Horror-Party: Rentner-Pogo mit Aperol-Spritz

In dieser Serie erzählen wir von unseren schlimmsten Partys. Diesmal musste unser Autor lernen: Eine Punkshow in München ist wie eine Fashion Week in Bitterfeld-Wolfen.
Aus der jetzt-Redaktion*
horrorparty punkkonzert cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Freepik

Wir alle vermissen Partys – und vergessen dabei leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grauslich langweilige entfernte Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de!

  • Horrorstufe: 5 von 10
  • Center of attention: Wolle, Sänger einer Punkband und „Sklave des Systems“ 
  • Trinkverhalten: Altersschwach

Wenn ich auf ein Punkkonzert gehe, habe ich ein ausgewaschenes Bandshirt an und die Hoffnung in mir, die bürgerliche Sphäre für vier Stunden zu verlassen. Ein erkennbarer Punk mit bunten Haaren war ich nie, aber ich fühlte mich seit dem Teenageralter der Szene zugehörig, verliebte mich demonstrativ in Sternburg-Bier, besuchte dutzende Konzerte und Festivals. Jedoch fast ausschließlich in Ostdeutschland, wo ich aufgewachsen bin. Die Pandemie und das zunehmende Alter sorgten dafür, dass ich seit einigen Jahren auf keinem Konzert war. An diesem Abend wage ich mich auf meine erste bayerische Punkshow. 

Der Ort: die unpunkigste Stadt Deutschlands – München, denn ich bin umgezogen. Der Schuppen: Irgendwo in der teuren Innenstadt, dafür aber mit reichlich Graffito an der Fassade bedeckt. Drei Bands sollten an diesem Abend auftreten, von denen ich keine kannte. Und schon auf dem Weg zum Eingang roch es in meiner Vorstellung nach Schweiß und verschüttetem Bier. Ernsthaft: Vorfreude könnte kaum schöner sein.

„Punk mag tot sein, aber immerhin ist er zuverlässig“

Manche sagen, sie würden auf solche Konzerte gehen, weil ihnen die Musik gefällt. Dabei geht es natürlich um mehr: Auf Punkshows gibt es keinen Leistungsgedanken, weil hier meistens Bands auf der Bühne stehen, die von Instrumenten wenig Ahnung haben. Auf Punkshows gibt es nur in der Theorie ein Recht auf körperliche Unversehrtheit, denn das Wort Pogo klingt vielleicht harmlos, aber mindestens zwei Leute werden am nächsten Morgen mit einem Gips aufwachen. Auf Punkshows möchte man nicht beschwipst sein, sondern einigermaßen besoffen. Punkshows, wie ich sie schätze, sind Verweigerung, Selbstzerstörung, Weltflucht. Yoga in destruktiv. Und: Punk mag tot sein, aber immerhin ist er zuverlässig. Ich habe auf so vielen Konzerten das Immergleiche erlebt. Umso verwirrender war es, an jenem Abend in München zu lernen: So ist es eben nicht. Denn eine Punkshow passt so gut in diese Stadt wie eine Fashion Week nach Bitterfeld-Wolfen. 

Es ging schon am Einlass los. Hier wurde nicht um eine Spende gebeten, wie ich es von den meisten Konzerten in Kleinstädten und Dörfern kannte, sondern knallhart Eintritt verlangt. Wie viel, weiß ich nicht mehr, doch mein Taschengeld für Bier war nun auf einmal überraschend schnell zusammen geschrumpft. Und Moment mal, steht da hinten wirklich ein EC-Kartenlesegerät? Fehlte nur noch, dass man mit Apple Pay bezahlen kann.

Skeptisch hätte ich spätestens dann werden müssen, als ich selbst im Einlassraum weder einen sich übergebenden Punker sehen, noch viel zu laute, dumpfe Musik hören konnte. Stattdessen kühles Lichten an den Decken und Jackenhaken an den Wänden, auf denen säuberlich ein Kleidungsstück neben dem nächsten hing. 

