„Schwuler Single möchte Vater werden“

Mit Anzeigen wie dieser suchte Igor lange nach einer Frau, die mit ihm ein Kind bekommen will. Es hat geklappt.
Protokoll von Sina Pousset
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Illustration: jetzt

Vater + Mutter = Kind – das war einmal. Heute ist die Frage nach der Familienplanung hochpolitisch. Will man überhaupt welche? Was bedeutet das für die Beziehung? Und wenn man sich dafür entscheidet – geht das dann so einfach? In dieser Kolumne erzählen Menschen von ihrer Entscheidung für und gegen Kinder. 

Igor (Name geändert), 42, ist schwul und hat Katharina, die Mutter seines Kindes, über eine Online-Plattform kennengelernt. Katharina hatte uns schon erzählt, wie sich dieses Co-Parenting für sie anfühlt. Nun ist Igor dran:  

„Mit meinem starken Kinderwunsch bin ich eher die Ausnahme. Für viele Hetero-Männer, die ich kenne, gehören Kinder zwar irgendwann dazu, aber das liegt auch an der gesellschaftlichen Erwartung – und oft auch an der Annahme, dass die Frau sich das wünscht. Die meisten schwulen Männer, die ich kenne, wollen keine Kinder. Und auch die, die es sich prinzipiell vorstellen können, sind selten bereit, es konsequent zu verfolgen. Kinderkriegen ist als schwuler Mann ja nicht so einfach. Leihmutterschaft war für mich keine Option, weil ich mir für mein Kind eine Beziehung zur Mutter wünsche und ich wollte mein Kind auch gern gemeinsam mit jemandem großziehen.

Mit 19 habe ich Zivildienst in einer Kindertagesstätte gemacht und damals schon gemerkt, wie lustig und süß Kinder sind. Dass ich Kinder will, weiß ich also schon lang. So richtig damit beschäftigt habe ich mich ab Ende 20, Anfang 30. Ein befreundetes schwules Paar hatte da gerade ein lesbisches Paar kennengelernt, mit dem es ein Baby bekommen hat. Da habe ich kapiert: So geht es ja auch! Ich war damals in einer langen Beziehung und habe meinem Ex-Freund die Idee vorgeschlagen. Er wollte aber keine Kinder – und schon gar nicht mit einem anderen Paar. Mein Kinderwunsch war am Ende einer der Gründe für unsere spätere Trennung. Denn ich konnte mir ein gemeinsames Leben nur inklusive Familie vorstellen.

Ich war so aufgeregt wie ein 18-jähriger vor dem ersten Date

Stattdessen habe ich mich allein auf die Suche gemacht. Als erstes habe ich eine Anzeige in einem Stadtmagazin aufgegeben, relativ nüchtern: „Schwuler Single möchte Vater werden“. Es kamen über ein Dutzend Zuschriften, mit den meisten hab ich mich auch getroffen. Das ging über ein halbes Jahr. Beim ersten Treffen mit einer lesbischen Frau war ich so aufgeregt wie ein 18-Jähriger vorm ersten Date. Wir haben uns gut verstanden, aber so richtig gepasst hat es nicht. Warum, ist schwer zu beschreiben: Ich wusste nur, die ist es nicht. Wie sich das anfühlen sollte, wenn es die Richtige ist, wusste ich allerdings nicht. Doch später habe ich mich mit einem lesbischen Paar richtig gut verstanden. Kurz vor dem ersten Versuch sind wir zusammen in den Urlaub gefahren um zu sehen, ob es wirklich passt – ein Tipp von meinen Freunden.

Schon am ersten Abend hat es total geknallt. Das war’s dann. Alles auf Null. Das hat mich total verunsichert. Ich habe mich danach eine Zeit lang auf meinen Job konzentriert. Mittlerweile war ich schon Ende 30 und dachte: Jetzt wird es langsam knapp. Ich wollte nie ein alter Vater sein.

Mit einem Paar, das ich diesmal auf einer Online-Plattform fand, dauerte die Kennenlernphase über ein halbes Jahr. In sie war ich ziemlich verknallt. Sie wünschten sich eine Stiefkindadoption, also, dass ich die Rechte als Vater an die nicht-biologische Mama abtrete. Ich wollte das eigentlich nicht, aber habe mich dann hinreißen lassen, weil ich die beiden so nett fand. Sie haben gemerkt, dass ich das nicht wirklich will und mir abgesagt. Es wäre „nicht gut für dich und auch nicht gut fürs Kind.“ Danach war ich total am Boden. Ich dachte, das war’s dann mit meinem Kinderwunsch.

