Traut euch, öfter Nein zu sagen

Warum das Nein-Sagen unterschätzt wird: ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit und weniger sozialen Druck.
Von Nele Karsten
nein lob

Nele sagt nein, nein, nein. Und findet das auch gut so.

Illustration: FDE

Ich nöle gern. Nele – Nöle. Name verpflichtet, sozusagen. Hätten meine Eltern mich Jale getauft, sähe die Welt ganz anders aus. Und Menschen, die Jane heißen, haben vermutlich ein sehr ausgewogenes Verhältnis zu den Worten Ja und Nein. „Nölen“ bedeutet in meinem Fall nicht nörgeln, sondern verneinen. Auf Fragen antworte ich am liebsten: nö. Und zwar ganz bestimmt. Nennen wir es: Nölegation. „Aber ist ein Nein nicht stets eine verpasste Möglichkeit?“, mögt ihr nun fragen. Nö. Ein Nein ist ein Ja zu sich selbst. Nein, ich komme heute nicht auf diese Zoom-Party, bei der alle sind. Ich gehe gern früh schlafen. Und darauf verzichte ich sicher nicht für Smalltalk und einen Kater am nächsten Tag – weder digital noch im echten Leben.

Am Anfang war das Nö. Noch vor der Henne und dem Ei. Das Nein zieht klare Linien. Wir brauchen es. Ohne die Nacht gäbe es den Tag nicht und ohne Nein gäbe es kein Ja. Klar, das Nein hat einen schlechten Ruf. Es kann verletzend sein, beendend, zurückweisend. Deshalb vermeiden wir es. Ein kraftvolles Nein wirkt geradezu verwegen von alldenjenigen, die der kleinkindlichen Trotzphase entwachsen sind.

Seid ehrlich, wie oft ist euer Ja in Wahrheit eine Kapitulation vor dem sozialen Druck?

Bewiesen ist: Für uns Menschen, die wir soziale Wesen sind, fühlt sich ein Ja kurzfristig besser an. Wir wollen Konflikte umgehen. In der Schnelllebigkeit des Alltags wollen wir sowieso jede unnötige Sekunde an Interaktion vermeiden. Das Ja ist die Intuition, es bedarf keiner langwierigen Erklärungen. Ein Ja ist ein Ja ist ein Ja. Und klingt auch noch jubeljauchzend schön. Die Stimme geht hoch, die Laune auch, heißa hopsasa. Die Euphorie ist jedoch nur von kurzer Dauer. Seid ehrlich, wie oft ist euer Ja in Wahrheit eine Kapitulation vor dem sozialen Druck? Dies ist ein Plädoyer gegen die Norm des Ja und für die Ehrlichkeit des Nein.

„Der schöne 27. September“ ist ein Gedicht von Thomas Brasch. Darin beschreibt er, was er an jenem Tag alles nicht getan hat: „Ich habe keine Zeitung gelesen. Ich habe keiner Frau nachgesehen. Ich habe den Briefkasten nicht geöffnet. Ich habe keinem einen Guten Tag gewünscht“, und so weiter. Darüber freut sich sicher die Frau, die vom Thomas nicht belästigt wurde. Was das Gedicht aber vor allem sagt: Das Nein befreit. In einer Zeit, in der sich alle ständig selbst optimieren müssen, ist das Nein eine Zuflucht. Eine Oase in der Kapitalismusblase.

„Ich muss das nochmal abchecken, die Termine, du weißt ja, aber eigentlich gerne, das lässt sich bestimmt unterkriegen. Wir telefonieren!“ Alles Herumgeschwafel. Das Wort „eigentlich“ an sich ist schon ein Unwort. Diese eine Einladung, die niemand will. Bei der man selbst eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit hofft, der oder die andere möge bitte doch noch absagen.

Nehmt das selbst in die Hand, traut euch. Legt gleich jetzt los, sofort in diesem Moment. Setzt Euch in Euren Sessel und sprecht mir nach, aus voller Brust heraus: Nein. Nö. Ausgeschlossen. Keinesfalls. Nie und nimmer. Kommt gar nicht in die Tüte. Spürt Ihr, wie euer Nein die Ketten des sozialen Drucks sprengt?

Das Nein öffnet mehr Türen, als es schließt

Das Nein ist vielseitig einsetzbar und äußerst bedienungsfreundlich. Im Job: „Die Überstunde schaffen Sie doch noch?“ Nein. Denn ich bin schon überlastet. Darunter leidet meine Arbeit. Was ich jetzt wirklich brauche, ist ein heißes Bad. Dann bin ich morgen umso fitter. Nein ist Self-Care. In Freundschaften: „Geht’s dir gut?“ – Standardfrage. Darauf schonmal ehrlich mit Nein geantwortet? Probiert es aus. Vielleicht entwickelt sich daraus ein Gespräch, ein aufrichtiges. Vielleicht lernt ihr von- und übereinander. Vielleicht atmet ihr am Ende auf und sagt: „Danke für’s Zuhören, das hat gutgetan.“ Und wenn nicht? Tja, dann wart ihr wohl nie echte Freund*innen. Bussi und bye bye. Beim Sex: „Mach ich das gut so?“, erwartungsvoller Dackelblick. Puh, ganz ehrlich? Nein. Innehalten, Unverständnis. Ein Nein an dieser Stelle ist erstmal unerotisch. Folgt darauf aber ein Austausch, eine Erklärung, eine Anleitung, wird daraus ganz rasch ein lautes „JA!“. Zurücklehnen und genießen. Dankt mir später. 

Das Nein öffnet mehr Türen, als es schließt. Ehrlichkeit währt am längsten. Und am Ende ist das Nein nur fair. Möchtet ihr etwa mit jemandem Zeit verbringen, der*die euch nur aus Höflichkeit zusagt? Konformismus hat den Menschen bislang selten vorangebracht. Der gute Sokrates wusste bereits: „Wie zahlreich sind die Dinge, derer ich nicht bedarf.“ Siehe da, Sokrates war ein Nöler. Und Minimalismus liegt ja eh grad voll im Trend. Räumt auf, atmet auf. Jedes Nein schafft Platz. Nein ist Ruhe und Gewissheit. Jedes Ja, das nur ein „Ja, okay“ ist, ist in Wahrheit ein Nein.

Aber sollt Ihr deshalb nun bis zum Ende aller Tage Nein sagen und einsam und allein, alt und antisozial sterben? Darauf sage ich, Ihr ahnt es schon: Nö. Aber spart Euch das Ja auf für all das, was wirklich wichtig ist. Ihr werdet es nicht bereuen.

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