„Jugend nach vorne und Frauen an die Macht“

Bela B von „Die Ärzte“ spricht über Seenotrettung, Chancen für die Zukunft und darüber, dass das Lied „Schrei nach Liebe“ nie alt wird.
Interview von Patrick Wehner
die aerzte interview

Bela B, Schlagzeuger der besten Band der Welt  (aus Berlin!), erzählt im Interview, was diesen Planeten noch retten kann.

Foto: Joerg Steinmetz

Bela B von der Band „Die Ärzte“ engagiert sich seit Jahren für die private Seennotrettung, indem er immer wieder zu Spenden aufruft und sich mit Seenotretter*innen öffentlich solidarisiert. Mitte Oktober las er in einem vielgeteilten Video den Text „Ich glaube, ich hasse Andi Scheuer“ vor, geschrieben vom Journalisten, Theologen und Aktivisten Stephan Anpalagan. Die Aufnahme wurde an Bord der Rise Above gemacht, einem Seenotrettungsschiff von Mission Lifeline, das wegen einer Verordnung aus Scheuers Bundesverkehrsministerium erstmal nicht auslaufen konnte. Wir sprachen mit Bela B über Seenotrettung, „die jungen Leute“, „Schrei nach Liebe“ und warum er nicht zu Anne Will gehen würde.

ICH GLAUBE, ICH HASSE ANDI SCHEUER. Kolumne von Stephan Anpalagan gelesen von Bela B.

jetzt: Bela, mal angenommen, du wartest in Berlin bei Curry 36 gerade auf deine Wurst  – und direkt hinter dir in der Schlange würde Andreas Scheuer stehen. Was würdest du ihm sagen?

Bela B: Ich glaube, man muss ihn nur lange genug anschauen, damit er sich schämt. Das reicht schon. Dann wird ein Sammelsurium an politischen Fehlentscheidungen und seltsamen Rechtfertigungen durch seinen Kopf rattern. Für mich ist er ein Posterboy der Politikverdrossenen. Wenn ich jemandem die Ursachen von Politikverdrossenheit erklären müsste, dann würde ich sagen: Schau dir diesen Mann an. Wenn man sieht, was der alles gemacht hat, seit er im Amt ist, und mit was der alles davon kommt, dann kann man schon verzweifeln.

Für was müsste sich der Bundesverkehrsminister von der CSU aus deiner Sicht besonders schämen?

Er behindert die Seenotrettung  durch Auflagen, die hanebüchen sind. Scheuer und das Bundesinnenministerium von Seehofer kriminalisieren die Helfer. Und lassen die Menschen, die ihr Leben und das Leben ihre Familien riskieren, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektiven mehr haben, bewusst ertrinken, damit sie als warnenden Beispiele andere abschrecken. Das ist zum Schämen.

„Wenn man für sich selbst christliche Werte einfordert, dann muss man sie auch anderen zugestehen“

Kannst du dir erklären, warum häufig Politiker*innen, die für explizit christliche Parteien arbeiten, private Seenotrettung verhindern wollen, obwohl das vielleicht das Ur-Christlichste ist, das man tun kann?

Das „christlich“, dass bei der CDU und CSU im Namen steht, ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt ist. Wenn man für sich selbst christliche Werte einfordert, dann muss man sie auch anderen zugestehen. Zu den christlichen Werten zählt, dass man Menschen aus Notlagen rettet und menschliches Leid beendet. Es werden so viele Milliarden von Euro ausgegeben für Projekte, die man aus politischen Interessen, aus Günstlingswirtschaft oder wegen den Einflüssen von Lobbyisten macht. Wenn man davon etwas in die Bekämpfung der Fluchtursachen stecken würde, dann wäre viel geholfen.

Wie wirkt es dann auf dich, wenn Scheuer eine Verordnung macht, die den Seenotretter*innen auch noch dicke Steine in den Weg legt?

Über 20 000 Menschen sind seit 2014  im Mittelmeer ertrunken. Ich finde, man nimmt den Tod dort nicht nur in Kauf, man rechnet damit.  Menschen wie Andreas Scheuer handeln damit unhaltbar.

Einer Entscheidung des Hamburger Verwaltungsgerichts zufolge verstößt Scheuers Verordnung gegen EU-Recht, die festgesetzten Schiffe kommen vorerst frei. Was bedeutet das für die Rise Above, auf der du den Scheuer-kritischen Text vorgelesen hast?

