Wie Tanz uns besser durch die Pandemie bringen kann

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

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Die Clubs haben zu, Tanzschulen und Fitnessstudios auch. Tanzen ist in der Corona-Pandemie wirklich schwierig geworden. Trotzdem tanzen viele Menschen einfach weiter – und zwar online. Zum Beispiel im Rahmen der „Jerusalema Dance Challenge“, auf TikTok oder mit digitalen Workouts. Viele finden also trotz Social-Distancing Wege, sich gemeinsam zu bewegen. Aber warum ist Tanzen gerade in schwierigen Lebenslagen so wichtig und wie kann es uns helfen, diese Pandemie zu meistern?

„Es ist ein bewusstes Wahrnehmen, Annehmen und Gestalten der eigenen Gefühle, für das das Tanzen uns Raum bietet“ sagt Callie Arnold. Die 33-Jährige hat Tanz in den USA und Tanztherapie in Deutschland studiert und arbeitet seit mehreren Jahren als Tanztherapeutin in München. Sie sagt, dass Tanzen wie eine Symbolsprache sein kann: „Durch diesen symbolischen Ausdruck kann zum Beispiel eine schmerzvolle Erfahrung, die in uns lebt, für einen Moment außerhalb von uns existieren.“ Callie erklärt, dass man die Facetten eines Problems somit besser spüren könne, ohne den Moment kognitiv erfassen zu müssen. „Wir können durch ein kreatives Spüren und Spielen zu neuen Einsichten und Ideen gelangen“,  erklärt die Tanztherapeutin.

Tanzen ist etwas, zu dem wir Menschen einen intuitiven und ursprünglichen Zugang haben – das sagt zumindest die Wissenschaft. Schon kleine Babys nicken mit dem Kopf oder wippen hin und her, wenn sie Musik hören. Wissenschaftler aus Amsterdam spielten Säuglingen einen Rhythmus vor und ließen dabei immer wenige Schläge aus. Sie konnten anhand der Gehirnströme der Babys zeigen, dass diese den nächsten Beat sogar erwarteten.

Tanztherapeutin Callie sagt: „Eigentlich wäre es sehr gut für unsere Psychohygiene, wenn wir uns jeden Tag Zeit nehmen würden, ein bisschen zu tanzen. Genauso wie wir es für Dinge wie Zähneputzen tun.“ Durch Bewegung und Tanz werden nämlich eine Reihe wichtiger Hormone ausgeschüttet. Dazu zählen beispielsweise die Glückshormone Endorphin und Serotonin.

Neben dem Einfluss auf unsere Gefühle kann Tanzen auch eine große Wirkung auf unser Gehirn und unser Denken haben. „Wir dürfen nicht unterschätzen, wie eng verwoben körperliche Aspekte mit unseren kognitiven und emotionalen Prozessen  sind“, betont Callie. Das ist wissenschaftlich belegbar. Die Neurobiologin und Tänzerin Lucy Vincent erklärt in ihrem Buch  „Tanzen macht nicht nur glücklich, sondern auch schlau“, dass es keine Gehirnfunktion gibt, die beim Tanzen nicht involviert ist: Muskelarbeit, Gleichgewicht, Interaktion und Koordination gehören dazu. All das fordert laut der Expertin unsere kognitiven Fähigkeiten heraus und macht dadurch neue neuronale Verknüpfungen möglich.

„Es ist sehr wichtig, sich immer daran zu erinnern, dass es simpel sein darf“

Doch wie kann man auch im Alltag Platz zum Tanzen schaffen? Selbst wenn man sich dabei alles andere als professionell fühlt und im Lockdown sehr viel Zeit Zuhause verbringt? „Es ist sehr wichtig, sich immer daran zu erinnern, dass es simpel sein darf“, sagt Callie. Wenn man zum Beispiel im Homeoffice viel am Computer sitze, könne es schon sehr gut tun, alle 20 bis 30 Minuten aufzustehen und ein paar Minuten mit Anspannen und Loslassen des eigenen Körpers zu spielen. Zum Beispiel durch Schütteln, Wippen oder Wiegen. Wie man dabei aussieht, ist dann erstmal egal.

Auch an die frische Luft zu gehen und einen kleinen Spaziergang zu machen, könne Anlass für ein bisschen Tanz sein, wie Callie sagt. „Zum Beispiel, wenn man eine Straße entlang spaziert und einfach aufmerksam darauf ist, ob man eher wippende oder sinkende Schritte macht.“ In der Natur könne man besonders gut merken, wie verwoben und lebendig unsere Umwelt ist.

Das ist vielleicht auch das Besondere an den vielen Tanz-Videos im Netz: Ganz unterschiedliche Menschen, die an unterschiedlichsten Orten und doch irgendwie gemeinsam tanzen. „Wir fühlen uns vielleicht manchmal alleine, doch die Erde, an die wir unser Gewicht abgeben, verbindet uns alle“, sagt Callie. Das gilt auch in Zeiten von Isolation und Zuhause-Bleiben.

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