Was du über Geschlechtskrankheiten wissen solltest

Geschlechtskrankheiten sind für viele Menschen noch immer ein Tabu.
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Wann hast du deinen letzten HIV-Test gemacht? Wurde dein Urin schon mal auf Chlamydien untersucht? Fragen, die in unserer Gesellschaft tabuisiert werden. Sowohl im privaten als auch im medizinischen Kontext sprechen wir selten über das Thema Geschlechtskrankheiten. Denn obwohl sexuell übertragbare Krankheiten weit verbreitet sind, sind sie mit Scham belegt.

Während viele wie selbstverständlich die Symptome einer Angina oder Influenza kennen, wissen die wenigsten, was Genitalherpes ist. Das bestätigt eine Studie, die unter anderem von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung im vergangenen Jahr durchgeführt wurde. Die Forscher*innen befragten fast 5000 Testpersonen. Sie baten sie unter anderem darum, alle Geschlechtskrankheiten aufzuschreiben, die ihnen einfielen. Während mehr als 70 Prozent zumindest auf AIDS kamen, fielen Krankheiten wie Hepatitis B oder Genitalherpes nur etwa zehn Prozent ein.

Verschiedene Geschlechtskrankheiten und ihre Symptome

Siegbert Rieg ist Oberarzt in der Abteilung Infektiologie der Uniklinik Freiburg und engagiert sich beim Checkpoint Freiburg, einem Beratungszentrum für sexuelle Gesundheit. Er hat einen Überblick über verschiedene Symptome erarbeitet, die auf Geschlechtskrankheiten hindeuten können. Dabei ist die Bandbreite an Krankheitsanzeichen enorm groß und reicht von leichten Hautentzündungen oder Ausfluss bis hin zu Muskelschmerzen oder Erbrechen.

Offene Stellen

Zum einen gibt es eine Gruppe von Erkrankungen, die sich über offene Stellen wie beispielsweise Wunden äußern. „In diese Kategorie fallen etwa Syphilis im Frühstadium oder Genitalherpes. Beide Krankheiten zeigen sich meist anhand offener Stellen im Genital-, Anal- oder Oralbereich“, sagt Siegbert Rieg. „Wobei bei Genitalherpes auch kleine Bläschen auftreten können.“ Vielen dürfte diese Art der Bläschen von Herpes an der Lippe bekannt sein. 

Ungewöhnlicher Ausfluss 

Eine zweite Kategorie besteht aus Krankheiten, die zu verändertem Ausfluss führen. „In diese fallen etwa Tripper, was im medizinischen Bereich als Gonorrhoe bezeichnet wird, Chlamydien-Infektionen oder Trichomoniasis.“ Bei Gonorrhoe handelt es sich um eine Krankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird. Diese befallen meist die Schleimhäute der Harnröhre sowie die des Gebärmutterhalses oder des Rachens und verursachen dort Entzündungen. Charakteristische Anzeichen für Gonorrhoe sind etwa übel riechender Ausfluss aus der Vagina oder der Harnröhre sowie Schmerzen beim Urinieren.

Chlamydien können ebenfalls zu Entzündungen in der Harnröhre oder im Genitaltrakt führen. „Die Chlamydien-Infektion kann jedoch insbesondere bei Frauen asymptomatisch, also ohne Beschwerden, verlaufen“, erklärt der Experte. „Das kann mitunter gefährlich werden, da die Betroffenen eine aufsteigende Infektion entwickeln können, die das kleine Becken und die Eileiter betreffen kann. Bei einem schweren Verlauf kann es so zu einer Verklebung der Eileiter und möglicherweise zur Unfruchtbarkeit kommen.“ Trichomoniasis wird hingegen nicht von Bakterien verursacht. Hier führen parasitäre Einzeller zu Entzündungen in der Scheide oder der Harnröhre. Während Männer häufig keine bis milde Symptome aufweisen, äußert sich die Krankheit bei Frauen durch einen schaumigen Ausfluss sowie ein Brennen im Intimbereich.

