Wofür gibt es eigentlich Instagram-Museen?

Zwischen Bällebad, Diskokugeln und sehr viel Rosa: ein Nachmittag im Supercandy-Museum in Köln.
Reportage von Berit Dießelkämper
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Aufblasbare Flamingos leben im Supercandy-Museum gefährlich – und in der Regel nicht lang.

Foto: Berit Dießelkämper

Der Flamingo-Verschleiß ist hoch. Einer pro Woche, sagt Frank Karch, Geschäftsführer des Supercandy Pop-Up Museums in Köln. Drei kaputte Flamingo-Schwimmtiere liegen auf seinem Konferenztisch, daneben Strahler, die nicht mehr strahlen, und Bodenventilatoren, die nicht mehr ventilieren. In ihrem früheren Leben schwammen die Flamingos im rosa Bällebad des Museums. Nicht artgerecht: „Die Leute gehen mit ihnen um, als wären sie im Wasser, aber die Bälle sind eben hart“, sagt Frank.

Vielleicht liegt es auch daran, dass das rosa Bällebad das absolute Highlight im Supercandy Instagram-Museum ist. In das Museum gehen Menschen, um Bilder von sich vor verschiedenen Kulissen zu machen. Es ist eines von mittlerweile mehr als zehn verschiedenen in Deutschland, das größte in Europa, mehr als 75 000 Besucher*innen seien schon dort gewesen, wie das Museum selbst angibt. Was finden viele so faszinierend an dem Museum? Das soll ein Besuch im Instagram-Museum an einem ganz normalen Corona-Samstag klären.

Kaum jemand ist mit nur einem Outfit gekommen, überall stehen vollgepackte Plastik-Tragetaschen herum

Draußen auf dem Parkplatz im hippen Kölner Stadtteil Ehrenfeld stehen Jennifer (36, blonde lange Haare, Friseurin, Malibu-Rum-Dose) und Margareta (35, dunkelblonde lange Haare, Assistenz der Geschäftsführung einer Bank, Whisky-Cola-Dose) an ihrem Auto. Neben ihnen zwei metallic-rosa Rollkoffer.

„Warum seid ihr hier?“

„Zum Bildermachen. Hier gibt es die perfekten Kulissen für den Fake in den sozialen Medien.“

„Wie seid ihr auf das Supercandy gekommen?“

„TikTok.“

„Habt ihr einen Plan für heute?“

„Auf jeden Fall ins rosa Bällebad!“                                  

„Wollt ihr Influencerinnen werden?“

„Nee! Unsere Profile sind auch auf privat.“

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Vor allem viel Rosa – so sieht es im Instagram-Museum aus.

Foto: Berit Dießelkämper
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Viele Besucher*innen kommen mit unterschiedlichen Outfits.

Foto: Berit Dießelkämper
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Im Museum geht es vor allem um Posing.

Foto: Berit Dießelkämper
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Die Kulissen sind angepasst an das, was im Internet gerade angesagt ist.

Foto: Berit Dießelkämper

Bevor es rein geht in die 30 Fotosets auf 2000 Quadratmetern, gibt es zunächst eine Einweisung. Wichtig: Die 120 Minuten für den Rundgang beginnen erst NACH der Einweisung. Also: Masken bitte immer tragen, außer die Person, die gerade fotografiert wird. Nervt klar, aber muss. Weiter: Schuhe ausziehen vor den Bällebädern, die goldenen Discokugeln nicht anfassen, die Fläche darunter nicht betreten. Auf den rosa Cadillac sitzen ja, aber aufpassen, dass er nicht zerkratzt, „das ist ein echt altes Auto.“ Die Information, dass der Cadillac auch auf und ab hüpfen kann, sorgt für noch mehr Ungeduld unter den etwa 25 Wartenden, eine Frau sagt halblaut, „Aaaaaalter!“ Eine andere pudert sich gerade das Gesicht nach, neben ihr ein junger Mann mit Selfie-Stick im Anschlag. „Ihr könnt echt machen, was ihr wollt, tobt euch aus und macht so viele Bilder wie möglich und sagt Bescheid, bevor ihr geht, dann bekommt ihr ein Eis“, sagt die Mitarbeiterin.

Frank (Instagram-Kulissen-Dienstleister, an diesem Tag 48 geworden, rosa Maske) sagt, zuerst habe es ihn genervt, wie viel immer kaputtgehe, aber irgendwann akzeptiere man auch das. Um dahin zu kommen, hatte er ein paar Jahre Zeit: Im Herbst 2018 eröffnete das Supercandy zum ersten Mal für drei Monate, im November 2019 noch einmal, dann Ende Mai 2020 die Wiedereröffnung nach dem Corona-Lockdown, für Anfang Oktober ist Volume 3 geplant.

