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Kerstin hat sich die Schamlippen verkleinern lassen

So wie mehr als 2000 deutsche Frauen pro Jahr. Warum die Vulva zur Problemzone geworden ist.
Von Kristina Brand
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    Illustration: Katharina Bitzl

Vor drei Jahren gab Kerstin zum ersten Mal den Suchbegriff „lange Schamlippen“ bei Google ein. Sie nutzte dafür extra ihr Smartphone statt des PCs, sodass ihr niemand über die Schulter auf den Bildschirm blicken konnte. „Außerdem hatte ich Angst, dass meinem Freund auf unserem gemeinsamen Rechner später personalisierte Werbeanzeigen für Schönheitskliniken angezeigt werden könnten“, sagt sie.

Bis der Entschluss fiel, sind drei Jahre und unzählige weitere Google-Suchen vergangen. Im Oktober letzten Jahres stand schließlich Kerstins OP-Termin an.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mich mal operieren lasse. Aber es war definitiv die richtige Entscheidung“, sagt Kerstin. Kerstin heißt eigentlich anders, sie möchte lieber anonym davon erzählen, wie sie sich die Schamlippen verkleinern ließ. „Wenn ich jetzt an mir herunterschaue, finde ich mich schön. So fühle ich mich wohl und so kann ich mich auch problemlos meinem Partner zeigen.“

Immer mehr Frauen in Deutschland bezahlen Tausende Euro dafür, dass ihnen ein paar Zentimeter überschüssige Haut entfernt werden, die im Alltag nicht sichtbar sind. Sie nehmen dafür eine Woche strikte Bettruhe, Schmerzen und die Risiken einer Operation in Kauf. Sie tun dies auch, weil über das weibliche Untenrum in der Öffentlichkeit mehr geschwiegen als gesprochen wird. Weil die Vulva in der Gesellschaft zugleich tabuisiert wird und doch ästhetischen Idealvorstellungen unterliegt. Die Vereinigung der ästhetisch-plastischen Chirurgen beispielsweise schreibt in einer Pressemitteilung, dass im Jahr 2014 in Deutschland rund 1800 Operationen an weiblichen Intimzonen vorgenommen wurden, im Jahr 2015 waren es bereits 2100, also ein Zuwachs von 17 Prozent. Diese Zahl umfasst allerdings auch andere Eingriffe im weiblichen Intimbereich, nicht nur Schamlippenverkleinerungen. Insgesamt ist es schwierig, belastbare Zahlen zu bekommen, da Schönheitsoperationen meist aus eigener Tasche bezahlt werden und in keiner Krankenkassenstatistik auftauchen. Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen zählte bei einer Mitgliederbefragung 2011 sogar 5440 Schamlippen-OPs.

Kerstin ist 30, Rechtsanwaltsfachangestellte und seit acht Jahren in einer Beziehung. Gemeinsam mit ihrem Partner lebt sie in einer hessischen Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt, nicht weit entfernt von ihren beiden Schwestern und ihrem Pflegepferd. Kerstin spricht heute offen und selbstbewusst über das Thema, das ihr jahrelang Leid bereitet hat und sogar ihre Beziehung des Öfteren auf eine harte Probe gestellt hat. Kerstins innere Schamlippen waren nicht vollständig von den äußeren verdeckt. Es war nicht alles klein, kompakt, zierlich. Ihre Vulva sah nicht aus wie die Oberseite eines Brötchens oder eine Muschel – und so soll es doch sein, so und nur so ist es doch schön. 

Kerstins Google-Suche spuckte sofort eine Reihe von Treffern aus. Ärzte, die solche Eingriffe durchführen, sind leicht zu finden. Die genitalkosmetische Schönheitschirurgie boomt und die Operation ist vergleichsweise risikoarm. Komplikationen wie Empfindungsstörungen oder Narben müssen die Patientinnen normalerweise nicht befürchten, die Zufriedenheitsrate ist verglichen mit anderen, invasiveren Schönheitsoperationen überdurchschnittlich hoch. Auch bei den Patientinnen von Dr. Erhan Demir. Der Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie beschäftigt sich mit Intimchirurgie seit rund zehn Jahren und berät in seiner Praxis jede Woche etwa fünf bis sechs Frauen zu diesem Thema, Tendenz seit Jahren kontinuierlich steigend. In seiner Praxisklinik im vierten Stock eines großen Ärztehauses unweit des Kölner Doms liegen Silikonimplantate auf den Besprechungstischen und hängen goldene Ornamente an den Wänden. Die hochwertige Einrichtung erinnert eher an ein luxuriöses Spa als an ein Ärztehaus.