Fieber, Ausschlag und Erschöpfung

Als letzte Gruppe nennt Professor Rieg Krankheiten, die meist nicht zu genitalen, sondern systemischen Beschwerden führen. Also zu Krankheitsanzeichen, die nicht nur punktuell auftreten, sondern den gesamten Körper betreffen. Bei diesen Krankheiten lassen sich die Symptome oft nicht eindeutig zuordnen. „In diese Gruppe fallen Erkrankungen wie Hepatitis-B oder eine HIV-Infektion“, so Rieg. Sowohl Hepatitis-B als auch HIV sind Viren und äußern sich meist durch  grippeähnliche Symptome wie Fieber oder Abgeschlagenheit. Daneben gibt es jedoch noch eine Vielzahl weiterer Anzeichen wie Muskelschmerzen oder Übelkeit. Sowohl bei der HIV-Infektion als auch bei der bereits erwähnten Syphilis kann es außerdem zu Hautausschlägen, die den ganzen Körper betreffen, kommen.

Kann ich mich beim Küssen bereits infizieren? 

Neben möglichen Anzeichen für Geschlechtskrankheiten macht der Infektiologe zudem auf die Übertragungswege aufmerksam: „Ganz allgemein gilt: Sobald Schleimhautkontakt besteht, können Erreger übertragen werden. Und Schleimhautkontakt bedeutet ganz vereinfacht gesagt: Feuchte Haut auf feuchter Haut, was beim Küssen ja durchaus der Fall ist.“ So können Herpes-Viren und Gonokokken, die Erreger der Gonorrhoe, leicht über die Mundschleimhäute übertragen werden. Währenddessen werden andere Erreger wie etwa HIV nicht durch Küssen und nur sehr selten über Oralverkehr übertragen.

Siegbert Rieg erklärt, dass es kein pauschales Übertragungsrisiko für Geschlechtskrankheiten gibt: „Die einzelnen Krankheiten sind unterschiedlich ansteckend. Jedoch kann man ein wenig zwischen der Art des sexuellen Kontakts differenzieren. Die Mundschleimhaut stellt beispielsweise eine größere Barriere dar als die Schleimhäute im Genital- und Analbereich.“ Neben der Intensität des Schleimhautkontakts führt Rieg an, dass auch eine Barriereschädigung, also offene Wunden oder kleine Einrisse im Oral, Genital- oder Analbereich das Risiko für eine Übertragung deutlich erhöhen. Zudem ist die Erregerlast zu beachten, denn je frischer eine Person infiziert ist, desto höher ist im Allgemeinen auch die Anzahl der Erreger in den Sekreten und desto größer ist die Ansteckungsgefahr. 

Erreger reisen gerne zusammen

Was die ganze Sache noch komplizierter macht: Sexuell übertragbare Krankheiten reisen gerne zusammen. Haben Betroffene eine der oben genannten Infektionen, sind sie in der Regel empfänglicher für weitere: „Ist eine Person etwa mit Herpes-Viren infiziert, hat sie häufiger offene Stellen im Genitalbereich. Das bedeutet wiederum, dass die Schleimhaut an dieser Stelle nicht mehr intakt ist, eine Barriereschädigung vorliegt und andere Erreger leichteres Spiel haben, in den Körper einzudringen“, erklärt der Experte. 

Wer sollte sich testen lassen?

Im Bezug auf die Testung von sexuell übertragbaren Infektionen rät Professor Rieg, dass sich alle testen lassen sollten, die einen Risikokontakt hatten. Also dann, wenn man ungeschützten intimen Kontakt mit einer (eventuell unbekannten) Person hatte und nicht weiß, ob derjenige oder diejenige womöglich mit einer sexuell übertragbaren Krankheit infiziert war. Personen, die feste Partner*innen haben, sollten sich zumindest dann testen lassen, wenn Symptome auftreten.

Welche Ärzt*innen testen Geschlechts-krankheiten?

