Die Unterhaltspflicht ist für Happy Familys gemacht

Unsere Autorin ist ohne Vater aufgewachsen. Vor ihrem Studium droht er mit dem Vormundschaftsgericht. Wie es ist, finanziell abhängig von einem Fremden zu sein.
Von Anonym*
vater dead to me

Illustration: FDE

Lieber Fremder,

ich habe lange überlegt, ob ich dir diesen Text schreiben soll. Nicht, weil ich Angst davor habe, du könntest verletzt von dem sein, was ich sage, oder wütend. Sondern weil ich finanziell abhängig von dir bin. Das Geld, das du jeden Monat auf das Konto von Mum überweist, gibt mir Möglichkeiten: Ich kann studieren, kann ein unbezahltes Praktikum in der Großstadt machen, kann in den Urlaub fahren und mir trotzdem jeden Monat etwas zur Sicherheit zurücklegen. Du überweist mehr auf das Konto von Mum als gesetzlich vorgeschrieben ist. Das ist praktisch. Für mich, weil ich mehr Geld zur Verfügung habe und für dich, weil du kein schlechtes Gewissen haben musst. Aber es stört mich, dass du, ein Fremder, Macht über mich hast. Dass ich immer darauf angewiesen bin, dass du meine Entscheidungen – was ich nach dem Abi mache, ob ich ein Studium beginne oder eine Ausbildung, wo ich hinziehe, wie viel die Wohnung dort kosten darf – absegnest. Und ich dir, obwohl ich es wirklich nicht möchte, jeden Monat eine E-Mail schreiben muss, in der ich widerwillig erzähle, was ich gerade mache und noch widerwilliger fragen muss, wie es dir geht. Dass du es geschafft hast, dich, nachdem du dich zwanzig Jahre jeglicher Verantwortung für mich entzogen hast, zurück in mein Leben zu kaufen. 

Die erste Erinnerung an dich muss irgendwo zwischen meinem fünften und sechsten Lebensjahr liegen. Ich war noch im Kindergarten. Mum, die ich damals natürlich noch nicht so nannte, meinte am Morgen, dass du mich abholen würdest. Ich wollte das nicht. Also wartete ich den ganzen Tag bis ich deinen lila-farbenen Jeep sah. Dann versteckte ich mich. Ich wollte nicht mit. Als die Erzieherin mir zurief, dass du da seist, stand ich auf, ging zu ihr hin und sagte, dass ich mit diesem Mann nicht mit wollte. Das stimmte. Das ungute Gefühl, dass ich seit dem Morgen mit mir herum trug, kam von der Gewissheit, dass ich viel Zeit mit jemandem verbringen würde müssen, den ich überhaupt nicht kenne, der mir fremd ist und trotzdem eine Erwartungshaltung an mich hat. Weil wir ja biologisch verwandt sind und ich dich deshalb theoretisch lieben müsste. Aber so war es nicht. Keine Vertrautheit. Keine Liebe. Keine Wärme. Wie auch? 

Du warst nicht mit Mum beim Arzt und kamst nicht als ich geboren wurde

Du hattest deine Frau, eigentlich schon immer. Auch in den fünf Jahren, die du mit Mum „zusammen“ warst. Ihr seid gemeinsam gereist, nach Berlin und auf Rügen, dann wolltet ihr nach Ecuador, doch Mum wurde schwanger. Also ging Mum regelmäßig zum Frauenarzt und du endgültig zurück zu deiner Frau. Du warst nicht mit Mum beim Arzt und kamst nicht als ich geboren wurde. Ich konnte dich nur zu bestimmten Zeiten anrufen – wenn deine Frau nicht da war – weil sie ansonsten sagen würde, du seist nicht da. Also ließ ich es irgendwann.

Ich bin ehrlich, ich hab dich nie wirklich vermisst. Wenn, dann nur unterbewusst. Man vermisst nichts, was man nie kannte. Ich hatte meine Familie: meine Großeltern, die immer kamen, wenn ich oder Mum krank waren oder sich ein anderer Anlass bot. Meine Tanten und Onkels, die eigentlich gar nicht wirklich Tanten und Onkels sind, sondern gute Freunde meiner Mum. Die aber immer da waren, wenn es was zu feiern, zu betrauern oder einen sonstigen Grund zum Kuchen essen gab.