Wir wissen nicht, was Durchschnittswerte von Schamlippen sind, es gibt keine repräsentativen Studien dazu

Die Patientinnen sind in der Regel zwischen 20 und 50 Jahre alt. Etwa die Hälfte davon ist wiederum unter 30. Frauen unter 20 oder über 50 kommen nur sehr selten zu Demir. Er sagt, oft seien es die hormonellen Schwerpunktphasen im Leben einer Frau – Pubertät, Schwangerschaft, Menopause – die zu Veränderungen im Intimbereich und diese Frauen dann in eine Praxis wie seine führen.

Fast alle Frauen, die über einen intimchirurgischen Eingriff nachdenken, eint die Verunsicherung. Verunsicherung, die entsteht, weil Wissen fehlt. Wir wissen zum Beispiel gar nicht, was Norm- oder Durchschnittswerte von Schamlippen sind, da nie repräsentative Studien dazu durchgeführt worden sind. Warum eigentlich nicht? „Dieser Bereich ist für die Fortpflanzung der Frauen nicht wichtig, sondern nur für die Lust. Den Frauen in der westlichen Kultur hat man bis ins 19. Jahrhundert jedoch jegliche Lust abgesprochen“, sagt Ada Borkenhagen, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin mit den Forschungsschwerpunkten Körperoptimierung und Schönheitschirurgie. Lange Zeit gab es also überhaupt keinen Bedarf, das Geschlechtsteil zu vermessen oder überhaupt darüber zu reden. Bis heute hat sich in dieser Hinsicht weniger geändert, als man denkt. Das Thema ist immer noch ein Tabu. „Wenn man sich überlegt, dass in der EU jede Banane und jede Gurke vermessen ist – also dass wir da wissen, was der Durchschnitt und was die Abweichung ist – dann ist das schon sehr bezeichnend“, so Borkenhagen.

Sie wünscht sich daher eine bessere Aufklärung. Nur wer müsste die vorantreiben? „Ich denke, dass in allererster Linie die Frauenärzte gefordert sind. Dann aber auch die Schulen und der Biologieunterricht.“

Ein Mittel könnten zum Beispiel Aufklärungsbroschüren sein, die darstellen, wie unterschiedlich die weibliche Vulva aussehen kann und darf. Solche Broschüren hat auch Kerstin weder im Biologieunterricht noch bei Frauenarztbesuchen gesehen. „Man sieht als Aufklärungsmaterial immer nur Frauen, die dem Schönheitsideal entsprechen. Und da kriegt man als junges Mädchen vermittelt: Nur so muss eine Vulva aussehen. Ich dachte schon relativ früh: Ich sehe so aber nicht aus.“ Aufgewachsen ist sie daher mit dem Glauben, dass mit ihr etwas nicht stimmt.

Haben die Frauen, die wie Kerstin unter zu langen inneren Schamlippen leiden, denn überhaupt zu lange innere Schamlippen? Gibt es das überhaupt, ein „zu lang“? Und wenn ja, lässt sich das in Zentimetern benennen? Wir können da nur raten. Chirurg Demir hält eine Länge bis zu sechs Zentimetern für normal, alles darüber für pathologisch. „Ich glaube, dass sicherlich 30 Prozent der Frauen veränderte Schamlippen haben, die auf Wunsch hin korrekturbedürftig sein könnten.“

Doch auch er rät zur Differenzierung. „Ob es tatsächlich stört oder ob es nur ein ästhetisches Problem ist, müsste man wirklich genau untersuchen.“ Und auch er könne nur Schätzungen angeben, keine fundierten Zahlen: „Ich kann nur sagen, dass ich sechs Patientinnen pro Woche mit dem Problem sehe. Ich kann nicht sagen, wie viele Frauen dieses Problem tatsächlich haben.“

Ihre Vulva war der Grund, weshalb Kerstin erst spät ihren ersten Freund und ihr erstes Mal hatte

Die Deutsche Gesellschaft für Intimchirurgie und Genitalästhetik hat 2014 in einer Studie 104 Frauen im Alter von 16 bis 64 zu ihrer Anatomie befragt. Bei nur knapp einem Drittel der Teilnehmerinnen waren die inneren Schamlippen völlig von den äußeren bedeckt. Die Frauen mit den „zu langen“, für sie abnormalen inneren Schamlippen waren deutlich in der Mehrheit. Von ihnen empfand knapp ein Viertel ihre Vulva als „nicht so schön“, über 60 Prozent sogar als „hässlich“. Rund 98 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen enthaaren ihren Intimbereich. Ein Trend bedingt hierbei den anderen. Erst seit sich die Intimrasur flächendeckend durchgesetzt hat, gibt es überhaupt Schamlippenoperationen.

