Was unsere Liebe zu Faultieren mit Kapitalismus zu tun hat

Unsere Autorin meint: Faultiere toll zu finden, kommt Kapitalismuskritik gleich.
Illustration: FDE

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Das selige Lächeln eines Dreifinger-Faultiers, während es den Baum umarmt, an dem es sein großes Geschäft verrichtet. Das ist es doch, was uns heutzutage noch richtig rühren kann. Denn wenn sich in dem Moment ein Raubtier anpirscht, ist Wegrennen für das Faultier eher keine Option. In Gefahrensituationen liegt dessen maximale Geschwindigkeit nämlich bei 1,9 km/h. Das bedeutet: Ein Faultier riskiert für den Toilettengang sein Leben. Aber selbst in Lebensgefahr lächelt es nur verträumt. Unmöglich, von so viel Gelassenheit und Glückseligkeit nicht ergriffen zu sein. Ein Vorbild!

Neben Alpakas, Möpsen oder Pandas „boomt“ das Faultier schon seit einigen Jahren. Im Netz gibt es zahlreiche virale Videos von badenden, schreienden, schmusenden, schwimmenden Faultieren. Logisch, dass dieser Trend sich auch auf das Marketing-Verhalten vieler Unternehmen ausgewirkt hat. Faultiergesichter sieht man auf Wattepads, Schokoladenverpackungen, Plakaten in U-Bahnen oder in Supermarkt-Werbespots. Und das ergibt für diese Unternehmen wirtschaftlich sicher Sinn. Denn Faultiere sind nicht nur beliebt, sie sind auch die ideale Projektionsfläche für versteckte Sehnsüchte. Und noch mehr: Die Faultierliebe ist in gewisser Weise auch Kapitalismuskritik. 

Faul-Mensch geht gar nicht, aber Faul-Tier wird gehypt

Das englische Wort für Faultier ist „Sloth“, also das gleiche Wort wie für eine der sieben Todsünden: Trägheit. Es wäre keine Sünde, wenn wir sie uns nicht gerne öfter zugestehen würden. Aber nicht nur im Christentum ist Trägheit, bzw. Faulheit, ein No-Go. Das Faultier-Dasein widerspricht auch den Idealen der neoliberalen Leistungsgesellschaft, sprich: dem Spätkapitalismus. Faul-Mensch geht gar nicht, aber Faul-Tier wird gehypt. Denn sie leben aus, was wir gerne ausleben würden: Faulheit, Langsamkeit, Genügsamkeit. Wir lieben Faultiere, weil sie etwas krass Anderes verkörpern als wir. Schon Platon wusste: Das, worauf sich die wahre menschliche Liebe richtet, ist das Unangepasste, das Unvergleichliche – kurz: „das Andere“, genannt: „Atopos“. Und was könnte für Menschen heutzutage mehr Atopie verkörpern als ein Faultier?

Am Ende können wir so faul und entspannt wie Faultiere gar nicht sein – egal wie exzessiv wir Achtsamkeitsübungen, geführte Meditation und Digital Detox praktizieren. Zumindest nicht, ohne dafür sanktioniert oder arm zu werden. In unserer Leistungsgesellschaft muss man sich Faulheit in der Regel erst verdienen: Normalos faulenzen höchstens mal am Feierabend, Wochenende oder im Urlaub. Neoliberale Ratgeber-Konzepte zur „Entschleunigung“ scheinen auf den ersten Blick zwar Faultier-Lifestyle zu predigen, auf den zweiten dienen sie eher dazu, die Menschen noch arbeitsfähiger zu machen. Auch die Prokrastination ist kein Synonym für Faulheit. Wenn wir prokrastinieren, dann schieben wir eine Tätigkeit auf, fühlen uns sogar schuldig dabei (Stichwort: Sünde) und sind zudem nicht untätig. 

Faultierliebe ist potentielle Kapitalismuskritik

Faultiere sind da konsequenter. Sie bewegen sich im Zeitlupentempo. So langsam, dass auf ihrem Fell Algen wachsen, die sie wiederum verspeisen können (eine körpereigene Snackproduktion!). Ansonsten ernähren sie sich hauptsächlich von Blättern. Nur einmal pro Woche verlassen sie ihre Astplätze, um unten am Baumstamm zu koten. Faultiere schlafen bis zu 20 Stunden am Tag. Die meiste Zeit hängen sie kopfüber in Baumkronen des Regenwalds ab. Außerdem sind sie vorbildliche Energiesparer: Das Dreifinger-Faultier hat den langsamsten Stoffwechsel aller Lebewesen. Mit dieser Langsamkeit und Untätigkeit symbolisieren Faultiere das, was nur wenige Menschen tatsächlich sind: untätige Selbstversorger*innen mit niedrigem Konsumverhalten. 

„Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“, haben die Philosophen Fredric Jameson und Slavoj Žižek mal gesagt. Der Kulturwissenschaftler Mark Fisher hat sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie das unseren Alltag und unsere Gefühle prägt. Aber wenn man sich schon keine Alternative zum Kapitalismus vorstellen kann, vielleicht zeigt sich ein geheimes, vielleicht sogar verdrängtes Begehren nach alternativen Gesellschaftsstrukturen versteckter, also: unbewusster. Zum Beispiel darin, dass wir Faultiere so wahnsinnig toll finden. Faultierliebe ist potentielle Kapitalismuskritik. Das nützt den Faultieren selbst aber leider nichts: Sie sind nämlich vom Aussterben bedroht. Denn ihr Lebensraum wird aufgrund der Regenwald-Rodung immer knapper. Ganz im Dienste des Kapitalismus.

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