Junge Menschen müssen es ausbaden – mal wieder

Für viele Arbeitgeber sind Studierende perfekt: Sie kosten wenig und sind schon halbwegs im Stoff.
Foto: Unsplash; Bearbeitung: jetzt

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Kürzlich leitete die Berliner Gesundheitsverwaltung Jobangebote an mehrere Universitäten weiter: Es werden Studierende der Biologie und Medizin für die PCR-Testlabore gesucht. Vollzeit, Bewerbungsfrist kurz nach der Ausschreibung – es eilt offenbar. Wenn man sich die Pandemie-Lage ansieht, wundert das nicht: Wegen Omikron sind die Labore bei einer Inzidenz von bundesweit über 1000 überlastet. Und wer soll es richten? Studierende. Aber wenn man sich anschaut, wie die Studierenden in den vergangenen zwei Jahren vernachlässigt worden sind, ist es nicht nur ungerecht, ihnen jetzt diese Verantwortung aufzubürden. Sondern es ist auch ein Armutszeugnis für die Politik – um nicht sogar zu sagen: peinlich.

Peinlich deshalb, weil die Politik es nicht geschafft hat, rechtzeitig ausreichend Personal zu mobilisieren. Grundsätzlich hat sie versagt, genügend Menschen von der Impfung zu überzeugen – und verglichen mit anderen Ländern ist die PCR-Teststrategie hierzulande ein Witz. Allein die Stadt Wien wertet pro Tag mehr PCR-Tests aus als die ganze Bundesrepublik. Die Folgen dieses Versagens sollen junge Menschen beheben.

Also diejenigen, die von Beginn der Pandemie an die geringsten gesundheitlichen Schäden durch Corona zu befürchten hatten und sich trotzdem für das Gemeinwohl enorm einschränkten. Diejenigen, die sich tendenziell deutlich häufiger zur Impfung entschieden als die Gesamtbevölkerung. Das legen zumindest Umfragen nahe, beispielsweise in Baden-Württemberg oder in Berlin. Dort gaben bereits im Herbst mehr als 80 Prozent von rund 40 000 Studierenden an, vollständig geimpft zu sein. Junge Menschen sollten mittlerweile längst wieder in einer anderen Realität leben. Doch Universitäten blieben selbst in Zeiten niedriger Inzidenzen erstaunlich konsequent geschlossen, während Geschäfte öffneten, Fußballstadien gefüllt und Büros teils voll besetzt waren.

Studierende sind preiswert und kompetent

Seit vier Semestern lernen Studierende sozusagen an Fernunis, für die sie sich nie eingeschrieben haben. Wichtige Veranstaltungen wie beispielsweise Laborpraktika in der Biologie und Chemie finden – wenn überhaupt – nur eingeschränkt statt. Auslandsaufenthalte werden gestrichen. Flyer, die am schwarzen Brett zu Studentenpartys einladen, sind aus dem Jahr 2019.

Aber statt Studierende ausreichend zu unterstützen, ist die Politik auf die Unterstützung Studierender angewiesen. Verlässliche Zahlen darüber, wie viele Studierende in systemrelevanten Berufen arbeiten, gibt es zwar nicht. Aber als junger Mensch muss man nur in sein Umfeld schauen. Studierende stehen in Teststationen, in Impfzentren oder auch im Krankenhaus. Sie sind da, wo es gerade besonders brennt.

Man könnte argumentieren, dass Studierende dabei immerhin Arbeitserfahrung sammeln könnten – aber das wäre zu einfach. Denn die Tätigkeiten werden den Studierenden oft auf mehreren Ebenen nicht gerecht. Wenn man sich neben dem Studium einen Job sucht, dann meist aus einem dieser beiden Gründe:  Entweder schlicht aus finanzieller Not oder weil man sich erhofft, wertvolle Erfahrung für die spätere Berufswelt zu sammeln. Beides trifft auf die Jobs aber wohl kaum zu.

Gut popeln zu können, bringt einen im Leben leider wohl nicht weiter

Manche Jobs, im Impfzentrum etwa, zahlen zum Teil zwar einen Stundenlohn von 15 oder auch 20 Euro. Aber so sieht es nicht überall aus. Erst kürzlich berichteten wir über die Medizinstudentin Lisa, die in einer Klinik aushilft, weil sie einen Beitrag für die Gesellschaft leisten will. Pro Stunde erhält sie aber gerade mal zwölf Euro. Und in PCR-Testlaboren in Berlin erhalten Studierende laut unseren Informationen rund 13 Euro. Dafür, dass wir hier über systemrelevante Jobs sprechen, kann man das wohl kaum als üppig bezeichnen. Aus Sicht der Arbeitgeber natürlich toll: Personal, das schon halbwegs fit im Fach ist – und dazu auch noch preiswert. Indem die Politik solche Tarife zulässt, folgt sie aber einem Trend, den die Marktwirtschaft schon lange für sich entdeckt hat: Junge Menschen werden verrohstofft und mit einem „gut & günstig“-Sticker beklebt.

Hinzu kommt: In diesem Fall können sich wohl längst nicht alle damit trösten, dass es sich „immerhin gut im Lebenslauf“ macht. Denn Stäbchen in Nasen fremder Menschen zu bohren oder immer wieder den gleichen PCR-Test durchzuführen, ist kein angemessener Ersatz für Praktika. Vielleicht verschafft es einem Respekt, relevante Aufgaben übernommen zu haben. Aber im Arbeitsalltag der Zukunft werden wohl die wenigsten noch einmal ihre Popelkenntnisse brauchen.

Natürlich: Solidarisch sein und Verantwortung übernehmen, ist jetzt super wichtig. Wenn Kinder beim Homeschooling auf der Strecke bleiben und Nachhilfe brauchen, wenn mehr PCR-Tests Ansteckungen verhindern können, wenn Krankenpfleger:innen am Ende ihrer Kraft arbeiten – dann ist es gut, dass Studierende helfen können. Dass die Politik aber keinen anderen Weg organisiert bekommen hat, ist trotzdem armselig. Und: Eine faire Bezahlung wäre da schon das mindeste.

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