Das weiß ich im Moment noch nicht. An dem Tag, als ich auf dem Schiff war, um den Text zu lesen, kam die Nachricht grade durch. Das war ein toller Moment, dabei zu sein, wie sich die jungen Menschen – überwiegend jung, deutlich jünger als ich jedenfalls  – alle darüber gefreut haben. Es besteht die Hoffnung, dass sie bald auslaufen können. Es ist den Helfern ein Herzensbedürfnis, Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Das ist kein Abenteuerurlaub oder sonst was für die, damit verdienen die auch kein Geld. Aber es gibt leider bestimmt auch noch viele weitere bürokratische Möglichkeiten, das zu verhindern.

Der Text aus dem Video thematisiert auch die britische Touristin, die vor zwei Jahren von Bord eines Kreuzfahrtschiffes fiel – und unter Einsatz vieler Suchschiffe und eines Flugzeugs glücklicherweise unversehrt gefunden wird. Im Mittelmeer hingegen werden die Menschen ihrem Schicksal überlassen. Warum messen wir hier so mit zweierlei Maß?

Also zum einen macht man sich ja schnell strafbar, wenn man einen Geflüchteten aus dem Mittelmeer rausfischt und ihn irgendwo an Land bringt – im Vergleich zum Fall der Touristin, die auf einem Kreuzfahrtschiff unterwegs war. Meiner Meinung nach bekommen Gegner der Flüchtenden oft viel Raum, zum Beispiel in Talkshows. Das verstärkt natürlich ein bestimmtes Bild. Wenn das Negative immer mehr Platz bekommt, vielleicht auch weil es für gute Einschaltquoten sorgt, dann stimmt etwas nicht. Das beeinflusst dann auch die, die unentschlossen sind. Ich bin der Meinung, dass in politischen Talkshows vermehrt auch Fachleute auftreten sollten, die ihrer eigenen Agenda verpflichtet sind und nicht Wahlkampf machen müssen. 

„Wir sind betrübt, dass ‚Schrei nach Liebe‘ nicht an Aktualität verliert“

Würdest du selber zu Anne Will gehen und über den Umgang mit Flüchtenden diskutieren?

Jetzt hast du mich natürlich. Ich bin kein Berufspolitiker. Die sind rhetorisch geschickt und durch viele Schulen gegangen, damit sie dann irgendwann da sind, wo sie stehen. Dass ich so jemanden vor laufender Kamera entlarven könnte, das glaub ich nicht. Aber ich will meine Prominenz nutzen, um der Seenotrettung mehr Öffentlichkeit zu geben. Ich häng mich dafür aus dem Fenster, soweit ich kann. Ich weiß aber nicht, ob ich wirklich bei Anne Will sitzen wollen würde.

Du bist schon viele Jahre im Geschäft und hast viele politische Entwicklungen gesehen. Aktuell engagieren sich Fridays for Future für Klimaschutz, es wird breit gegen Rassismus demonstriert  - und die Politik muss immer mehr darauf reagieren. Was braucht es aus deiner Sicht noch, damit die Welt gerechter wird?

Das klingt jetzt so, als würd ich in ein populistisches Horn stoßen. Aber es gibt genau zwei Sachen, die diese Welt retten können. Als Erstes müssen viel mehr Frauen in Regierungsposten und Führungspositionen kommen, weil die Alleinherrschaft weißer alter Männer uns nirgendwo hinführt. Wenn sich das mal ändert, ist schon viel gewonnen. Und das Zweite sind junge Menschen, denen Lobbyismus und Klimawandel und Rassismus ein Greuel sind. Jugend nach vorne und Frauen an die Macht, dann wird diese Welt definitiv eine Chance haben, weiterzubestehen.

„Schrei nach Liebe“ wurde  1993 veröffentlicht und ist immer noch die Hymne für alle, die sich gegen rechts wehren. Seid ihr auf dieses Lied eigentlich besonders stolz?

Es gibt ein Lied, das uns weggenommen wurde von der Partykultur, vom Ballermann, vom Oktoberfest. Die Rede ist von „Männer sind Schweine“, obwohl das so nie als Partyhit gemeint war. Aber bei „Schrei nach Liebe“ ist das anders, das Lied ist größer als wir. Es kam tief aus Farins und meinem Herzen. Auch wenn wir betrübt sind, dass das Lied nicht an Aktualität verliert – das nervt. Wir hoffen halt mit dem anarchischen  Quatsch, den wir da in unseren Liedern teilweise verzapfen, ein Sonnenstrahl für die zu sein, die sich gegen Nazis und Rassisten engagieren.

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