Horror-Party: Der 30. Geburtstag, an dem alle 40 wurden

Unser Autor kam zum Tanzen und Trinken – es erwartete ihn grüner Tee und ein gemütliches Gesellschaftsspiel.
Illustration: jetzt

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Wir alle vermissen Partys – und vergessen dabei leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grauslich langweilige Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de! 

  • Horrorstufe: 8 von 10
  • Center of Attention: Eine Altbauwohnung in München.
  • Trinkverhalten: Extrem motiviert – leider nicht besonders gesellig.

Ich klingle Sturm. Durch mein Hirn döppdödödöppt das Meisterwerk von Darude, das auf der Fahrt aus dem Restaurant her im Taxi lief. Und ich döppdödödöppe den Metallknopf im Takt. Der Adrenalinrausch des Dazustoßens, der Alkoholrausch schneller Schnäpse, alles fließt in die Zeigefingerkuppe, die die Geburtstagsfeier eines engen Freundes in der Altbauwohnung hinter der Tür mit Passion auf mein Eintreffen hinweist.

Es ist 22:13 Uhr, Samstagabend. Ich mache Grimassen vor dem Türspion, stemme den Wodka von der Tanke in die Höhe wie die Meisterschale. Auch wenn ich mich wundere, warum drinnen keine Bässe bummern, halte ich die Flasche für ein angemessenes Geschenk für einen Dreißigsten – und mich für angemessen betrunken. Wie sich herausstellt, als das Geburtstagskind zu mir hinaustritt und eilig hereinwinkt, bevor ich die „Babys im Haus“ aufwecken kann: Nichts daran ist angemessen.

Denn drinnen ist von Party keine Spur. Im Gegenteil: eine Stimmung wie im Lektüre-Proseminar. Ich tue, was jeder vernünftige Mensch jetzt tun würde: Ich verstecke mein Entsetzen hinter Lügen. „Ja, echt, voll super, heute mal richtig reden zu können“, plappere ich und gratuliere betont nüchtern, ohne das Schnapsgeschenk in meinem Rücken zu erwähnen. „Na, wen haben wir denn da?“, begrüße ich die Tischgesellschaft in der Küche, die sich den Abend wohl anders vorstellt als ich.

Bei Kerzenlicht diskutieren die feinen Damen und Herren, die ich schwer als meine Freund*innen wiedererkenne, über die „Pros“ und „Cons“ von Outdoorjacken. Worte wie „Goretex“ oder „Vaudee“ fallen, die ich außerhalb meines Elternhauses nie gehört habe. Allen im Raum muss klar sein, da ist meine betrunkene Paranoia sicher, dass ich meine Kiefermuskeln nicht mehr genug unter Kontrolle habe, um an der Suada über recyceltes Polyester teilzuhaben. Mir ist, als hätte ich die Einladung zu einer Kostümparty nicht gründlich gelesen. Motto: „40 über Nacht“.

Ich verschwinde auf den Balkon und fake einen Anruf. Die Wodka-Flasche schmuggle ich mit nach draußen. Für die Show bewege ich die Lippen, spicke aber durch die Glasfront in die hellerleuchte Altbauwohnung. Rotwein und Scharade. Alle happy. Sie scheinen diesen neuen Lebensabschnitt ersehnt zu haben, kaum erwarten zu können, dass sie diese Menschen sein dürfen, die Wodka-Flaschen als Geburtstagsgeschenke peinlich finden. Warum will ich das nicht? Was stimmt nicht mit mir? Im Grunde meines Herzen liebe ich doch jede und jeden, der da am Tisch in Denkerpose über Trekkingrucksäcke philosophiert.

Es wäre wunderbar daneben, auf den selbstgezimmerten Esszimmer-Tisch aus Europaletten zu speien

Also los, ich will mir mehr Mühe geben. Auch ich habe wasserfeste Kleidung, ein Behelfsvokabular für Kompost und Urban Gardening im Hinterkopf. Und siehe da, ich werde herzlich in die Runde eingegliedert: Der verlorene Sohn kehrt heim. Vor mich stellt man einen grünen Tee, nimmt mir den Hochprozentigen aus der Hand.

Ich werde einem Team zugeteilt. Manche malen, manche erklären, manche raten. Alles hat seine Ordnung. Und ich verschwinde nur selten im Badezimmer, um jeden neuen Anflug von Unwohlsein mit dem Wodka zu betäuben, den ich mir heimlich aus dem Kühlschrank angle. Während ich den Begriff „Klarspüler“ hinkrakle, setzt die Gedankenspirale aber wieder ein. Ich denke daran, dass wir nie wie unsere Eltern werden wollten, wie wir damals zusammen Klassenzimmer unter Wasser gesetzt haben.  

Ich stelle mir kurz vor, wie wunderbar daneben es wäre, auf den selbstgezimmerten Esszimmer-Tisch aus Europaletten zu speien. Ich stelle mir vor, wie ich statt dem „Klarspüler“ einen Mann auf das Board zeichne, der einen gigantischen Penis hat. Ich stelle mir vor, wie sie mich ansehen, wie sie sich für mich schämen würden, für mich, den traurigen Quatschkopf, der die Zeichen der Zeit nicht sehen will, der nichts hören will, von Outdoorjacken und Kinderwägen.

Natürlich lasse ich das, natürlich zeichne ich eine Spülmaschine und verabschiede mich nach dem Spiel schnell, aber höflich. Ich müsse früh raus, dies das. Als ich von meiner morgendlichen Yoga-Routine schwadroniere, nicken alle. Die Nacht hätte hier enden können. Ein trauriges, aber vernünftiges Ende. Ich hätte mich, mit dem seligen Gefühl, der Spießigkeit voraus zu sein, in mein Bett fallen lassen.

Doch im Fahrstuhl nach unten verwechsele ich die Stimme aus der Sprechanlage leider mit einer göttlichen Eingebung, die mich erinnert, dass ich im Ground Floor angekommen bin, dass ich aussteigen kann, dass mich niemand zwingt, ewig stehen zu bleiben. Jenseits von Gut und Böse fahre ich quasi auf Anraten des Allmächtigen persönlich alleine in einen Club in der Innenstadt. Es ist laut und stickig. Meine Klamotten stinken tagelang nach Rauch. Wie toll.  

*Unser Autor mag seine Freund*innen sehr, auch wenn die Party furchtbar war. Damit sie ihn weiterhin einladen, bleibt er hier lieber anonym, ist der Redaktion aber bekannt. 

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