„Du bist jetzt der Mann im Haus!“

Das strenge Männlichkeitsbild von Marcels arabischem Vater belastete ihr Verhältnis. Heute findet er: Sein Vater hat es ihm ermöglicht, seine Rolle als Mann zu reflektieren.
Von Marcel Aburakia
kanackischen welle vater sohn

Illustration: FDE

Weil sie sich in der Medienlandschaft nicht repräsentiert fühlten, haben Malcolm Ohanwe und Marcel Aburakia einen eigenen Podcast gestartet: die „Kanackische Welle“. In der Kolumne dazu schreiben sie hier alle zwei Wochen über Identität, Popkultur, Sexualität, Rassismus, Politik, Sport und vieles mehr – aus einer post-migrantischen Perspektive.

Als ich etwa zehn Jahre alt war, wurde ich zum „Mann“. Mein Baba war damals beruflich viel unterwegs, Mama regelte den Alltag, auch weil er sich die traditionelle Rolle des Ernährers nie nehmen lassen wollte. Dabei hätte Mama wohl mehr verdient. Fragiles Ego oder erlernte Rollenaufteilung? Vermutlich beides – ich weiß von keinem einzigen arabischen Hausmann. Die Tage, an denen er verreist war, füllten sich anfangs mit kindlicher Sehnsucht, bis mein Vater sie für mich mit einem Satz zur Aufgabe machte: „Während ich weg bin, bist du hier der Mann im Haus!“

Der Mann im Haus? Da er mir kein Handbuch zur Männlichkeit mitgeliefert hatte, ließ mich der Satz ratlos zurück und meine Mutter ziemlich verärgert. Ihre Autorität wurde komplett untergraben und ein 10-Jähriger zum Vorstand von Familie Aburakia erklärt. Kopf voraus ins eiskalte Männlichkeits-Becken, eine Rolle, mit der ich absolut nichts anzufangen wusste. Ich hatte keinen Plan davon, Einbrecher abzuwehren oder meine Geschwister zu erziehen, und natürlich kein Geld, um den Familieneinkauf zu erledigen. Klingt unterhaltsam, aber das waren wirklich Ängste, die mich plötzlich überfielen. Und da war die Erkenntnis: Ich darf jetzt kein Kind mehr sein. Die Schule wurde in meinen Augen zum Job, Zeitungaustragen zum Beitrag zum Familienunterhalt und „weiche“ Emotionen, wie Trauer oder Sehnsucht, erlaubte ich mir nicht mehr.

Erst heute verstehe ich, weshalb mein Vater mir nie erlaubte schwach zu sein

Damals wie heute gilt: Das emotionale Repertoire arabischer Männer scheint beschränkt, negative Emotionen, wie Trauer, werden als Wut ausgedrückt. Das gilt für meinen Vater und so gut wie alle meine männlichen, arabischen Verwandten. Der Versorger der Familie kann ja nicht als verletzlich oder verlegen dastehen. Denn Verletzlichkeit bedeutet die Männlichkeit verlieren. Das kommt auch von der religiösen Prägung muslimischer Gesellschaften: Gott, als Vater, wird als machtvolle, unangreifbare und idealisierte Person dargestellt, die Schutz verspricht, Bestrafungen ausführt und selbst außerhalb jedes Gesetzes steht. Auch daraus entstand das patriarchale Männlichkeitsbild, das keinen Platz dafür lässt, andere Emotionen zu zeigen als etwa Wut – oder sogar zu weinen. Dass sich hier Abend- und Morgenland recht ähnlich sind, zeigt das Gespräch mit der Psychologin Antonia, in unserer Podcast-Folge zu Männlichkeit. Sie kennt dieses Verhalten von ihren Patienten: „Männer haben anfangs eine große Scham zu weinen und merken dann erst, wie gut es ihnen tut, loszulassen. Teilweise haben sie jahrzehntelang nicht geweint, obwohl sie ganz schlimme Dinge erlebt haben.“

„Heul nicht!“, dieser Satz, den mein Vater häufig wiederholte, hat sich auch in mein Gehirn eingebrannt. Schlechte Noten? Heul nicht! Herzschmerz? Heul nicht! So trainierte ich mir – bereits ab der Kindheit – nach und nach diese Emotionen ab, versuchte sie zu unterdrücken, geheim zu halten und zu bekämpfen. Es heißt ja, man sei das Produkt seiner Eltern. Erst heute verstehe ich, weshalb mein Vater mir nie erlaubte, schwach zu sein. Seine Migrationsgeschichte erlaubte keine Schwäche: Aus ärmlichen Verhältnissen kommend baute er sich in einem komplett fremden Land ein neues Leben auf. Ohne Geld, ohne Familie und ohne Hilfe. Es folgten Kinder, damit noch mehr Belastung und noch weniger Raum zum Nachgeben.

