So überlebst du die Survival-Kolumne

Manchen Situationen müssen wir uns stellen. In dieser letzten Folge: der Survival-Kolumne selbst.
Von Quentin Lichtblau
ueberlebenkolumne final

Illustration: Federico Delfrati

Nicht alles im Leben ist freiwillig. Die Survival-Kolumne ist Anlässen gewidmet, denen wir uns stellen müssen – ob wir wollen oder nicht. Ein Leitfaden zum Überleben. 

Es hätte so ein entspannter Nachmittag werden können. Gerade hast du dich noch friedlich durch deine Timelines geklickt, ein paar witzig-freche Tests („Welcher Bürgerkrieg bist du?“) durchgedaddelt und Thesen über den heißen Scheiß von morgen mitgenommen („Warum wir endlich über das Internet reden müssen“). Echter junger Qualitäts-Content eben.

Doch plötzlich kam dein Lesefluss ins Stocken: Bei der Lektüre einer Reihe zunächst total seriös wirkender Service-Texte mit Titeln wie „So überlebst du die Fahrt mit dem Aufzug“ oder „So überlebst du den Designer-Laden“  überkam dich ein mehr als ungutes Gefühl: Wirst du hier als interessierter Leser noch ernstgenommen? Ist es tatsächlich ein Ratschlag, im Designer-Laden auf allen Vieren zur Kasse zu robben? Was hat der Autor bloß gegen Warentrenner? Sollte man fremde Kinder auf Familienfeiern tatsächlich mit Süßigkeiten vollstopfen?

Wo du echte Tipps erwartet hattest, last du Dinge, die dich in dieser wahnsinnig komplizierten Welt nur noch mehr verunsicherten. Gleichzeitig kamen dir Zweifel an deinen Mitmenschen: Wie verweichlicht ist die Jugend von heute, wenn sie für jede noch so banale Situation – zum Beispiel den Anruf eines Unbekannten oder Aufzugfahrten – einen Survival-Ratgeber benötigt? „Solche Menschen hätten Deutschland nach dem Krieg bestimmt nicht mehr so toll wiederaufgebaut“, raunst du nun dem auf dem Röhrenmonitor stehenden Wackeldackel zu und beschließt, in den Kommentarspalten nach Gleichgesinnten zu suchen. Auch hier: die totale Verwirrung! Die Survival-Kolumne hat dich in ihren Bann gezogen. Aber wie überlebst du das?

Es ist nun mal eine gefährliche Welt da draußen, der Alltag ein Stahlbad

Wie einige andere Leser auch fragst du dich, ob du diese seltsame Kolumne denn nun ernstnehmen sollst? Die Antwort: Ja, verdammt. Absolut! Wann immer Journalisten ihrer Leserschaft mit Hinweisen oder Ratschlägen weiterhelfen wollen, sind diese zu 100 Prozent und unverzüglich umzusetzen! Es ist nun mal eine gefährliche Welt da draußen, der Alltag ein Stahlbad.

Wie bitte, stimmt nicht? Die S-Bahn-Fahrt mit dem Arbeitskollegen war bisher überhaupt kein Problem für dich? Du bist nicht bereit, beim Doppel-Date mit einer lässigen Snackbox aufzutauchen? Du redest freiwillig mit Zwischenmietern? Was für ein unglaublich starker, mutiger Übermensch du sein musst! Wir jungen, hauchzarten Flöckchen sind hier auf der Hut, die Survival-Kolumne ist für uns der rettende Anker im Schneesturm (ein Anker für Schneeflocken, fantastisches Bild!). 

Um das Überleben kommender Generationen zu sichern, sollte die Survival-Kolumne zur Pflicht-Lektüre in deutschen Bildungsanstalten erhoben werden. Falls du nicht eh schon zuverlässig jede Folge mitgelesen hast, wie 95 Prozent der mosernden „Was ist denn das schon wieder für ein Text?“-Kommentatoren, dann hol das bitte unverzüglich nach. Vielleicht, ganz vielleicht, wird dir dann auch irgendwann auffallen, dass sie in einigen, wenigen Momenten über die Stränge schlägt, die Ratschläge fast schon, wie soll man es sagen, „ironisch“, wenn nicht sogar „scherzhaft“ wirken. Lass dich davon nicht vom rechten Pfad abbringen. Die Survival-Kolumne, die mit dieser Folge endet, wünscht dir alles Glück der Erde. Du wirst es brauchen!

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