Warum darf ich mich nicht dazu entscheiden, nichts mit dir zu tun haben zu wollen?

Wir kamen gut zurecht. Und dann kam dein Brief. Die Anschuldigung, dass ich dir nicht Bescheid gegeben habe, wie mein Abi lief. Der Vorwurf, dass es ungerecht sei, dass ich dich nicht in meine Entscheidung, ein Auslandsjahr in Peru zu machen, einbezogen habe, es sei ja schließlich auch dein Geld. Zwischen den Zeilen eine Menge Verletztheit. Und dann folgender Satz: „Wenn Du diesen Studien- und Berufsgang beschreitest, wirst Du Deinen Unterhalt über eine Einigung in einem schriftlich fixierten Vertrag mit Deiner Mutter, Dir und mir regeln oder über das Vormundschaftsgericht bzw. Jugendamt einfordern müssen.“ Ich hatte vor, Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis zu studieren. Dieser Brief macht mich unglaublich wütend. Es war deine Entscheidung uns zu verlassen und ich verurteile dich zutiefst dafür. Warum darf ich mich nicht dazu entscheiden, nichts mit dir zu tun haben zu wollen? Warum hast du das einzige Druckmittel ausgespielt, das du hattest?

Ich habe damals überlegt, ob ich einen Anwalt einschalten müsste. Du bist nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch §1601 dazu verpflichtet, mir während meiner Ausbildung – also auch während meines Studiums – Unterhalt zu zahlen. Dieses Recht kann vor einem Gericht eingeklagt werden. Weil Mum und du getrennt lebt, teil sich der Unterhalt, den ihr mir zahlen müsst, anteilig zu eurem Einkommen auf. Weil ich neben meinem Studium arbeiten gehe, müsstet ihr mir theoretisch weniger zahlen. Was eine beschissene Regelung: ich gehe arbeiten, um Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und unabhängiger zu sein, ach ja, und damit auch dein Anteil geringer wird. Aber das ist nicht alles. Ich bin im Gegenzug für dein Geld gesetzlich dazu verpflichtet, dich über den Fortgang meines Studiums zu informieren, auch wenn eigentlich kein Kontakt zu dir besteht. 

Sollte ich studieren, was ich studieren wollte, würdest du mich nicht weiter freiwillig finanziell unterstützen

Schließlich haben wir uns dazu entschieden, das Ganze erstmal persönlich zu regeln. Ich wollte es Mum und mir nicht antun, den Fall vor Gericht zu tragen. Ich wollte aber auch nach Peru und Kulturwissenschaften studieren. Das Wegfallen deines Geldes hätte für uns starke Einschnitte bedeutet. Ich kann kein Bafög beantragen, weil du und Mum mich ja theoretisch finanziell unterstützen könnten. Würde ich auf dein Geld verzichten, würde Mum vielleicht umziehen müssen, weil sie sich die Wohnung nicht mehr hätte leisten können, um mein Leben zu finanzieren. 

Also trafen wir uns in der Stube meiner Großeltern. Unser Treffen lief wie eine Gerichtsverhandlung ab. Du trugst deine Anklagepunkte vor: Ich hätte nicht regelmäßig genug auf deine E-Mails geantwortet. Es sei unfair von mir gewesen, dass ich mich immer so gefreut habe, wenn Mum nach Hause kam und man mir meine Erleichterung ansah. Du seist verletzt darüber, dass ich mich auf den zwei Familienfeiern, auf denen du anwesend warst, mit allen anderen beschäftigt habe, aber nicht mit dir. Meine Entscheidung, zukünftig nach Peru zu gehen wolltest du nicht dulden. Es sei dort zu gefährlich und ich solle nicht dein Geld dafür ausgeben. Genauso wenig, wie für das Studium, das ich anstrebte. Was sich in deinem Brief schon angedeutet hatte, machtest du jetzt nochmal deutlich. Sollte ich studieren, was ich studieren wollte, würdest du mich nicht weiter freiwillig finanziell unterstützen. Sollten wir uns vor Gericht wiedersehen und du zur Zahlung „verurteilt“ werden, würdest du das Geld von meinem Erbe abziehen – was dir rechtlich gestattet wäre. 

