Bald werden wir Workwear auf dem Laufsteg sehen

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Es gibt einen Kindergarten in einem Dorf auf der schwäbischen Alb. Von dem erzählt man sich, dass es dort mal ein Engelbert-Strauss-Verbot gab. Nicht, weil die Kleidung der Marke nicht kindgerecht wäre. Sondern, weil die Kinder, die keine Handwerkerhose oder keine Arbeitsschuhe von Engelbert Strauss trugen, gemobbt wurden. Gemobbt von Sechsjährigen, die in komplettem Engelbert-Drip in den Kindergarten kamen. 

.

Ob dieses Gerücht wirklich wahr ist, will am Telefon des Kindergartens niemand sagen. Nur so viel: Viele Kinder würden tatsächlich von ihren Eltern komplett in Workwear gekleidet zum Spielen geschickt. Klingt plausibel. Denn auf dem Land sind Marken wie Engelbert Strauss, ein hessischer Hersteller für Arbeitsklamotten, bereits Statussymbol. Der Vogelstrauss auf rotem Grund ist das Gucci-Logo der Kreisligasportplätze und Bushaltestellen. Und es wird nicht mehr lange dauern, dann wird Engelbert Strauss auch die Städte erobern. Zumindest, wenn die Workwear-Branche versteht, wo der Schlüssel zu diesem Erfolg liegt: auf den Skateplätzen dieses Landes.

Bei Dickies und Carhartt waren es schon vor Jahren die Skater*innen, die die Klamotten der ursprünglich Arbeitskleidung herstellenden Firmen wegen ihrer Langlebigkeit und Praktikabelness für sich entdeckten. Die Kleidung war schlicht und billig, für das, was sie konnte. Wenn es einen mal auf die Schnauze legte, dann war nicht gleich alles kaputt. Funktionalität schlägt sich eben nicht nur in den Kindergärten durch, sondern auch auf den Halfpipes. Und was auf den Halfpipes standhält, schafft es früher oder später auch oft, sich als milieu-übergreifendes It-Piece zu etablieren. Eigentlich eine große Chance für Workwear.

Schön angezogen zu sein, ist ohnehin nicht mehr viel wert, seitdem wir nur noch in Videocalls sitzen

Im Moment setzen Workwear-Hersteller wie Engelbert Strauss aber noch auf die alte Schiene: Vom Fensterputzer über den Maurer, bis hin zum deutschen Mittfünfziger, der am Samstag den Garten umgräbt und abends am Webergrill steht – mit solchen Typen werden die Klamotten beworben. Harte Männer, vom Typ friesisch-herbe Bierwerbung, stehen in den Katalogen vollbärtig da und gucken mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne. Lebensgefühl: Der deutsche Schaffer. Allzeit bereit ein Carport mit seinen bloßen Händen zu bauen. Dabei würde es sich lohnen, einer Formel zu folgen, die Brands wie Dickies und Carhartt in Amerika vorgemacht haben: „Fotografiere Skate-Kids in deinen Klamotten, druck sie auf Plakate und alle finden dich cool.“

Denn wie Skater wollen seit den Nullerjahren auch alle aussehen, die sich nicht mal in die Nähe eines Bretts trauen. Dafür sorgte Avril Lavigne, dafür sorgten Blink-182 und Good Charlotte. Alle wollten so aussehen, wie die Bands auf MTV. Auf einmal wurde der Vans Authentic vom Skateschuh zum Alltagsschuh. Noch heute sind Dickies 874 Work Pants, North Face Fleecepullis und der Carhartt Watch Hat in hippen Stadtvierteln so häufig gestreut, wie Flat Whites und Monsteras. Kleines Extra on top: Die Menschen in der Stadt entwickeln sich sowieso immer weiter weg vom Schickimicki der vergangenen Jahrzehnte. Praktisch ist auch hier das neue Schwarz. Schön angezogen zu sein, ist ohnehin nicht mehr viel wert, seitdem viele nur noch in Videocalls sitzen. 

Aber wie schaffen es die Brands von den Skateparks in die Highfashion? Hier wird es exklusiv: limitierte Kollaborationen. Was rar ist, wird viel gekauft. Das machen Skate-Brands mit High-Fashion-Brands seit Jahren. Supreme mit Louis Vuitton und North Face mit Gucci. Farblich fragwürdig, super teuer und nur 100 mal verfügbar,  aber man kann damit im Park Slacklines beackern. Das sieht auf Instagram gut aus. Fragt sich nur, wer zum Beispiel mit Engelbert Strauss kollaboriert. Chanel vielleicht? Das doppelte C würde auf jeden Fall gut zum Strauss auf rotem Grund passen. Oder Christian Dior? Engelbert Dior. Christian Strauß. Funktioniert beides.

  • teilen
  • schließen