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Illustration: Federico Delfrati

Ob Groß- oder Kleinstadt, Ein- oder Mehrfamilienhaus: Irgendwann ist jeder schon einmal über einen Zettel in der eigenen Nachbarschaft gestolpert, der entweder eine Party ankündigt, sich über selbige beschwert oder einfach mal was loswerden möchte. In dieser Typologie haben wir sie für euch zusammengefasst.

Der „Heute wird es etwas lauter“-Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus:

Sehr pragmatisch. DIN-A4-Blanko-Papier, gezwungen leserliche Schrift, Filzer, in der Not auch Kugelschreiber und fertig. Ein Drittel des Textes nimmt allein die Anrede ein („LIIIIEBE NACHBARN!). Seine Ecken sind traurig und hängen geknickt herunter. Und wie er da mit dem hässlichen, braunen Paketband an der Wand baumelt, ist an Tristesse kaum zu überbieten. Manchmal klebt ganz keck ein Päckchen Longpapes an der Party-Warnung.

Das steht drauf:

Ganz wichtig bei so einem Zettel sind natürlich zwanghaft! originelle! Formulierungen! die man im Vorfeld mit „nette (witzige) Formulierungen für Party/Nachbarn“ ergoogelt hat. Das erwarten die Nachbarn, damit sie sich auf dich das Bevorstehende einstellen können: „Heute wird es etwas lauter“ und „Wenn es zu laut wird, dann kommt gerne auf ein Bier her und feiert mit“ sind beispielsweise unabdingbar. Auch wird in der Anrede stets davon ausgegangen, dass die Nachbarn auf jeden Fall „lieb“ sind. Damit man weiß, wo gefeiert wird, steht meistens auch das betreffende Stockwerk dabei.

Das bedeutet er wirklich:

„Heute wird’s ziemlich laut und nicht ‘etwas lauter‘.“ ; „Bitte kommt nicht um mitzufeiern.“ ; „Ihr kriegt dann auch kein Bier, ham’ nur Schnaps“; „Ich hoffe ihr seid überhaupt lieb, ich wohne hier erst zwei Monate“  

Der hat ihn aufgehängt:

Michi, 19 Jahre, BWL-Erstsemester. Er sagt Sachen wie „Das G in ‘WG’ steht für Gin“ oder „zum Bleistift“ und würde gerne jedes Wochenende ne fette „Paddy” feiern.

Die beachten ihn:

Für gewöhnlich nur Karen aus dem Vierten. Beschwert sich gerne aus Prinzip und wählt schon bei Zettel-Sichtung die Nummer der Polizei (Schnellwahltaste 1). Dem Aufruf, doch selbst vorbeizukommen, ist in der Geschichte der „Es wird heute etwas lauter“-Zettel im Übrigen noch nie jemand gefolgt.

Der Wütender-Hausmeister-Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus:

Einfach eine ausgedruckte Word-Seite, schwarz auf weiß, die energisch an die Eingangstür des Mehrfamilienhauses geheftet wird. Besonderes Merkmal sind ganz, ganz, ganz viele Ausrufezeichen, um die Dringlichkeit des Anliegens zu unterstreichen!!!!!

Das steht drauf:

Sachdienliche Hinweise zur fachgerechten Entsorgung von Zigarettenstummeln, Leergut, Papier oder anderem Müll. Anrede schwankt, je nach Dringlichkeit!!!!, zwischen „An die Bewohner“ und „An den absoluten Vollidioten, der...“.

Das bedeutet er wirklich:

„Wie seid ihr überhaupt alleine lebensfähig?“ „Ich weiß nicht, ob ich meinen Job immer mag.“

Der hat ihn aufgehängt:

Ein genervter bis grenzwertig erboster Hausmeister, der DIE SCHNAUZE GESTRICHEN VOLL HAT!!!!!1!

Der beachtet ihn:

Na hoffentlich der absolute Vollidiot.

Der „Ich hab was verloren :(“-Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus:

Schön und auuußerordentlich kreativ. Der Zettel will Mitleid erregen und trotzdem optisch ansprechend sein. Dabei sind alle Mittel recht. Traurige Smileys, kurvige Schrift, kleine Abreißbildchen von dem verschwundenen Gegenstand und, und, und.

Das steht drauf:

Der Suchende möchte, dass der Findende eine moralische Bringschuld empfindet. Ein großes „HIIILFE“ kann natürlich nie schaden. Auch Formulierungen wie „Do the right thing“ oder „Hättest du nachgefragt, hätte ich es dir gerne geliehen“ werden gerne benutzt. Weil man selber ja sowieso ein Samariter ist.

