Die Corona-Pandemie macht mich karrieregeil

Für unsere Autorin ist Arbeit in der Pandemie auf einmal mehr als das halbe Leben.
Illustration: FDE

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Eigentlich wollten wir doch so nie sein: besessen von unseren Jobs, geil auf dicke Geldbörsen und Beförderungen, lechzend nach ehrenhaften Mentions in irgendwelchen Managermagazinen. So ein Leben ausgerichtet auf beruflichen Erfolg kann ja eigentlich nicht gut gehen, denken wir. Und haben das auch in diversen pädagogisch eindrucksvollen Filmen wie „Eat Pray Love“, „American Psycho“ und „Peter Pan“ gelernt. Bevor uns die Verantwortung so richtig einholt, wollten wir in den Jahren zwischen 20 und 35 doch eigentlich leben: irgendwelche Leute am Dönerstand kennenlernen, ein bisschen mit Drogen rumprobieren, komplizierte Romanzen haben, den Apfelkuchen von Oma im Garten mampfen – und ja, auch: einen Job haben, den wir nicht hassen, und in dem wir ab und an ein wenig glänzen können. 

Aber in der Pandemie bleibt für viele Leute, die jetzt ihre Arbeit noch haben, nur noch der Job, um ihr Leben voranzutreiben – weil alle anderen Bereiche viel stärker durch die Politik eingegrenzt sind. Und das ist gefährlich: Die Pandemie hat das Potential, uns alle zu karrieregeilen Kapitalist*innen umzuerziehen.

Vor einem Jahr war den Menschen ihre Arbeit nicht so wichtig. In einer repräsentativen Befragung gaben vor dem Ausbruch der Pandemie nur 52,1 Prozent der Deutschen an, dass für sie persönlich Erfolg im Beruf besonders erstrebenswert sei. Ein schwacher neunter Platz für Karriere als Lebensziel, und das, obwohl Mehrfachnennungen erlaubt waren. Am wichtigsten waren den Deutschen dagegen „enge Beziehungen zu anderen Menschen“, auf dem zweiten Platz landete die Familie. Eigentlich schön.

Arbeit allein kann einen ganz schön klein im Kopf machen

Mittlerweile aber ist die Ein-Jahres-Marke des ersten Corona-Falls in Deutschland an uns vorbeigezogen. Oma besucht man besser nicht mehr, wenn sie noch nicht geimpft ist. Am Dönerstand macht niemand mehr eine lustige Bekanntschaft, so mit Masken und auf Abstand. Selbst wilde Lovestorys finden wegen der Corona-Pandemie eher weniger statt. Und was bleibt? Der Job. Denn die meisten Menschen, die nicht in der Gastronomie-, Tourismus- oder Kulturbranche arbeiten, können und müssen weiter arbeiten. Und sind sehr dankbar dafür, weil: Kein Geld bedeutet, dass alles madig ist. Und wenn es früher noch hieß: „Wer Party machen kann, muss auch arbeiten können“, heißt es heute: Man kann zwar keine Party mehr machen, aber wenigstens kann man noch arbeiten.

Ich beobachte das auch an mir selbst: Wenn ich abends nichts vor habe – wie eigentlich jeden Tag im Pandemie-Jahr – mache ich bereitwilliger ein, zwei Überstündchen, als wenn ein kaltes Radler und eine Boombox in der Abendsonne auf mich warten. Freund*innen von mir bewerben sich gerade offensiver auf andere Stellen, einfach, um sich weiterentwickeln zu können. Damit mal wieder was passiert und um irgendwie einen Tapetenwechsel zu kriegen.

Und auch abseits davon: Jeden Tag kaum etwas anderes zu erleben als die kleinen Erfolge und Misserfolge, die der Job so bringt, kann einen ganz schön klein im Kopf machen. Während man früher abends bei einer gemütlichen Runde Fußball ein bisschen Wut rausballern oder beim Theaterbesuch auf andere Gedanken kommen konnte, hängt man heute zuhause ab. In der Arbeitspsychologie spricht man von Erholungsmöglichkeiten, die nötig sind, um das psychische Gleichgewicht herzustellen. Und die jetzt eben fehlen.

Wir können uns nicht glücklich arbeiten

Das Gefühl, dass Arbeit gerade mehr als das halbe Leben ausmacht, unterstützt der Staat durch die immer noch recht lockeren Arbeitsregeln: Homeoffice? Wenn’s möglich ist! Die Wirtschaft auf zwei Wochen komplett runterfahren? Lasst uns lieber erst mal noch ein viertes Mal diesen Lockdown-Light ausprobieren. 

Wenn die Befragung über die Werte der Deutschen im nächsten Jahr wieder durchgeführt wird, werden hoffentlich wieder „enge Beziehungen“ und nicht „Erfolg in der Arbeit“ den ersten Platz machen – vielleicht sogar mit einem noch deutlicheren Vorsprung. Wenn 2020 etwas gezeigt hat, dann ja wohl, dass Einsamkeit furchtbar ist, besonders in schweren Zeiten. 

Doch ob wir unsere Freund*innen und unsere Familien regelmäßig sehen, ob wir körperlich gesund sind: Das alles können wir seit Monaten nicht wirklich kontrollieren. Was wir dagegen glauben, kontrollieren zu können, ist unsere Leistung im Beruf. Und da gilt es jetzt, das Beste zu geben. Damit man wenigstens hier Erfolgserlebnisse hat, wenn der Rest des Lebens still steht. Damit das vergangene Jahr nicht total verloren ist. Damit man nicht undankbar wirkt, gerade jetzt, wo so viele Menschen ihren Job verloren haben. Ein bisschen so, als ob wir nur einen Ball hätten zum Jonglieren. Aber am Ende ist es so: Weder können wir uns glücklich arbeiten, noch profitiert irgendwer davon, wenn wir jetzt ein Burnout bekommen. Deswegen sollte unser Job auch in der Pandemie nicht zu unserem einzigen Lebensinhalt werden. Egal, wie die Bundesregierung das sieht.

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