Warum empfinden so viele Frauen ihre Vulva als hässlich? Wie hat sich dieses ästhetische Schönheitsideal entwickelt und durchgesetzt? Die Professorin Paula-Irene Villa, Soziologin und Geschlechterforscherin, erklärt es mit unseren generellen ästhetischen Idealvorstellungen, die sie als „skulptural“ bezeichnet. „Körper sollen insgesamt wie aus Stein gearbeitet sein: geschlossen, glatt, im genau richtigen Maß muskulös, trocken. Ohne Falten, ohne richtige Öffnungen – eigentlich ohne irgendein Anzeichen von Eigensinn.“ Und dieses allgemeine Ideal des Skulpturalen gelte dann eben auch für das weibliche Genital. „Es soll jugendlich straff und in sich geschlossen wirken. Wie eine Barbiepuppe.“ Und wenn man an Skulpturen von Frauen denkt, liegt noch eine Erklärung nahe. Die Psychologin Ada Borkenhagen sagt, das Schönheitsideal der kompakten Vulva sei bei uns in der westlichen Welt „kulturell davon geprägt, dass die Vulva vor allen Dingen im Mittelalter und der Renaissance in der Kunst verleugnet wurde. Es gehört zu einer bestimmen Kunsttradition, dass man die Schambehaarung und auch die innere Vulva nicht darstellt.“

Kerstin ist sich sicher, dass sie heute eine andere Einstellung Männern und generell der Sexualität gegenüber hätte, wäre sie nicht mit diesem Schönheitsideal im Kopf aufgewachsen. „In der Teenagerzeit hat mich das enorm eingeschränkt, weil ich Gedanken hatte wie: ‚Was machst du denn, wenn du mal einen Freund hast und wenn das dann nicht so aussieht wie bei den anderen?‘“ Das war der Grund, weshalb sie erst spät ihren ersten Freund und ihr erstes Mal hatte. Auch nach mittlerweile acht Jahren Beziehung war es ihr unangenehm, sich vor ihrem aktuellen Partner um- und auszuziehen. Und das, obwohl sie weder von ihm noch von früheren Sexualpartnern je negatives Feedback bekommen hat. „Ich habe mich zwar jetzt in die Thematik eingelesen und weiß, dass meine Schamlippen normal sind und dass Männer auch nicht negativ darauf reagieren. Aber diese Einsicht kam zu spät, weil ich mich mein Leben lang nicht richtig gefühlt habe.“

Auf ihren Websites inszenieren sich Chirurgen als Befreier der gehemmten weiblichen Sexualität

Eine Schamlippenverkleinerung soll den Frauen helfen. Ihnen ein selbstbewussteres Auftreten, ein besseres Körpergefühl und ein gesteigertes Wohlbefinden ermöglichen. Auf den Websites inszenieren sich Chirurgen meist als Befreier der gehemmten weiblichen Sexualität. Den verunsicherten Frauen wird vermittelt, dass sie ihr Leid nicht hinnehmen müssen, sondern emanzipiert über ihren Körper bestimmen können. „Ärzte und Ärztinnen behaupten vielfach, den Frauen zu ihrem Glück, ihrem Recht, ihrer Freiheit zu verhelfen und sie darin lediglich zu unterstützen. Durch medizinisches Know-how und Kompetenz also die Selbstverwirklichung der Frau zu realisieren“, sagt die Geschlechterforscherin Villa. „Das ist sicher aufrichtig gemeint. Aber es verkennt die sozialen Zwänge und Strukturen.“

Ada Borkenhagen sieht in der Verkaufsstrategie der Chirurgen dennoch einen Fortschritt. Immerhin bedeutet sie die Anerkennung der weiblichen Lust – auch wenn diese im nächsten Schritt sofort wieder normiert wird. „Aber trotzdem ist die weibliche Sexualität erst mal vorhanden. Und in einer visuell geprägten Welt wird nur anerkannt, was auch sichtbar ist.“

