Alleinsein wird erst dann schlimm, wenn man einsam ist.

Alleinsein wird erst dann schlimm, wenn man einsam ist.

Foto: Sasha Freemind / Unsplash

Den Psychologen Dr. Jens Uwe Martens trifft unsere Autorin nun schon zum sechsten Mal, denn beim ersten Interview stellte er sich als ein so kluger Interviewpartner heraus, dass wir beschlossen, ihn öfter zu Themen zu befragen, die uns bewegen. Das erste Interview drehte sich um das große Rätsel Selbstdisziplin, das zweite handelte von der Macht der Erwartungen. Beim dritten Mal ging es um Schicksalsschläge und Krisenfestigkeit und anschließend darum, wie man sich selbst erziehen kann und um die Frage, wem man vertrauen kann.

Heute geht es darum, dass junge Menschen laut Studien immer häufiger unter sozialer Isolation leiden. Woran kann das liegen? Und wie befreit man sich daraus?

jetzt: Vielleicht sollten wir zu Beginn über den Unterschied zwischen Einsamkeit und sozialer Isolation sprechen. Ich verbinde mit dem Begriff der Einsamkeit nämlich etwas Positives, beinahe Romantisches. Ich bin gern allein, brauche meine Ruhe und davon viel. Wann wird Einsamkeit gefährlich?

Jens Uwe Martens: Das freiwillige Alleinsein ist etwas Schönes. Ich suche es mir selbst aus und bestimme auch den Umfang. Wer sich aber sehnlichst Kontakt wünscht und keinen findet, der ist sozial isoliert. Früher traf das hauptsächlich ältere Menschen, die aufgrund ihres Alter weniger Möglichkeiten haben, Kontakte aufzubauen. Und die in ihrem Leben nicht darauf geachtet haben, dass man Freunde braucht. Oder deren Freunde schon gestorben sind. Heute klagen auffällig viele junge Menschen über Einsamkeit. Das erlebe ich in meinem Coaching-Alltag.

Es wäre leicht, anzunehmen, dass die sozialen Medien an dieser Einsamkeit schuld sind – online zwar ständig unter Leuten, im echten Leben immer allein. Interessanterweise stimmt das laut einiger Studien aber nicht: Die Einsamkeit steigt auch unter jungen Menschen, die gar nicht in Social Media aktiv sind. 

Ich habe eine Theorie, die ich nicht belegen kann, aber sie leuchtet mir ein und passt zu dem, was ich von meinen Coachees höre: Ich glaube, diese Einsamkeit hat damit zu tun, dass Ihre Generation sich immer weniger festlegen muss und will. Das fängt bei der Sexualität an: Pornografie ist ständig und überall verfügbar…

… und unverbindliche Sex-Dates durch Apps wie Tinder auch.

Sexuelle Kontakte sind nicht mehr abhängig von einer tiefgehenden zwischenmenschlichen Beziehung. In meiner Generation musste man sich noch auf Partnersuche begeben und erstmal eine richtige Beziehung zu jemandem aufbauen, um seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Durch die Selbstverständlichkeit von One-Night-Stands fällt der Impuls weg, sich einem anderen Menschen vorher richtig zu öffnen.

Bei tief empfundener Nähe zu einem anderen Menschen wird das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet. Wer viel Oxytocin in sich hat, ist großzügiger, vertraut eher, ist eher bereit sich zu öffnen und hat das Gefühl der Bindung. Es wird beim Sex, aber zum Beispiel auch bei der Geburt und beim Stillen ausgeschüttet. Bei der menschlichen Sehnsucht nach Sex geht es also nur vordergründig um Sex – und eigentlich um die verlässliche, tiefe Bindung, die drumherum entsteht. Wenn die aufgrund der großen Unverbindlichkeit ausbleibt, entsteht langfristig das Gefühl der sozialen Isolation.

„Bei der menschlichen Sehnsucht nach Sex geht es eigentlich um die Bindung, die drumherum entsteht“

Vielleicht sind One-Night-Stands so etwas wie das sexuelle Pendant zu Smalltalk: Irgendwie langweilig, weil ihnen die bedeutungsvolle Konsequenz fehlt. In den Einsamkeits-Studien ist ja auch immer wieder die Rede davon, dass der Mensch nicht einfach irgendeinen Kontakt zu jemandem brauche – sondern „meaningful social interaction“.