Das bedeutet er wirklich:

„Meine Mum bringt mich um wenn das schon wieder weg ist“; Nächstes Mal hol ich mir ein Bike für 50 Euro vom Flohmarkt“

Die hat ihn aufgehängt:

Die verpeilte Clara, 28. Sie muss jetzt häufiger zu Fuß gehen. Claras Kopf ist angewachsen, ihr Rennrad leider nicht.

Der beachtet ihn:

Der launige Dieb, der sich neckisch ins Fäustchen lacht, während er auf seinem neuen Fahrrad vorbeifährt. Hätte er einen moralischen Kompass, der durch solche Zettel ausschlägt, hätte er das Fahrrad wohl auch nicht geklaut.

Der Kinder-Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus:

Wie deine Bilder aus der zweiten Klasse, die du damals immer so prahlerisch rumgezeigt hast.

Das steht drauf:

„Liebe Bewoner, bitte werfen sie nicht so fiel Müll an disen Hof. Wir spielen hir ser fiel darum würden wir uns freun :)“

Das bedeutet er wirklich:

Genau das was draufsteht. Keinerlei Hintergedanken. Einfach eine aufrichtige Bitte.

Die hat ihn aufgehängt:

Die kleine Lena, 7, von nebenan. Sie spielt gerne draußen und möchte, dass es auch in ein paar Jahren noch ein Draußen gibt.

Der beachtet ihn:

Hoffentlich jeder. Kinder sind süß und manchmal weise und man sollte auf sie hören.

Der Verschenken-Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus:

Einfach nur die Information, dass man sich doch bitte bedienen soll. Mit großem Pfeil auf das abzugebende Gut. Als sei die zerkratzte DVD im ramponierten Karton ein Fabergé-Ei.

Das steht drauf:

Siehe oben. Dazu ein „ZU VERSCHENKEN“, in extra großen Buchstaben.

Das bedeutet er wirklich:

„Oh nein, meine Wolf-of-Wallstreet-DVD ist zerkratzt“; „Ist eh mal wieder Zeit für Sperrmüll“; „Wie bestellt man den Sperrmüll?“

Der hat ihn aufgehängt:

BWL-Michi vom „Heute wird es etwas lauter“-Zettel. Der lebt sich richtig aus in der Großstadt. Hier kann man’s ja machen, oder Michi?

Der beachtet ihn:

Ein Messi auf der Suche nach verborgenen Schätzen.

Der virale Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus:

Unglaubwürdig! Wie gemacht für den viralen Erfolg! Pah! Das kann natürlich viele Facetten haben. Besonders räudig, besonders lustig, besonders Hochglanz. Man erkennt ihn, wenn man ihn sieht. Bei Notes of Berlin. No Offense. 

Das steht drauf:

Häufig ein kernig-atziger Spruch im Berliner-Schnauze-auf-die-Fresse-Stil, der was mit Drogen zu tun hat, weil sowas alle immer feiern und lustig finden und man vielleicht so mit der Meme-Rakete zum Internet-Fame-Mond geschossen wird.

Das bedeutet er wirklich:

„Lass mal viral gehen!“

Der hat ihn aufgehängt:

Ein Freund von Michi, der es lustig fand, dass Michis Zettel in einem Text über Zettel vorkommt und jetzt mit einem eigenen Zettel berühmt werden möchte. Hier, bitteschön!

Der beachtet ihn:

Ich, weil ich Notes of Berlin folge.

Der Nachbarschaftsstreit-Chat-Zettel

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Illustration: Federico Delfrati

So sieht er aus

Ein großes DIN-A4-Blatt mit einer laaaangen Beschweeerde unter dem per Post-It-Kommentarfunktion ein regelrechter Chat entstanden ist.

Das steht drauf:

Eine gespielt halb-ironische Beschwerde um zu überspielen dass man wirklich richtig angespisst ist. Etwas in die Richtung „Ich freue mich ja wirklich sehr darüber, dass du…” Dich kreativ auslebst und nachts immer klavier spielst (Post-It-1)

dein Leben genießt und jeden Abend auf dem Balkon kiffst (Post-It-2)

so viel Spaß beim Sex zu haben scheinst, dass du alle dran teilhaben lassen möchtest (Post-It-3)

„...aber hör! doch! bitte! einfach! auf! damit!”

Das bedeutet er wirklich:

Post-It-1: Ich würde gerne auch Klavier spielen können

Post-It-2: Wer ist dein Dealer das Zeug riecht geil!

Post-It-3: Ich hätte auch gern Sex :(

Der hat ihn aufgehängt:

Irgendwann haben alle unmittelbaren Nachbarn ein Post-It beigesteuert um irgendeinen anderen Nachbarn in die Schranken zu weisen.

Der beachtet ihn:

Weil irgendwann jeder involviert ist, beachtet ihn irgendwann auch jeder ein bisschen. Der Hausmeister fragt sich währenddessen, wie verkommen sein Haus ist.

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