Unser Sohn ist jetzt mehr als ein Jahr alt

Ein Bekannter brachte mich schließlich auf die Idee, es mal mit einer alleinstehenden Frau und nicht mit einem Paar zu probieren. Online lernte ich nach wenigen Wochen Katharina kennen. Das erste Treffen war gleich ganz anders. Es war total konkret. Da war nicht nur eine seelische Nähe und Herzlichkeit. Zum ersten Mal dachte ich wirklich: „Ja, hier sitzen sich zwei Menschen gegenüber, die gemeinsam und gleichberechtigt ein Kind bekommen wollen.“ Im September 2017 haben wir uns zum ersten Mal getroffen, im März war sie durch künstliche Befruchtung schwanger.

Unser Sohn ist jetzt mehr als ein Jahr alt. Momentan lebt er noch bei Katharina, langfristig soll er bei uns beiden wohnen. Ich bin an drei Abenden in der Woche da, Samstag ganztags und oft halbtags Sonntags. Unser Sohn kommt bald in die KiTa und wird selbstständiger. Früher war Stillen die letzte Instanz, mittlerweile kann ich ihn auch allein beruhigen und ins Bett bringen. Es ist sehr süß, zu sehen, wie er einschläft. Stillen werde ich nie könne, aber es ist schön, Dinge tun zu können, die einfach normal sind. Wenn ich von den beiden komme, bin ich meistens einfach glücklich. Ein Kind lässt einen alles vergessen. Ich möchte nirgendwo anders sein.

Meine Eltern freuen sich total über ihr Enkelkind, besonders, da meine Schwester keine Kinder möchte. Wenn wir unterwegs sind, wirken wir wie eine ganz klassische Familie. Viele Leute sagen dann „Ihr Mann“ oder „Ihre Frau“ zu uns. Das korrigieren wir nicht, wir finden das eher lustig. Im Bekanntenkreis und auch mit Kollegen erzähle ich aber ganz offen von Katharina und mir. Witzig ist, dass es dann viele sehr genau wissen wollen: „Und wie habt ihr es gemacht?“ Das ist eigentlich ja was sehr Privates.

Mittlerweile habe ich mich als Papa bewiesen

Was mich erstaunt, ist, wie normal es in vielen Unternehmen ist, dass der Vater keine Abstriche macht. Mein Arbeitgeber erwartet von mir, dass ich weiter Vollzeit arbeite. Ich habe allgemein das Gefühl, dass Frauen zuerst Mütter, dann noch Karrierefrau sein sollen, beim Mann ist es umgekehrt. Es fragt niemand: Was ist eigentlich gut für die Frau? Es gibt diese Erwartung: Du findest den Supermann und kriegst dann das Superkind. Das ist für viele nicht mehr realistisch. Ich möchte, dass mehr alleinstehende Frauen wissen, dass es da noch ganz andere Optionen gibt.

Ich habe meine Bedürfnisse das erste Jahr sehr zurückgenommen, um Katharina ihren Freiraum zu geben. Das hat sie manchmal missverstanden und auch für mich war das nicht einfach. Solche Dinge sprechen wir aber offen an. Aktuell hat Katharina noch das alleinige Sorgerecht, aber wir haben abgemacht, dass sich das nach den ersten Jahren als Familie ändern soll. Anfangs war das für den Papierkram leichter, aber es war auch eine Sicherheit für Katharina, falls es mit uns doch nicht klappt. Mittlerweile habe ich mich als Papa aber bewiesen, ich bin da und zahle Unterhalt. Ich konnte ihren Wunsch aber nachvollziehen. Für sie ändert sich alles: Ihr Leben, ihr Körper, ihre Einstellung, ihr Job. Ich muss nur umdenken.

Anfangs hab ich mir Sorgen gemacht, was passiert, wenn Katharina wegziehen will. Aber wir sind beide so verwurzelt in unserer Stadt, dass ich davor mittlerweile keine Angst mehr habe. Langfristig würde ich Katharina wünschen, dass sie wieder einen Partner findet. Auch ich würde das Elternsein gern mit einem romantischen Partner erleben, auch, weil man in einer Liebesbeziehung das Leben ja noch mal intensiver miteinander teilt. So einfach ist das aber gar nicht.

Für schwule Männer auf der Straße bin ich Luft

Für schwule Männer auf der Straße bin ich Luft, die sehen einen Mann mit Kind und denken: vergeben, hetero. Ich checke auf dem Spielplatz zwar manchmal die Männer aus, aber das ist eher sinnlos. Ich habe im vergangenen Jahr zwei Männer online kennengelernt, die sich tatsächlich auch vorstellen konnten, Teil unserer Familie zu werden. Mit ihnen hat es aber nicht geklappt. Momentan habe ich auch gar keine Energie für eine Beziehung. Wer weiß, vielleicht lerne ich in Zukunft ja jemanden kennen, der selbst schon ein Kind hat?

Ein zweites Kind würden Katharina und ich uns zwar wünschen, aber erst mal halten wir den Ball flach. Sie fängt jetzt erst einmal wieder mit ihrem Job an. Natürlich ist auch die Verantwortung für zwei Kinder noch mal größer. Aber wir werden es nicht zu lange aufschieben, wir sind ja beide nicht mehr die Jüngsten.

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