Anders als bei Zahnproblem sind sich viele Menschen oft unsicher, wen sie bei Fragen zu Geschlechtskrankheiten und möglichen Symptomen aufsuchen sollten. Während viele Frauen ihre Gynäkolog*innen kontaktieren, fehlen Männern vergleichbare vertraute Ansprechpersonen. Siegbert Rieg empfiehlt Männern bei Symptomen oder Risikokontakt eine*n Facharzt*ärztin für Urologie oder Dermatologie zu kontaktieren oder den Hausarzt beziehungsweise die Hausärztin anzusprechen: „Ist einem das vor dem Hausarzt oder der Hausärztin jedoch unangenehm, bekommt man bei den genannten Spezialisten keinen Termin oder möchte sich anonym testen lassen, können sich Betroffene auch jederzeit an das örtliche Gesundheitsamt wenden. Darüberhinaus entstehen in Deutschland immer mehr sogenannte Checkpoints, bei denen eine umfangreiche Beratung und anonyme Testung angeboten wird.“ Das weitere Vorgehen sei dann überall erst mal gleich: „Zunächst wird mit den Patient*innen über ihre Situation gesprochen und eine Risikoeinschätzung vorgenommen.“

Anschließend seien, je nach Sexualleben und Symptomen, verschiedene Testungen denkbar, erklärt Rieg. Zum einen können Vaginal- oder Harnröhrenabstriche durchgeführt oder der Urin untersucht werden. Über diesen Weg werden Chlamydien-Erkrankungen, Herpes Genitalis oder Gonorrhoe diagnostiziert. Zum anderen kann den Betroffenen Blut abgenommen werden, falls der Verdacht auf HIV oder Syphilis besteht. So unterschiedlich die Diagnose der einzelnen Krankheiten ist, so unterschiedlich ist auch die anschließende Behandlung: „Haben die Patient*innen eine bakterielle Erkrankung, also etwa Gonorrhoe, wird ein Antibiotikum verschrieben. HIV oder Herpes lassen sich hingegen nicht heilen, sondern lediglich therapieren und somit kontrollieren. Gerade im Bereich HIV wurden in den vergangenen Jahren große Fortschritte in der Therapie erreicht, HIV-positive Patient*innen haben heutzutage eine nahezu gleiche Lebenserwartung wie negative.“ 

Gibt es überhaupt sicheren Sex? 

Dass man am liebsten keine dieser Krankheiten bekommen will, ist wohl offensichtlich. Doch absolut sicher kann man sich nie sein, denn „Safer Sex“, also wirklich sicheren Sex, gibt es strenggenommen gar nicht. Zwar bieten Kondome, Lecktücher oder Femidome für verschiedene Sexualpraktiken einen sehr guten Schutz, doch laut Rieg könne man sich nie zu 100 Prozent vor sexuell übertragbaren Krankheiten schützen. Schließlich kann während des Verkehrs immer irgendwas schief gehen – das Kondom oder das Lecktuch können etwa reißen oder verrutschen, selbst wenn die Partner*innen noch so gut aufpassen. 

Professor Rieg empfiehlt daher vor allem eines – Aufklärung. Jede*r sollte sich informieren, wie risikobehaftet einzelne Sexualpraktiken sind. Zudem sollte man ganz offen mit Partner*innen über das Thema sprechen. „Gerade wenn man sich erst neu kennengelernt hat, ist es unabdinglich, über Geschlechtskrankheiten zu sprechen.“ Die Studie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigt jedoch, dass das viele nicht tun. Die Forscher*innen fanden heraus, dass weniger als die Hälfte der Befragten in festen Beziehungen mit ihren Parter*innen über sexuell übertragbare Infektionen gesprochen haben, bevor sie gemeinsam sexuell aktiv wurden. Es zeigten sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen: Während von den heute 66- bis 75-Jährigen nur neun Prozent vor der ersten sexuellen Erfahrung mit neuen Partner*innen über Geschlechtskrankheiten gesprochen hatten, waren es bei den heute 18- bis 25-Jährigen mehr als 40 Prozent. Rieg merkt an, dass Geschlechtskrankheiten endlich kein Tabuthema mehr in der Gesellschaft sein sollten: „Gerade in den letzten Jahren hat sich zwar einiges gebessert, aber dennoch ist das Thema mit viel Scham belegt. Das ist äußerst schade, denn offene Kommunikation ist bei Geschlechtskrankheiten mit die beste Prävention.“

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