ich hatte mich monatelang darauf gefreut und all meine Hoffnungen in unseren Lehrer gesetzt. Er war jung, cool

und beliebt – manche Schüler*innen waren sogar

verliebt in ihn. Wenn jemand über dieses geheimnisvolle Thema namens Sex und Sexualität Bescheid wusste, dann wohl er. Doch ich wurde enttäuscht. Statt über Fragen und Unklarheiten zu reden und vielleicht ein paar relevante Produkte aus der Nähe anzusehen, studierten wir Querschnitte von „Scheide“ und „Glied“ auf dem Overheadprojektor. Es war nicht viel spannender, als die Bestandteile eines Insektenkörpers zu benennen – es wurde nur mehr gekichert.

Ein Zeichentrickfilm vermittelte uns zwar auch praktischere Aspekte, aber die bezogen sich vor allem auf die männliche Anatomie – es ging um feuchte Träume und spontane Erektionen. Ich war froh, dass mir „so was“ nicht passieren würde, wusste aber nicht, was stattdessen bei mir los war – was der Schleim in meiner Unterhose sollte, zum Beispiel.

Die Menstruation war uns schon peinlich, bevor wir sie selbst hatten

Obwohl (oder weil?) wir im Sexualkundeunterricht keine Menstruationsprodukte zu Gesicht bekommen hatten, brachten im gleichen Jahr ein paar Jungs Tampons mit in die Schule, zerrten sie aus ihrer Plastikhülle und hängten sie während der Pause an die Tafel. Uns Mädchen blickten sie hämisch an. Ich schämte mich, ohne zu wissen, wofür – ich hatte noch nicht mal selbst einen Tampon benutzt. Inzwischen nähern sich meine ehemaligen Mitschüler, die Tampons damals für ihre Streiche nutzten, und ich dem dreißigsten Geburtstag. Manche haben Kinder, die meisten wahrscheinlich Berufe, in denen sie in gemischtgeschlechtlichen Teams arbeiten. Ich vermute, vom weiblichen Zyklus haben sie nach wie vor kaum Ahnung. Hätte ich auch nicht, wenn ich mich nicht aus Neugier später selbst eingelesen hätte.

Doch wie sieht es bei den Schüler*innen von heute aus? Immerhin gab es in der Sexualerziehung in den vergangenen Jahren Reformen: In manchen

Bundesländern wurde „Sexuelle Vielfalt“ in den Lehrplan aufgenommen.

Seitdem beschäftigen sich die Schüler*innen im Unterricht dort auch mit

LGBTQ-Themen, diversen Familienmodellen und Geschlechteridentitäten. Ich finde das eine großartige Entwicklung, denn auch die Diversität abseits der Hetero-Norm konnte ich erst als Erwachsene vorurteilsfrei entdecken.

Sexualkunde ist vielfältiger geworden, aber der Zyklus wird immer noch kaum erklärt

Was allerdings auch mal reformiert werden sollte: die Erklärung des weiblichen Zyklus. In den aktuellen Richtlinien für schulische Sexualerziehung wird er kaum erwähnt, in der bayerischen Version findet sich lediglich ein Hinweis zu „geschlechtsspezifische(n) Funktionen, u.a. Menstruation, Ejakulation“.

Klar sollte man über diese beiden Themen aufklären, aber bitte nicht im direkten Vergleich. Aus biologischer Perspektive passt die Ejakulation besser mit dem Eisprung zusammen – beides braucht man für eine (natürliche) Befruchtung. In Bezug auf das sexuelle Empfinden könnte man an der Stelle über verschiedene Arten von Orgasmen sprechen – kommen können zum Glück alle Geschlechter. Wenn es hingegen auf eine Erklärung nach dem Motto „Jungs masturbieren, Mädchen menstruieren“ hinausläuft, ist es kein Wunder, dass Mädchen* schon vor der ersten Blutung denken, sie hätten die Arschkarte gezogen.