Einsamkeit muss gar nichts mit Alleinsein zu tun haben. Wer tausend Leute kennt, die ihn ständig zu irgendwas einladen oder beruflich dauernd mit anderen Menschen zu tun hat, kann sich trotzdem fürchterlich einsam fühlen. Viele junge Menschen haben heute sogar einen Überfluss an sozialen Möglichkeiten, sind dauernd unterwegs. Aber nur echte Freundschaft holt uns aus der sozialen Isolation. Vielleicht haben viele heute aus den Augen verloren, was der Unterschied zwischen einer guten Bekannschaft und einer echten Freundschaft ist?

Welcher wäre das denn?

Wir alle haben zwei Bilder von uns selbst. Das eine Bild ist ein sehr positives: jenes, von dem wir hoffen, dass die anderen es von uns haben. Das zweite Bild ist das, welches entsteht, wenn wir ehrlich zu uns sind, eines mit unseren Macken, Irrtümern, Zweifeln und Fehlern, unserem Scheitern. Wir zeigen es ungern. Aber einem echten Freund zeigt man es. Ihm gegenüber redet man ohne Selbstzensur über das, was einen bewegt. Ohne Filter im Kopf. Wenn Sie jemandem gegenübersitzen und Sätze denken wie: „Was denkt der nur von mir, wenn ich jetzt das und das erzähle, oh nein, ich erzähle es lieber nicht“, dann ist es kein echter Freund. So einfach ist das. 

Wie viele Freunde haben Sie?

Ich habe mehrere hundert Bekannte, aber nur drei richtig gute Freunde. Und einer davon ist schon gestorben. Als die Kinder aus dem Haus gingen, hatten meine Frau und ich eine Riesenkrise, wir waren kurz davor, uns zu trennen. Ich wusste nicht mehr weiter. Ich bin zu einem dieser beiden besten Freunde in die USA geflogen und habe mich bei ihm ausgeweint. Er wusste mir keinen Ratschlag zu geben. Was hätte er auch sagen sollen? Wir stecken nicht im Leben der anderen, wir können nicht sagen, was die beste Entscheidung für jemanden ist. Das muss derjenige allein rausfinden. Im Gespräch mit besten Freunden gelingt das. Jedoch nur, wenn es nicht versteckt darum geht, dem anderen zu vermitteln, wie toll man ist. Ich habe meinem Freund ohne Barriere und Zensur alle Sorgen erzählt. Er hat mich verstanden und mich nicht verurteilt. So entsteht seelische Geborgenheit und wer sich seelisch bei einer anderen Person aufgehoben fühlt, ist nicht einsam.

„Nur echte Freundschaft holt uns aus der sozialen Isolation“

Wäre also die Frage zu klären, wieso sich anscheinend so viele junge Menschen nicht mehr trauen, sich einander vollständig zu öffnen. Wenn ich da eins uns eins zusammenzähle, komme ich doch auch auf die sozialen Medien. Ich finde es logisch, dass allein die Existenz von Instagram, das zum Großteil nichts anderes ist als Erfolgsgeschichten-Spam, den Druck auf alle erhöht, selbst auch eine Erfolgsgeschichte erzählen zu müssen.

Blender gab es immer schon und die Sehnsucht der Menschen, ein tolles Leben zu führen und für dieses tolle Leben Applaus zu bekommen auch. Doch die Diskrepanz zwischen dem öffentlichen und dem privaten Ich vieler Personen wird durch die Möglichkeiten von Social Media natürlich immer größer. Und je größer die wird, desto geringer wird möglicherweise auch die Bereitschaft, sich zu öffnen, weil man plötzlich so tief fallen kann. Es ist ja nicht schwer, sich Bestätigung für die Attrappe zu holen, die man vor sich aufbaut. Deshalb baut man sie auf. Aber Bestätigung für die Person bekommen, die man wirklich ist, das ist etwas ganz anderes und nur das befriedigt uns wirklich. „Besser ich bleibe der, den ich darstelle, als dass mir jemand auf die Schliche kommt“ – genau das macht fürchterlich einsam.