Du bist ein Fremder. Du kennst mich nicht. Aber du hast Macht über mich

Du bist ein Fremder. Du kennst mich nicht. Aber du hast Macht über mich. Es ist absurd, dass zu Eltern, obwohl man volljährig ist, in einem anderen Haushalt wohnt und ein größtenteils eigenes Leben führt, immer noch eine Abhängigkeit bestehen bleibt. Ich kann es mir nicht leisten, ohne ihre Unterstützung zu studieren – wer könnte das schon? Das System ist also, mal wieder, für Happy Familys gemacht, in der sich alle unterstützen, oder, einfach jede*r den „richtigen“ Weg findet. Was, wenn das nicht der Fall ist? Welcher Paragraph schützt mich davor, dass du mir sagen darfst, was für mich der „richtige Weg“ ist? Und welches Amt hätte mich unterstützt, wenn wir uns nicht geeinigt hätten? Wenn es zu Geldfragen kommt und man eben nicht das Glück hat, in einer Happy Family zu leben, dann ist es schnell vorbei mit dem selbstbestimmten Individuum. Dann gibt es ein Druckmittel. Überleg dir mal, ich hätte nachgegeben und deinetwegen, oder eher deines Geldes wegen, etwas anderes studiert. 

Du hast mir dann auf den Tisch geknallt, dass du dich zwischen deiner Ehe und Mum und mir entscheiden musstest. Ich hätte es dir ja aber auch nicht leicht gemacht. Wow, Entschuldigung, dass ich wenig Interesse an der Person gezeigt habe, die meine Mum hat sitzen lassen und nie da war, nicht mal, wenn ich krank war, Mum arbeiten musste und niemanden zur Betreuung hatte. Du hast immer Ausreden gefunden, warum es gerade nicht passt. Und dann wolltest du, dass ich dir, als Gegenleistung dafür, dass wir uns nicht vor Gericht wiedersehen, jeden Monat eine E-Mail schicke, in der ich erzähle, wie es mir geht, was ich so mache und was ich machen werde. Du wolltest Kontrolle. Dass du auch ja nicht wieder verpasst, wenn ich etwas mit deinem Geld tue, was dir nicht gefällt. 

Sobald ich finanziell unabhängig bin, möchte ich den Kontakt zu dir abbrechen

Ich frage mich heute manchmal, ob ich diesen Deal hätte ablehnen sollen. Ich fühle mich unwohl damit, mich mit jeder Mail angreifbar zu machen, weil du damit mein Leben kommentieren kannst. Es ist ein Gefühl, als würde dir eine fremde Person auf der Straße sagen, dass sie das, was du tust, nicht gut findet. Nur dass du nicht einfach beschämt zur Seite schauen und weggehen kannst. Weil diese Person über eine Ressource verfügt, auf die du angewiesen bist. Diese fremde Person bist du. 

Sobald ich finanziell unabhängig bin, möchte ich den Kontakt zu dir abbrechen. Früher habe ich meine Großeltern angeschrien, als sie meinten, ich solle dir Geburtstagsgrüße schicken. Auch andere Personen aus meinem Umfeld, Freund*innen oder Bekannte, meinten, dass ich den Kontakt zu dir aufrecht halten soll – irgendwann komme man in ein Alter, in dem man merke, dass Familie wichtig ist. Du wärest ja immerhin noch mein Vater. Aber das bist du nicht. Dieses Wort hast du nicht verdient. 

Deine Tochter

*Auf Anraten unserer Rechtsabteilung nennen wir den Namen der Autorin nicht. Er ist der Redaktion aber bekannt.

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