Gerade Familien aus ländlichen, ärmeren Regionen halten stark an alten Traditionen fest. Sie geben Halt und anders zu denken führt schnell dazu, aus der Gemeinde ausgegrenzt zu werden. So etwas prägt heranwachsende Männer. Und um sich von dieser Prägung zu lösen, braucht es einen langen Prozess der Auseinandersetzung, den sich mein Vater offenbar nie erlauben konnte. Käme er aus „gutem Hause“ und hätten wir mehr Geld gehabt, wäre es ihm sicher leichter gefallen, bestimmte Aspekte seiner migrantischen Väterlichkeit zu reflektieren und vielleicht auch mal selbst zu weinen. Erst rückblickend ist mir bewusst geworden, wie schwierig die Beziehung zwischen mir und meinem Baba dadurch war.

Das Verhältnis zwischen muslimischen Vätern und ihren Söhnen wird innerhalb arabischer Familien meiner Erfahrung nach kaum besprochen. Obwohl – oder vielleicht gerade weil – es eine so wichtige Rolle in der unserer Kultur spielt: Söhne gelten als die Erben der Familie. Besonders der Status des ältesten Sohnes zeigt sich unter anderem an der Namensgebung. Arabische Väter (und Mütter) werden nach ihm benannt, aus Mohammad, dem Namen meines Vaters, würde in den palästinensischen Gebieten Abu Marcel werden. Der älteste Sohn ist das Aushängeschild, aber auch ein weiteres Paar Schultern, auf denen Verantwortung abgeladen wird. Er soll Mentor für jüngere Brüder sein, als Bodyguard der Schwestern herhalten und später die Eltern finanziell unterstützen. So entstehen Dynamiken, in denen Söhne sich von den Erwartungen überfordert fühlen, ihre Rolle missverstehen und zum Beispiel ihre Schwestern kontrollieren wollen. Es kann sogar zu einer Art Konkurrenzdenken zwischen Vater und Sohn kommen.

Mein Vater musste sich in einem alten Männlichkeitsbild verlieren, damit ich mich in einem neuen finden konnte

Muslimische oder so gelesene Männer, wie mein Vater, werden oft negativ skandalisiert. Als patriarchalisch, sexistisch und/oder gewalttätig. Natürlich gibt es auch solche muslimischen Männer und das ist problematisch, aber die Lebensrealitäten sind vielschichtiger, als diese stigmatisierende Darstellung vermuten lässt. So wie es nicht „den Mann“ gibt, gibt es auch nicht „den Islam“. Und das Beispiel meines Vaters zeigt: Auch Männlichkeit und Väterlichkeit kann sich ändern. Erst jetzt, im Erwachsenenalter, lerne ich seine weichen Seiten kennen. Er hat mit dem Alter an Strenge verloren, wohl weil die Belastungen weniger geworden sind. Die Kinder sind aus dem Haus und er hat für uns alle ein solides Leben aufgestellt. Seine Rolle als Ernährer und Beschützer kann anderen Rollen weichen, wie der des vernarrten Großvaters, der seine Enkelkinder verwöhnt. Das zeigt, dass arabische Männlichkeit nicht in Stein gemeißelt, kein starres, festes Konstrukt ist. Meine Generation profitiert und lernt auch von dem Wandlungsprozess, den unsere Väter durchmachen mussten. Wir haben die Möglichkeit, uns frei von einem festen gesellschaftlichen Korsett zu entwickeln und können unsere Rolle mehr reflektieren.

Ich hatte früher Angst, irgendwann das Abbild meines Vaters von damals zu werden. Oft zu streng, seltener liebevoll. Das war nicht, was ich mir für meine Zukunft wünschte. Aber dank der Aufopferungen meiner Eltern, besonders meines Vaters, habe ich heute die Freiheit, mein Leben und meine Männlichkeit selbst zu gestalten. Das ist ein Luxus, den man sich schlicht nicht leisten kann, wenn man gerade aus einem Kriegsgebiet flieht. So scheint es mir, als ob mein Vater sich erst in einem alten Bild von Männlichkeit verlieren musste, damit ich mich heute in einem neuen finden durfte. Deshalb: Danke, Baba.

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