Horror-Nebenjob: Dauerlächeln als Promoterin auf der Buchmesse

Leserin Kerstin erzählt, wie sie als Promoterin tagelang den gleichen Satz wiederholen musste – und Dieben nachlaufen.
Protokoll von Nadja Schlüter
horrornbenjob zeitungs hostess cover

Dieser Job ist unserer Leserin in besonders schlimmer Erinnerung geblieben.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Manche Jobs sind schlimmer als andere – in dieser Serie erzählen wir von unseren und euren schrägsten Nebenjobs. Diese Geschichte hat unsere Leserin Kerstin erlebt und uns am Telefon erzählt.

Horrorstufe: 6 von 10

Chef*in: eine Promotionsagentur

Bezahlung: zehn Euro pro Stunde

Erlernte Skills: auf Knopfdruck stinkfreundlich sein

„Ich hatte gerade erst eine Weisheitszahn-OP hinter mir. Am Tag, nachdem man mir die Fäden gezogen hatte, stand ich mit Schmerztabletten intus zehn Stunden bei schlechter Luft an einem Stand in der Messehalle und musste lächeln, lächeln, lächeln. Abends hat mir davon der Kiefer wehgetan. Aber auch ansonsten war der Job einfach nur schrecklich.

Ich habe sehr viel neben dem Studium gearbeitet, weil ich aus einer Arbeiter*innenfamilie komme, die mich finanziell nicht unterstützen konnte. Jobs als ,Promoterin‘ waren meine Haupteinnahmequelle. Viele kennen den Beruf eher unter dem Namen ,Hostess‘, aber das sage ich nicht mehr, weil ich deswegen mehrfach gefragt worden bin, ob ich Sexarbeit mache.

Ich war damals in der Kartei einer Promo-Agentur registriert, mit Foto und Angaben wie ,Größe‘ und ,Gewicht‘, was ich ziemlich absurd fand. Als ein Job auf der Buchmesse angeboten wurde, habe ich mich direkt beworben, weil ich dringend Geld brauchte und man an fünf Tagen 500 Euro plus Bonus verdienen konnte. Was genau ich dort würde machen müssen, wusste ich nicht. Für welche Marke oder welches Unternehmen man arbeiten würde und welche Aufgaben genau dazu gehörten, erfuhr man meistens erst, wenn man den Vertrag schon unterschrieben hatte. 

Am ersten Tag stand ich dann mit 30 Leuten am Eingang zur Buchmesse, die sich gegenseitig kritisch beäugt haben. Ein Mitarbeiter der Agentur hat uns abgeholt und den verschiedenen Ständen zugeteilt – Wünsche äußern, wo man gerne eingesetzt werden würde, durfte man natürlich nicht. Ich bin am Stand einer Zeitung gelandet (nicht der Stand der Süddeutschen Zeitung, Anm. d. Red.). Leider war es eine, die ich selbst überhaupt nicht gut finde, und dann musste ich mir auch noch ein grelles T-Shirt mit dem Logo drauf überziehen, das mir leider zu klein war. 

Am Stand waren wir vier Promoterinnen an zwei Countern und unsere Aufgabe war es, jede einzelne Person anzusprechen, die vorbeikam – also ,proaktiv‘ zu sein, das ist nämlich die goldene Regel unter Promoter*innen. Ich habe den Satz ,Möchten Sie zwei Wochen kostenlos diese Zeitung lesen?‘ zehn Stunden lang ungefähr alle fünf Sekunden gesagt. Während dieser Zeit mussten wir permanent stehen, nur, wenn es am Stand eine Lesung gab, durften wir uns manchmal hinsetzen. Wenn ich heute an den Job zurückdenke, dann fallen mir als erstes immer die höllischen Schmerzen in den Beinen und den Füßen ein. 

Geklaut haben die Leute auch gerne – wir konnten unmöglichen allen nachlaufen 

Die meisten Leute haben uns schon von weitem gesehen und sind extra schneller gegangen, um nicht angesprochen zu werden. Wir mussten sie natürlich trotzdem ansprechen. Viele haben uns dann mitleidig angeschaut oder ganz laut ,Nein!‘ gesagt. 

Es gab auch sehr viele richtig dreiste Leute, die uns die Abo-Geschenke am Stand vor der Nase weg geklaut haben, vor allem die Stoffbeutel mit einer Ausgabe der Zeitung, Kulis und Süßigkeiten drin. Wir konnten nicht viel dagegen tun, denn wenn man jemandem nachgelaufen ist, hat man in der Zeit potenziell ein Probeabo verloren – und wir mussten eine bestimmte Zahl erreichen, um einen Bonus von zehn Euro am Tag zu bekommen. Jede von uns musste dafür täglich ungefähr 50 Abschlüsse reinholen. Einmal hat eine Person aber nicht nur einen Beutel, sondern auch noch ein Buch mitgenommen, das als Ansichtsexemplar für eine der Lesungen am Stand auslag. Der bin ich nachgerannt und habe die Sachen zurückgefordert. Sie hat dann bloß ganz scheinheilig gesagt: ,Oh, ich dachte, das liegt alles zum Mitnehmen aus.‘ Ja, klar … 

Hinzu kam, dass eine meiner Kolleginnen ganz schön faul war. Sie hat niemanden angesprochen, sondern nur diejenigen ein Formular ausfüllen lassen, die von selbst auf sie zukamen. Wenn jemand vom Verlag oder der Agentur vorbeikam, um zu schauen, wie es läuft, hat sie sich natürlich ins Zeug gelegt und sich von ihrer besten Seite gezeigt. Von den anderen beiden Kolleginnen wurde sie gemobbt. Die haben sich einen Spitznamen für sie ausgedacht – ich glaube, es war ,Chicorée‘ – und schlecht über sie gesprochen. Natürlich hat sie das gecheckt, aber sie hat es einfach ertragen und sich weiterhin keine Mühe gegeben. Den Bonus haben wir so natürlich nicht geschafft. War mir dann aber auch egal.

Was ich interessant fand: Die meisten Promoter*innen sind zwar Frauen, aber in der ,Probeabo-Szene‘ – ich nenne die bewusst so, denn meiner Meinung nach ist das wirklich eine eigene Szene – gibt es besonders viele geltungsbedürftige, gestriegelte Männer Mitte Zwanzig. Ich habe mehrmals Promo-Jobs auf der Buchmesse gemacht und diese Typen waren jedes Jahr wieder dabei. Ich habe sie immer als traurige Figuren wahrgenommen, weil sie jeden Abschluss als krassen Erfolg gefeiert haben. 

Durch diese Jobs habe ich aufgehört, freundlich zu sein, wenn es nicht unbedingt sein muss. Weil ich weiß, dass das einfach unfassbar anstrengend und ermüdend ist. Ich kann aber bis heute gut in den Service-Modus wechseln und gute Laune vorspielen, wo keine ist. Und wenn ich in der Fußgängerzone Promoter*innen sehe, die Leuten irgendwas andrehen müssen, tun die mir richtig, richtig leid.“

Der volle Name der Leserin ist der Redaktion bekannt.

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