Ich hörte die Brandschutztür hinter mir zuschlagen und erspähte endlich die Bar, vor der kaum mehr als zehn Leute standen. Was zur Hölle, steht an der Tafel wirklich „Aperol Spritz“? Einen einzigen roten Iro sah ich am Tresen aus der Runde herausstechen, aber der dazugehörige Mensch sah eher nach Sascha Lobo aus als nach Johnny Rotten. Wie ich mit meinem Freund, der mich begleitete, feststellte, kostet das Bier hier fast vier Euro. Einverstanden, dachte ich: In einer teuren Stadt wie München müssen Mieten auch für so einen Ort erstmal bezahlt werden. Aber warum gleich Augustiner? Wo war das zwar deutlich schlechter schmeckende, aber doch so vertraute Sternburg-Bier aus Leipzig, oder wenigstens Wicküler aus Dortmund für einen Euro inklusive Pfand? Von mir aus auch Oettinger, das kommt ja aus der Region! Aber naja, Bier ist Bier. Und es ist ja nicht gerade besonders punkig, bei diesem Thema wählerisch zu sein. 

„Von Punk als Rebellion der Jugend war hier wenig zu sehen“

Im Nebenraum dann die Bühne: schummriges Licht, ein paar Gestalten in dunklen Shirts nippten an ihrem (bürgerlichen) Bier. Ich war beruhigt, dass selbst in der Stadt von Highperformer-Firmen wie BMW und Allianz die erste Band nicht pünktlich anfängt, sondern erst eine halbe Stunde verspätet damit beginnt, die nicht gestimmten Gitarren auf die Bühne zu hieven. Hoffnung machte sich in mir breit.

Doch in der Zeit des Wartens fiel uns auf, dass wir uns weiter unterhalten konnten. Die Pausen-Musik aus der Konserve war so leise, dass auch der spießigste Nachbar keinen Grund dazu gehabt hätte, sich über diese Veranstaltung zu beschweren. Nette Sache, aber auch irgendwie öde. Jedenfalls konnten wir uns darüber unterhalten, dass wir, je mehr wir uns umsahen, mit unserem Alter von Ende 20 wohl die beiden Jüngsten im Raum waren. Von Punk als Rebellion der Jugend war hier wenig zu sehen. Stattdessen: Beige Adidas-Schuhe, gepflegte Dreitagebärte, Tocotoronic-Shirts und bierbäuchige Männer, die kurz vor dem Alter sind, in dem man sich Enkelkinder wünscht.

Dann ging es endlich los. Eine Band, an die ich mich nicht mehr erinnere und bei der ich mir auch nie vorgenommen hatte, mich an sie zu erinnern, spielte die ersten Akkorde. Eine Handvoll Leute wippte vor der Bühne behäbig im Takt, die meisten standen noch im Nachbarraum an der Bar. Der Sänger krächzte nun irgendetwas von „Sklaven des Systems“. Und irgendwie nahm ich es ihm nicht ab. Es fühlte sich falsch an, denn obwohl die vier Herren, die da auf der Bühne standen, schwitzen, schrien und auf ihr Schlagzeug einprügelten, sahen sie nicht nach Sklaven des Systems aus, sondern eher nach ETF-Sparplan und Weber-Grill. 

„Vor der Bühne ist noch Platz!“, rief der Sänger nach dem zweiten Song irgendwann in den nur zu einem Zehntel gefüllten Raum. Mein Kumpel und ich rückten einen halben Meter nach vorn und hüpften aufgrund der einsetzenden Mittelbesoffenheit ein wenig mit. Ich stellte mir vor, wie ich bei einem normalen Punk-Konzert im von einem kräftigen Punk zur Seite geschubst werden würde, wie ich stolpere, wie ich auf einer Bierpfütze ausrutsche, wie ich mir beim Sturz ein Stück eines Schneidezahns rausschlage, wie ich den Schmerz nicht spüre, weil ich zu betrunken bin und wie ich dann trotzdem einfach weiter tanze. 

Aber dann fiel mir ein, dass ich sich die Lust darauf doch einigermaßen in Grenzen hält. Vielleicht passte ich doch ganz gut hierher - auf das spießigste Punk-Konzern aller Zeiten.

*Unser Autor will der Münchner Punkszene weiter Besuche abstatten und beim nächsten Konzert nicht kurz und klein geschlagen werden. Denn trotz ihres fortgeschrittenen Alters sahen einige Punker*innen ziemlich kräftig aus. Deshalb möchte er anonym bleiben..

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