Männer, verbrennt eure Anzüge!

Denn sie sind Symbol des Patriarchats. Die Corona-Krise ist der perfekte Moment dafür.
Von Magdalena Pulz
anzuege verbrennen

Illustration: FDE

Es ist wahr: Nach der Einführung von Gendersternchen, der Öffnung von Zigarrenclubs für Weibsvolk und diversen Quoten-Diskussionen will ich den Männern auch noch das Herzstück ihres Testosteron-Tempels wegnehmen: ihre Anzüge. Das liebste ihrer Kleidungsstücke, und vermutlich – nein, sicher sogar – das schönste. Ja, verdammt, Männer in Anzügen sehen super aus. Ich will Hemden, Hosen und Sakkos trotzdem annektieren, will sie in eine riesige Tonne werfen und verbrennen. Metaphorisch zumindest. Für mich sind Anzüge einfach das ärgste Kleidungsstück von allen. Denn hinter der gebügelten Fassade von klarem Schnitt und edlen Kanten versteckt sich der Endgegner unserer Gesellschaft: das Patriarchat.

Eine Hose ist nie nur eine Hose, ein Shirt ist nie nur ein Shirt. Kleidung erzählt eine Geschichte über ihre Träger*innen: wie stylish, modisch, gepflegt man ist, wie vermögend, wie detailversessen. Und mit Klamotten verhält es sich wie mit Kommunikation: Auch wenn man versucht, gar nichts (aus)zusagen, vermittelt man auch mit schwarzem T-Shirt und Jeans eine Botschaft – und wenn die nur ist: Ich definiere mich nicht über meine Kleidung. 

Neben diesen offensichtlichen Aussagen von Kleidungsstücken gibt es noch eine tiefere Bedeutungsebene, die bestimmte Assoziationen wachruft. Beispiel: Großflächiger bunter Blumenprint wird mit Woodstock verbunden, bodenlange schwarze Ledermäntel mit der Matrix-Trilogie und Korsetts mit dem Mittelalter. Kleidungsstücke symbolisieren Epochen, repräsentieren bestimmte politische oder popkulturelle Ereignisse, sind Zeitgeist zum Anziehen. Modemacher*innen bedienen sich dieser Interpretationsebenen, kramen Altes heraus, erfinden Neues, mischen und mashen, und versuchen so, verschiedene Assoziationen auszulösen, neue Geschichten zu erzählen. 

Anzüge repräsentieren Macht – männliche Macht

Auch Anzüge erzählen eine Geschichte. Nicht alle die gleiche natürlich. Elton Johns bunte Bühnenshow-Anzüge haben nicht viel mit einem frühlingshaften Baumwollsakko gemein. Es gibt aber eine Art von Anzug, die jede*r kennt, und von der jeder Mann mindestens einen im Schrank hat – und das ist der Feind-Anzug: dunkelblau, wahlweise schwarz, weißes Hemd, gute Schuhe. Das Grundmodell, mit dem der Mann eben erst einmal nichts falsch machen kann. Dieser Anzug steht mit einem Wort für Allmacht. Es gibt keine Position der Power, die nicht schon von der Maske dieses Anzuges besetzt worden ist: Sämtliche Präsidenten, Kanzler und Könige, CEOs, Astronauten, Sportler, Moderatoren, Wirtschafts-Heinis und sogar James fucking Bond tragen etwas in dieser Art.

Und wir Frauen haben kein solches Kleidungsstück. Ja klar, es gibt Kostüme für Frauen, beziehungsweise Hosenanzüge. Während ersteres ganz klar „Hostess“ schreit, sagt zweiteres: knapp daneben ist auch vorbei. Klar gibt es auch Frauen, die den Hosenanzug rocken und einfach cool darin aussehen. Aber sie stecken in dem Kleidungsstück nicht mit derselben Selbstverständlichkeit wie Männer, für die der Grundschnitt konzipiert wurde. Angela Merkel scheint das zu wissen, und entscheidet sich in ihren roten, gelben und blauen Varianten lieber direkt dafür, zwischen den dunkelblauen Männer-Uniformen hervorzustechen. 

Ein Kleidungsstück wie eine atomar verseuchte Kakerlake: nicht totzukriegen

Während wir Frauen uns und unsere Kleidung von Jahr zu Jahr neu erfunden haben und erfinden, Hosen für uns entdeckten, Rüschen-Kleider, Miniröcke ausprobierten und Bustiers verbrannten, chillten Männer über Jahrzehnte an, beziehungsweise: in einem sicheren Rückzugsort. Männer trugen Anzüge, als Frauen noch ihre Erlaubnis brauchten, arbeiten zu gehen. Sie trugen Anzüge, als wir noch nicht unsere eigenen Konten haben durften. Anzüge vor und nach dem Mauerfall, vor und nach 9/11. Vergewaltigung in der Ehe wird ein Verbrechen, Digitalisierung wird selbstverständlich – und der Anzug bleibt wie eine atomar verseuchte Kakerlake an der Chefetage kleben. Mann in Machtposition sieht heute ziemlich aus wie Mann in Machtposition vor hundert Jahren. Der Anzug ist die Uniform des aus dem Westen in die Welt exportierten, globalisierten Kapitalismus, und zugleich  Maske, Accessoire und Symbol des Patriarchats.

Ich sehe sie mit ihren glänzenden Schuhen durch die Münchner Innenstadt schreiten, die jungen, die karrierehungrigen Männer. Ich sehe die 30-, 40-, 50-Jährigen mit gebügelten Kragen selbstsicher auf ihren Linked-In-Profilbildern lächeln, ich seh die Generation 60-Plus lässig mit offenem Jackett in den Talkshow-Stühlen hängen. Und ich finde es so daneben. 

Nach der Home-Office-Phase könnte man die Dinger einfach im Schrank vergessen

Versteht mich nicht falsch, ich will nicht, dass die Legislative ein Anzugsverbot in das deutsche Grundgesetz einschreibt, ich will nicht, dass alte Herren, die sich für den Kirchgang schick gemacht haben, auf der Straße angespuckt werden oder Bräutigame nackt heiraten müssen. Aber ich will, dass Männer in Chefetagen sich der Assoziationen, die ihr Lieblings-Kleidungsstück hervorruft, bewusst werden, und sich im besten Fall dagegen entscheiden, es zu tragen. 

Ja, es gibt Alternativen, und die sind jetzt auch nicht crazy und total abwegig. Hoodies sind eh die neuen Anzüge. Und Jogginghosen – das wurde nun wirklich oft auf den Laufstegen von Mailand, New York Paris, London und Berlin bewiesen – können auch schick sein. Gerade jetzt, im Home-Office, könnte man den Anzug verräumen, und dann einfach vergessen, das Ding wieder hervorzuholen. 

Und zur Beruhigung: Ein Kleidungsstück kann gar nicht so hässlich und unkleidsam sein, dass es nicht trotzdem irgendwann als Retro-Trend zurück an die Oberfläche kommt. Wenn Schlaghose und trägerfreie Tops ihr Comeback schaffen konnten, dann wird es der Anzug erst recht auf die Reihe kriegen.

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