Fan Fiction ist nicht nerdig – sie ist pures Empowerment!

Diese Fan-Geschichten schaffen nämlich etwas, von dem der Mainstream noch immer weit entfernt ist: queere Repräsentation.
Von Kristin Hecken
fan fiction

Illustration: FDE

Harry Potter ist schwul und liebt Draco Malfoy. Sherlock Holmes ist Autist und manchmal auch eine Schwarze cis Frau. Stimmt nicht? Stimmt wohl! Willkommen in der Welt von Fan Fiction oder kurz: Fanfic. So heißt das Sammelsurium aus oft kreativen, spannenden, lustigen, romantischen oder erotischen Geschichten, in denen Fans die Handlungen ihrer Lieblingsfilme oder -bücher weitererzählen oder gar neu erfinden. Das kann ein selbst ausgedachter Sherlock Holmes-Mordfall sein, der Arthur Conan Doyle alle Ehre machen würde. Oder aber eine homoerotische Beziehung zwischen Holmes und Watson, bei der das Verbrechen durch wilden Sex ersetzt wird. Letzteres ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Dahinter stecken aber keine Fantasien von einsamen Nerds, sondern meist Frauen, die damit dem männlichen und heterosexuellen Mainstream trotzen.

In einer Umfrage auf einer der größten Fan Fiction-Plattformen Archive of Our Own (AO3) gaben 90 Prozent der teilnehmenden Leser*innen und Autor*innen an, sich als Frauen zu identifizieren, vier Prozent als Männer und sieben Prozent als Genderqueer. Nur 38 Prozent definieren ihre Sexualität als heterosexuell. Das macht AO3 wohl zu einem der wenigen Orte, in denen die Mehrzahl aus queeren Frauen besteht und es mehr genderqueere Personen als männliche gibt. Überraschend ist das kaum: Für heterosexuelle Männer gibt es keine Notwendigkeit sich in die Populärkultur hineinzuschreiben. Schließlich sind sie meistens eh schon die Protagonisten.

Die Geschichten stammen von meist jungen Frauen, die sich dem Male Gaze widersetzen

In einer Studie der Uni Rostock wurden knapp 200 Serien von Streaming-Anbietern wie Netflix und Amazon Prime auf ihre Diversität untersucht. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Frauen unterrepräsentiert sind und Nicht-binäre und Personen mit anderen Geschlechtsidentitäten so gut wie gar nicht vorkommen. Die Gay & Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD) untersucht jährlich die Repräsentation von LGBTQ-Charakteren im US-amerikanischen Fernsehen. Die letzte Erhebung zeigt, dass zwar immerhin neun Prozent der Charaktere LGBTQ sind, diese aber vor allem schwul oder lesbisch sind. Bisexuelle und trans Charaktere sind nach wie vor sehr selten und asexuelle gar nicht vertreten. Die kreative Arbeit von Fan Fiction-Autor*innen entlarvt genau diese heteronormativen Muster. Die Geschichten stammen nicht aus der Maschinerie Hollywoods, sondern eben von meist jungen Frauen, die sich dem Male Gaze widersetzen. Statt stereotype Narrative abzuspulen, nutzen die Autor*innen den Safe Space der Fan Fiction-Community, um genau diese zu reflektieren.

Wenn wir als Kinder nicht das bekommen haben, was wir wollten, dann konnten wir wenigstens darüber fantasieren. Wir gingen mit Winnie Puuh zusammen im Hundertmorgenwald unseres Sandkastens auf Süßigkeiten-Suche. Oder bauten mit Luke Skywalkers imaginärer Unterstützung unser eigenes Raumschiff aus Decken und Stühlen. Nichts anderes machen Fanfic-Autor*innen. Nur dass das, was sie nicht bekommen und daher selbst fabulieren, kein Spielzeug oder Lolli ist, sondern Repräsentation von Queerness. Fanfic-Protagonist*innen können schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell oder trans sein. Hier gibt es weder vorgefertigte Rollenbilder noch Erwartungen einer Zuschauerschaft oder vorschnelle Urteilsbildungen.