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Immer eine kleine Gruppe von Menschen darf für zwei Stunden in das Museum.

Foto: Berit Dießelkämper
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Finanziell lohnt sich das Museum – die Beliebtheit steigt.

Foto: Berit Dießelkämper
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Den meisten Besucher*innen geht es vor allem um eines: Spaß.

Foto: Berit Dießelkämper
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Auch Kakteen sind schon einige Zeit sehr instagrammable.

Foto: Berit Dießelkämper

Am Eingang sind links Garderobe und Schminktische, rechts Umkleidekabinen und Toiletten. Kaum jemand ist mit nur einem Outfit gekommen, überall stehen vollgepackte Plastik-Tragetaschen herum. Eine Gruppe ist sogar mit einem Bollerwagen gekommen. In der Halle dann die Fotokulissen, rosa Wände, rosa Boden, Neonröhren und Studioleuchten. Die Atmosphäre: Generation Y und Z haben zusammen eine ziemlich instagrammable Party organisiert und die „TikTok Hits“-Playlist von Spotify angemacht.

In den verschiedenen Kulissen herrscht Geschäftigkeit – immerhin muss hier content createt werden. Die Besucher*innen (es sind fast ausschließlich Frauen) wissen genau, wie das funktioniert: posen, mit der Kulisse interagieren, der Kamera „etwas anbieten“. Guckt man zu lange hin, schauen sie unsicher zurück. Trotz der Funktion eines Instagram-Museums gibt es wohl immer noch das Bewusstsein, dass das alles hier von außen betrachtet ein kleines bisschen seltsam wirkt. Egal, alle scheinen verdammt viel Spaß zu haben.

Frank ist ein Marketing-Mensch. Ihn interessiert, was bei jungen Menschen funktioniert und wofür sie bereit sind, freiwillig Geld zu bezahlen. Hauptzielgruppe sind junge Frauen, sie müsse man erreichen, dann laufe es. Darüber gebe es auch eine Studie.

„Läufts denn auch im Supercandy, so geldmäßig, immerhin kostet ein 120-Minuten-Ticket 29 Euro?“

„Ja!“

Auch besser als bei der Konkurrenz, das wisse Frank von einem Kollegen. Sein Geheimnis: Man müsse erstens wissen, was gerade auf Instagram angesagt ist; zweitens danach gehen, was in einem Hip-Hop-Video cool aussehen würde und drittens Dinge bieten, die man nicht einfach zu Hause nachmachen kann.

Ein rosa Hollywood-Leuchtschild auf der Zwischenebene der Halle zu Beispiel. Davor posieren Angelina (25, Lehrerin, 15,2 Zentimeter hohe, durchsichtige Plateau-Heels), Lisa (21, Erzieherin, 20,3 Zentimeter hohe Plateau-Stiefel) und Sabrina (26, irgendwas mit Werbung, 20,3 Zentimeter hohe, durchsichtige Plateau-Heels) mit Plastik-Kakteen. Es bleiben noch 90 Minuten. Die drei sind Poledancerinnen aus Heidelberg und erklären, dass man die Schuhe eigentlich „Pleaser“ nennt, aber das sei ein bescheuerter Name.

An mehreren Stellen im Museums gibt es Female-Empowerment-Botschaften

„Warum seid ihr hier?“

„Zum Fotomachen! Poledancing gilt immer noch als total verrucht, das wollen wir ändern.“

„Wie seid ihr auf das Supercandy gekommen?“

„Instagram!“

„Wie findet ihr es hier?“

„Mega! Es ist pink, es sieht nice aus!“

„Wollt ihr Instagrammerinnen werden?“

„Ne keine Zeit, wir müssen arbeiten.“

Margareta und Jennifer haben gerade ihre Koffer die Treppe auf die Zwischenebene hoch und dann wieder runtergetragen. Kurzer Stopp bei den goldenen Discokugeln, dann Outfitwechsel: Bei Jennifer in ein puderfarbenes Ballkleid, Margareta bleibt für die Ecke mit den blauen Luftballons in ihrem blauen Tüllrock mit blauem Top. Noch 70 Minuten.