Wer aus Angst vor der Meinung der anderen niemandem seine Schwächen zeigt, dem droht die soziale Isolation?

Richtig. Es ist ein Paradox: Wir wollen toll dastehen, weil wir glauben, dann würden wir von allen geliebt und wären nie mehr einsam. Nahbar und liebenswert aber machen uns erst unsere Schwächen.

Sicher darf man aber auch den Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit nicht vernachlässigen. Auch das beweisen ja Studien: Immer häufiger sind vor allem Alleinstehende und Alleinerziehende in Deutschland von Armut bedroht. Am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen ist für sie extrem schwer.

Ich glaube nicht an einen allgemeinen Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit. Sicher gibt es einen Zusammenhang im Extrembereich, zum Beispiel zwischen Verwahrlosung und Einsamkeit. Wer verwahrlost, der ist natürlich eher arm und einsam. Das gleiche gilt für psychisch Auffällige, sie sind vermehrt arm und einsam. Aber von diesen Extremfällen abgesehen sehe ich keinen Zusammenhang. Ich habe mein Leben lang auch zu sehr armen Menschen Kontakt gehabt und ich hatte manchmal den Eindruck, dass ärmere Menschen mehr echte Freunde haben, einander eher gegenseitig helfen und enger zusammenhalten als die Mitglieder der sogenannten „High Society“.  

Eine andere Situation ergibt sich bei Alleinerziehenden. Kinder bedeuten Stress und je mehr Kinder man zu versorgen hat, desto mehr Stress muss man ertragen. Das gilt auch für Ehepaare, aber besonders natürlich, wenn der Partner davongelaufen ist – vielleicht, weil er den Stress nicht ausgehalten hat. Wer arm ist, erlebt das besonders stark und dann hat man natürlich auch keine psychische Kraft, sich neben der Kindererziehung auch noch um Freunde zu kümmern. Allerdings ist das eine Situation, die nur ein paar Jahre anhält. Hier liegt das Problem unserer Zeit darin, dass Kindererziehung zwar eine lohnende, aber anstrengende und von der Gesellschaft wenig gewürdigte Aufgabe ist. Glück verbunden mit Konsum ist der Lebenszweck der meisten Menschen. 

„Ich glaube nicht an einen allgemeinen Zusammenhang zwischen Armut und Einsamkeit“

Was würden Sie den von Einsamkeit bedrohten Menschen raten?

Ich würde diesen Menschen nichts anderes raten als das, was wir hier schon besprochen haben: Gute Freunde finden, indem man sich für die Passenden öffnet, ihnen hilft und für sie da ist. Dazu braucht man kein großes Budget. Ich hatte viele auch arme Bekannte, die mich gerne zu sich eingeladen haben und mir immer Tee servierten, oft aus selbst gesammelten Kräutern und Früchten. Oder man hat gemeinsam große Spaziergänge unternommen. Das kostet kein Geld. Sie alle hatten natürlich eine Reihe von echten Freunden. Wichtig ist, die richtigen Prioritäten zu setzen.

Wieviel Pflege brauchen Freundschaften eigentlich? Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich mich mal ein paar Wochen nicht bei meinen Freunden melde.

Man sollte sich schon umeinander bemühen. Nicht im Sinne von regelmäßigen Anrufen oder festen terminlichen Verpflichtungen. Ich habe diesen besten Freund, den ich während meiner großen Krise in den USA besucht habe, teilweise monatelang oder mal ein ganzes Jahr nicht gesprochen oder gesehen. Aber wenn wir uns brauchten, standen wir uns mit ganzem Herzen zur Verfügung und hatten eine sehr intensive Zeit miteinander. Egal, ob einer gerade familiär oder beruflich im Stress war oder nicht. Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich, und echte Freundschaften haben immer Priorität. Darauf kommt es an. Wichtig ist auch, dem anderen immer mal wieder zu zeigen, dass man an ihn denkt. Man sieht etwas auf dem Flohmarkt, das einen an den Freund erinnert, und bringt es ihm einfach mit, egal ob er gerade Geburtstag hatte oder nicht.

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