Das zeigt sich auch mit Blick auf die beliebteste Fan Fiction-Kategorie. Auf AO3 tummeln sich mittlerweile über sieben Millionen Fanfics. Knapp die Hälfte davon und damit die meisten Geschichten fallen in die Kategorie “M/M”. Klicken Leser*innen darauf, finden sie ausschließlich homoerotische Liebesbeziehungen zwischen Männern. Die Kategorie geht zurück auf das erste männliche Fanfic-Paar vor über 50 Jahren: Kirk/Spock aus Star Trek. Zu den Top 20 Paaren heute gehören Sherlock Holmes/John Watson, Harry Potter/Draco Malfoy oder auch real existierende Personen wie Harry Styles/Louis Tomlinsen aus der Band One Direction. Ob in langen romantischen Fanfics über mehrere Kapitel hinweg oder in pornographischen sogenannten Oneshots – am Ende steht immer: Sex. Dabei wird die richtige Verhütung und das leidenschaftliche Vorspiel genauso detailliert beschrieben wie diverse Sexpraktiken und der perfekte Orgasmus.

Heteronormative Filme und Bücher können hier ganz einfach von queeren Fans angeeignet werden

Fan Fiction ist also ein Ort, an dem Frauen nicht ausschließlich, aber ausgiebig (homoerotische) Pornos schreiben und konsumieren. Eine Kombination, die nicht überall gerne gesehen wird. In China wurden Frauen deswegen verhaftet. Und aus Angst vor einem verborgenen Star Trek-Kult gab es in den 90ern sogar eine eigene Akte über weibliche Fans bei Scotland Yard. Dieses Gebiet, das vor allem Frauen und queere Menschen dominieren, gilt als komisch oder gefährlich, weil es gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt. Dabei ist Fan Fiction ein sehr ernstzunehmender und sicherer Ort. Er hilft Menschen bei ihrem Coming-out, bildet Freundschaften und bietet Raum für sexuelle Fantasien aller Art. Heteronormative Filme und Bücher können hier ganz einfach von queeren Fans angeeignet werden. Dass das übrigens auch umgekehrt wieder im Mainstream erfolgreich sein kann, zeigt der kommerzielle Erfolg der Buch- und Filmreihen “50 Shades of Grey” (ursprünglich ein Fanfic über Twilight) und “After” (Fanfic über Harry Styles).

Die Online-Plattformen sind also auch ein Safe Space für junge Autor*innen. Sie können ihre Geschichten an einem Publikum testen, das freiwillig und kostenlos lektoriert, kritisiert und lobt. Niemand interessiert sich hier für die eigentlichen Autor*innen der Originalwerke. Viele Fans haben sich nach J.K. Rowlings transphoben Tweets von ihr distanziert und darüber diskutiert, wie sie Harry Potter zukünftig von der Autorin trennen können. Dabei hat diese Trennung schon vor über 20 Jahren mit dem ersten Harry Potter-Fanfic begonnen. Rowling mag zwar die Kontrolle über den offiziellen Kanon haben. Wie Fans diese Narrative für sich deuten und nutzen, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt – oder in diesem Fall in einem anderen Forum.

Fanliebe und kritische Lesart müssen sich nicht widersprechen. Fan Fiction zeigt, wie man seinem Lieblingsfilm treu bleiben und dennoch einen differenzierten Blick darauf werfen kann –  ganz gleich ob erotisch oder nicht. Es ist wie das Wiedersehen mit einer guten Freundin. Auch wenn ihr euch in einigen Dingen voneinander wegbewegt habt, verbinden euch nach wie vor viele gemeinsame Erinnerungen. Vielleicht sollten wir alle ab und an auf Fan Fiction-Plattformen rumstöbern. Womöglich entdecken wir eine längst verloren geglaubte Freundschaft wieder.

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