Die Besucher*innen sind unterschiedlich aufwendig ausgestattet: Einige nur mit Handy, andere haben Selfie-Sticks, Stative, Spiegelreflexkameras oder sogar ihr eigenes Licht mitgebracht. Im Supercandy hat man offensichtlich schon alle Professionalitätslevel erlebt, auf der Homepage steht, wenn man „Schienen für einen Dolly“ legen möchte, solle man bitte vorab Bescheid sagen. In den FAQs steht auch: „Ich habe ein Ticket für mich und meinen Freund gekauft. Der ist jetzt aber mein Ex. Gilt das zweite Ticket auch für meinen neuen Freund?“ Und das ist irgendwie witzig, aber auch ein dummes Generationen-Vorurteil.

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Neues Outfit, neue Pose.

Foto: Berit Dießelkämper

Oben im ersten Stock bei den rosa Kirschblüten: Margareta und Jennifer, Selfie-Stick, Ringlicht, Bodenventilator und noch 40 Minuten. „Habt ihr schon viele Bilder gemacht?“ „Ja! Ob da was bei ist, gucken wir dann später“, sagt Jennifer. „Ich hab kein Bock mehr“, sagt Margareta.

Was man so jetzt nicht erwartet hätte, aber dann popkulturell und zeitgeistig doch Sinn ergibt: An mehreren Stellen im Museums gibt es Female-Empowerment-Botschaften. Da sind zum Beispiel die (man kann es so nennen) feministischen Wandtattoos. Da steht dann sowas wie „girl power“ auf den Oberarmen einer jungen Frau, die ihren BH von sich schleudert. Oder in der Supermarktkulisse das „Body-Positivity-Nahrungsergänzungsmittel“, wie Frank es nennt und wenn er das tut, muss er selbst lachen. Feminismus ist eben auch was für Marketing-Menschen.

„Können Sie ein Bild von uns machen?“  „Klar.“  „Können Sie da weggehen?“  „Klar.“

„Warum ist hier alles rosa?“

„Rosa ist einfach eine schöne Farbe und jeder sieht darin gut aus!“

Dann erzählt Frank, wie er die Motive und Kulissen entwickelt, was sie bedeuten und auf was in der jüngeren Internet-Gegenwart sie sich beziehen.

„Ist es nicht irgendwie schade, dass niemand hier diese Referenzen checkt, sondern einfach nur die Kulissen stürmt, benutzt und dabei eben auch Flamingos tötet?“

„Nein, das ist schon okay, es wäre vermessen, das so zu überhöhen. Die Fotokulissen sollen Spaß machen“, sagt Frank.

Unten im rosa Bällebad gibt es technische Probleme. Jennifer und Margareta wollen einen Boomerang aufnehmen, wie sie sich rückwärts ins Becken fallen lassen, aber das Handy tut es nicht. Warum? Die Boomerang-Funktion in der Instagram-App war nicht angewählt. Viele fotografieren hier wie die beiden gerade in der App, weil die Bilder und Videos (zumindest bei denen, die noch nicht geupdated haben) dann direkt das richtige Format haben, um sie in die Story zu laden. Dafür muss jedes Bild aber erst einmal manuell gespeichert werden, bevor man ein neues machen kann. Das ist mühsam und es sind doch nur noch zwanzig Minuten. 

Wer zu lange unbeschäftigt herumsteht, wird unweigerlich entweder zum nützlichen oder nervigen Teil der Inszenierung:

„Können Sie ein Bild von uns machen?“  „Klar.“  „Können Sie da weggehen?“  „Klar.“

Auf dem Rand des Bällebads sitzt ein Mitarbeiter mit dem Joystick für die Cadillac-Hydraulik-Funktion. Im Auto reißt ein jubelnder Junggesellinnenabschied mit Blumenkränzen im Haar die Arme in die Luft. Daneben steht Jennifer und öffnet den Reißverschluss ihres Koffers nur so weit, dass sie mit Mühe hineingreifen und noch ein Outfit rausfriemeln kann: Jeansshorts, gelbes Top, rosa High Heels. Sie setzt sich auf die Motorhaube des Cadillacs. Die ist natürlich verkratzt.

Neben dem rosa Cadillac mit der rosa Tanksäule steht ein rosa Diner-Tresen. Nur noch sechs Minuten. Letztes Motiv für Jennifer und Margareta. Danach noch das Eis und dann wieder los, Bilder kuratieren. Auf Instagram unter #supercandymuseum finden sich die Ergebnisse, aber wie individuell können die schon sein, wenn 75 000 Besucher*innen in den gleichen Instagram-Kulissen mit den gleichen Instagram-Posen posieren? Draußen steht schon die nächste Gruppe für die Einweisung. Kurze Nachfrage bei Frank: Auch an diesem ganz normalen Corona-Wochenende haben es wieder zwei Flamingos nicht geschafft.

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