Der Tweet einer Lehrerin ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Sie schreibt: „Schülerin hat am Ende vom Sexualkundeunterricht geweint. Bin dann mit ihr raus gegangen, auf alles gefasst. Sie hat geweint, weil das so unfair ist, dass Frauen die ganze Scheiße mit Menstruation und Geburt mitmachen müssen & Männer nicht.“

Auch für mich ist der Beginn der Menstruation nicht der angenehmste Part meines Zyklus. Aber das nimmt nur einen geringen Teil des kompletten zyklischen Ablaufs ein; die Energie und gute Laune in der Zyklusmitte dauert bei mir deutlich länger als meine Periodenschmerzen. Abgesehen davon sind starke Menstruationsbeschwerden nichts, das Frauen zwangsläufig „mitmachen müssen“, sondern haben eine medizinische Ursache, die es herauszufinden gilt. Dass man die Menstruation schon beängstigend findet, bevor man sie zum ersten Mal erlebt, kann jedenfalls kein Bildungsziel sein. 

Ein Gegenentwurf dazu ist das Aufklärungsprogramm „MFM –MyFertilityMatters“, das von der Ärztin Elisabeth Raith-Paula gegründet wurde und im vergangenen Jahr über 20 000 Mädchen* erreichte. Im Rahmen einer „Zyklusshow“ lernen sie, warum der Zyklus eine Superkraft ist, auf die sie stolz sein können (Jungs* besuchen parallel einen Workshop zu männlicher Fruchtbarkeit). Auch die Rolle des Zervixschleims, der mich während meiner Pubertät verunsichert hat, wird in den Workshops vermittelt. Es wird erklärt, warum sich die Konsistenz und Menge des Schleims im Laufe des Zyklus verändert und dass Spermien ohne ihn nicht überleben könnten.

Zyklus-Apps sind ein aktuelles Thema, das man in Sexualkunde besprechen sollte

Im Rahmen einer Recherche habe ich vor einigen Monaten ein zwölfjähriges Mädchen interviewt, in deren Schule ein solcher Workshop veranstaltet worden war. Sie erzählte mir selbstbewusst, dass sie sich schon auf den Beginn ihres Zyklus freue. 

Was man allerdings auch sagen muss: Sexuelle Vielfalt ist in dem Programm nicht vorgesehen. Aufgeteilt wird in Mädchen und Jungen und es geht viel darum, unter welchen Bedingungen und in welcher Zyklusphase sich Spermium und Eizelle treffen (können).

Immerhin stärken solche Programme die Körperkompetenz – und die ist auch im Hinblick auf neue Entwicklungen wie Zyklus-Apps wichtig. Auf Instagram habe ich kürzlich den Kommentar einer besorgten Mutter gesehen, die erzählte, dass einige Freundinnen ihrer Teenie-Tochter mit Kalender-Apps verhüteten. Auch auf Youtube informieren sich inzwischen viele über hormonfreie Verhütung – dort gibt es sowohl gut recherchierte als auch irreführende Videos. 

Unterscheiden, welche Inhalte zuverlässig sind, kann man nur, wenn man selbst die Funktionsweise des Zyklus kennt. Es wäre wichtig, solche Themen im Unterricht aufzugreifen und zu erklären, wie man lernen kann, seine individuellen Zyklen zu beobachten und zu verstehen – und warum eine App oder ein einzelnes Video dazu nicht ausreicht. Wichtig ist auch, dass das Shaming rund um den weiblichen Körper endlich abgebaut wird. Alle Geschlechter sollten zumindest mal gehört haben, dass Menstruation und Zervixschleim nicht eklig, sondern Anzeichen eines gesunden Zyklus sind.

Für ein Thema, das die Hälfte der Menschheit am eigenen Körper spürt, das in unserer Lebensplanung und unserem Alltag für einige Jahrzehnte eine Rolle spielt, sollten zumindest ein paar Schulstunden übrig sein. Selbst, wenn dann etwas weniger Zeit für Insektenkunde bleibt.

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