Ist die Entscheidung für den Eingriff nun ein Zeichen für die Selbstbestimmung und Selbstermächtigung der Frau oder doch eher für ihre Unfreiheit und Unterwerfung? Beides, sagt Geschlechterforscherin Villa. „Wir wissen aus Studien, dass die Frauen, die sich unters Messer legen, sich das sehr gut und lang überlegen.“ Es gehe ihnen nicht darum, wie Barbies oder Pornostars auszusehen, sagt Villa weiter. Stattdessen wollen sie „normal und frei von Stigma in und mit ihren Körpern leben. Sie wollen frei von Leid sein, sich möglichst gut und frei bewegen, wertgeschätzt und anerkannt werden. Wie wir alle also.“ All das versprechen sich diese Frauen von einer Operation. „Sie sind durchaus mündig und wissen, was sie tun. Zugleich unterwerfen sich die Kundinnen mit der OP einer Norm.“

Kerstins Freund sagte: „Meinetwegen brauchst du das nicht zu machen“

Kerstin ist diesen Weg gegangen, weil der Leidensdruck zu groß wurde. Bis zuletzt hat sie ihrem Freund ihren OP-Wunsch verschwiegen und Monate mit sich gehadert, bevor sie auch nur einen Beratungstermin bei einer Chirurgin vereinbart hat. „Mein Entschluss stand eigentlich schon fest, ich hatte mich über alles informiert und doch nie dort angerufen. Aber irgendwann hat es mich immer mehr eingeschränkt, nicht nur von meiner Psyche her, sondern auch wirklich körperlich und sexuell“, sagt sie. Das Liebesleben mit ihrem Freund war kaum noch existent. „Ich hatte solche Schmerzen beim Sex, dass ich schon keine Lust mehr hatte, überhaupt irgendwas zu machen.“

Sie fühlte sich bei jeder Berührung und jeder intimen Annäherung mit ihrem Freund unwohl und verkrampfte. „Ich hatte aber auch das Gefühl, dass es nicht nur psychisch, sondern auch anatomisch ist – dass die Schamlippen im Weg sind.“ Darunter litt nicht nur sie, sondern auch ihr Partner. Er war derjenige, der das Thema schließlich offen ansprach. Sie saßen im Auto auf dem Weg nach Hause, als Kerstin ihn in ihre Pläne einweihte. „Er sagte sofort: ‚Meinetwegen brauchst du das nicht zu machen. Ich finde dich schön, wie du bist.‘ Aber er hat schnell gemerkt, dass ich das nicht für ihn mache, sondern für mich.“

Schmerzen beim Sex nennt auch der Chirurg Dr. Demir als einen der Hauptgründe, warum Frauen zu ihm kommen. Trotzdem sind zwei Drittel der Eingriffe, die er durchführt, rein ästhetischer Natur. Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Schamlippenverkleinerung, die in der Regel zwischen 2300 und 4000 Euro liegen, so gut wie nie, da die Operation nicht medizinisch notwendig ist. „Aber die Beschwerden“, sagt Demir, „die Infektionen, schmerzhafter Geschlechtsverkehr und die psychische Belastungskomponente – da muss man differenzieren. Wo beginnt Medizin?“

Diese Frage stellt sich auch die Soziologin Villa. „Wohlbefinden ist ein Kernelement der Definition von Gesundheit seitens der Weltgesundheitsorganisation“, erklärt sie. „Davon abgesehen: Warum sollten psychische Leiden, psychische Dimensionen von Gesundheit und Wohlbefinden nicht auch körperlich angegangen werden? Wenn jemand darunter leidet, extremen Haarausfall zu haben oder eine sehr große Warze am Bein – warum nicht die Warze entfernen oder ein Haarimplantat?“ Für Kerstin war die OP die Lösung für ihre Probleme, sie hat sie nie bereut. „Die Operation gibt einem Lebensqualität. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, habe mehr Selbstbewusstsein, kann endlich meine Sexualität ausleben und genießen.“

Trotzdem wurde auch Kerstins Entscheidung für die Operation in weiten Teilen durch die Gesellschaft und deren ästhetische Vorstellungen beeinflusst. „Wer sich mit welchem Körper wohlfühlt, wird letztlich gesellschaftlich bestimmt“, sagt die Soziologin Villa. „Keine von uns ist frei von gesellschaftlichen Idealvorstellungen, das wäre schlicht unmöglich. Aber wir können zugleich auch diese Ideale kritisch befragen.“ Das ist auch in Kerstins Interesse. Sie möchte, dass das Thema mehr zum Thema wird und weniger zum Tabu. Und sie sagt: „Ich würde diese OP immer wieder machen.“

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, jährlich ließen sich in Deutschland etwa 7000 Frauen die Schamlippen verkleinern. Diese Zahl ist falsch. Wir haben das korrigiert und bitten, den Fehler zu entschuldigen. 

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