Verzicht ist nicht gleich Verzicht

Sie leben autofrei, vegan und auf engem Wohnraum, um die Umwelt zu schützen. Eingeschränkt fühlen sich Jonas, Jana und Viktoria dadurch aber nicht – ganz im Gegenteil.
Von Tjade Brinkmann
umwelt verzichten

Autofrei oder auf kleinem Wohnraum zu leben sind Möglichkeiten, den eigenen CO2-Fußabdruck zu minimieren.

Foto: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

Wenige Minuten vor Ladenschluss kommt Jonas mit fünf Kilogramm Möhren aus dem Drogeriemarkt. Er hat sein Fahrrad mit Anhänger dabei und einen Backpacker-Rucksack auf dem Rücken – für den Fall, dass er größere Mengen Lebensmittel „retten“ muss. Auch die Möhren hat er nicht gekauft, sondern gerettet. Sonst wären sie im Müll gelandet. Dass sie pflanzliche Produkte, also vegan sind, ist für ihn perfekt. Jonas versucht aus Umweltschutzgründen möglichst nachhaltig zu leben, da spielen Lebensmittel eine entscheidende Rolle. Am Abend wird es eine Gemüsepfanne mit Pastinaken und, klar, Möhren geben.

Weniger Fleisch, halb so viele Kleidungsstücke und das Auto stehen lassen: Um das Klima und die Umwelt zu schützen, wären viele bereit zu verzichten. So gaben zum Beispiel im Rahmen einer Umfrage des Greenpeace Magazins Ende des vergangenen Jahres 73 Prozent der Befragten an, dass sie sich dafür in ihrem Fleischkonsum einschränken würden. Doch ist individueller Verzicht der richtige Weg, um die Klimakrise aufzuhalten? Schränken uns solche Ansätze nicht zu stark in unserer Freiheit ein? Jonas, Jana und Viktoria sind drei junge Menschen, die vielleicht Antworten auf diese Fragen haben. Denn sie versuchen, möglichst nachhaltig zu leben, auf ganz unterschiedliche Weise und mit unterschiedlichem Fokus.

„Ich kann mir alles kaufen, was ich will, wenn ich es denn bräuchte“

Jonas lebt flexigan. Der 28-Jährige kauft vegan ein, verzichtet also im Supermarkt auf tierische Produkte wie Milch, Eier oder Fleisch. Häufig einkaufen muss er aber sowieso nicht, denn den Großteil seiner Lebensmittel rettet er. Zum Beispiel über die Initiative Foodsharing, wo er aussortierte Waren bei kooperierenden Läden abholt, bevor sie weggeschmissen werden. Sind nicht-vegane Lebensmittel dabei, nimmt er auch die mit – darum „flexigan“. Durch das Retten hat er in manchen Monaten keine Ausgaben für Lebensmittel mehr. Er kauft nur Sachen, auf die er wirklich Lust hat und die es selten zu retten gibt: Mate, Nudeln, Kaffee.

Den Begriff „Verzicht“ verbindet Jonas nicht mit seiner Lebensweise: „Ich habe nicht das Gefühl, mich einzuschränken. Ich kann mir alles kaufen, was ich will, wenn ich es denn bräuchte. Ich brauche es nur meistens nicht“. Für ihn würde Verzicht bedeuten, bestimmte Bedürfnisse nicht befriedigen zu können. Dass das bei ihm nicht der Fall ist, sei Gewöhnungssache: „Die Lust auf Fleisch verschwindet, wenn man länger keins isst.“

Wohnen, Mobilität und Ernährung: Das seien die drei wichtigsten Bereiche mit besonderer Relevanz und Potenzial für individuelles klimafreundliches Verhalten, sagt Dr. Dominik Wiedenhofer vom Institut für Soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem „Nachhaltiger Konsum“ und „Umwelt-Fußabdruck des täglichen Lebens“. Wiedenhofer ist Teil eines internationalen Forscher*innenteams, dass in einer Studie verglichen hat, welche Verhaltensänderungen den persönlichen ökologischen Fußabdruck wie weit reduzieren können. Die Forscher*innen haben sich sechzig sogenannte „Konsumoptionen“ angeschaut und sie gerankt. Vegane Ernährung liegt zum Beispiel auf Platz sieben der wirkungsvollsten Optionen, um den CO2-Fußabdruck zu verkleinern. Es müsse nicht jede*r alle tierischen Produkte vermeiden, erklärt Wiedenhofer: „Es hilft schon viel, wenn man einfach wenig Fleisch, speziell rotes Fleisch, isst.“ Die eingesparten Emissionen durch die Vermeidung und Rettung von Lebensmittelabfällen werden in der Studie als vergleichsweise gering eingeschätzt. Trotzdem hält Wiedenhofer auch solche Ansätze für wichtig, denn insgesamt brauche es die Summe zahlreicher Maßnahmen.

Jana führt per Videokamera durch ihr Zimmer. An der Wand sieht man einen großen weißen Schrank. Abends wird daraus eine 1,4 mal zwei Meter große Liegefläche, erzählt die 28-Jährige. Gegenüber steht neben zwei weißen Kommoden ein Regal aus Pappe für ihre Bastelsachen. Der Tisch in der Mitte des Zimmers ist je nach Bedarf ausklappbar und schnell zu verschieben. Zwölf Quadratmeter ist Janas Zimmer groß. Die funktionelle Einrichtung ermögliche es ihr, trotzdem bis zu acht Freund*innen einzuladen oder mit einer Mitbewohnerin ein Workout zu machen. „Ich könnte auch dreimal so viel Miete zahlen, hätte ein Schlafzimmer, einen Sportraum und ein Wohnzimmer. Das wäre aber auch dreimal so teuer und dreimal so unökologisch“, sagt sie. Jana lebt bewusst auf kleiner Fläche, doch auch sie fühlt sich durch ihre Lebensweise nicht eingeschränkt. Verzichtsempfinden hält sie für individuell und für eine Frage der Perspektive: „Ich wohne in der Situation, in der ich wohnen möchte.“ Verzicht, das wäre für sie eher, 300 Euro weniger im Monat zur Verfügung zu haben, weil die Miete so hoch ist.

Die Größe des Wohnraums wirkt sich auf den CO2-Fußabdruck aus

Für den individuellen CO2-Fußabdruck beim Wohnen ist der wichtigste Punkt die Energieversorgung. Erneuerbare Energien stehen in der Studie von Dominik Wiedenhofer und seinen Kolleg*innen auf Platz vier der wirkungsvollsten Optionen. Der zweite wichtige Aspekt ist die Größe des Wohnraums. „Wenn ich ein großes Haus habe, muss ich mehr heizen, habe mehr Lampen und mehr Geräte. Da sieht man einen Skaleneffekt“, sagt Wiedenhofer.

Viktorias Nachhaltigkeitskonzept ähnelt dem von Jana – dabei wohnt sie sogar in einem Haus. Vor dem Grundstück, auf dem die 25-Jährige lebt, gibt es eine Bushaltestelle, sie heißt „Haus Nr. 11“. Im Garten eines der Wohnhäuser, die hier zwischen Feldern und Bäumen stehen, findet man Viktorias Tiny House, eine Art Zimmer auf Rädern. Bad und Küche sind integriert, auf einer zweiten Ebene gibt es eine Schlafecke mit Bett. „Ein bisschen wie ein Bauwagen, nur mit Bad“, so beschreibt Viktoria es. Durch die Kälte im Winter ist ein Rohr geplatzt, daher kommt ihr Wasser momentan aus einem Kanister, eine Heizung gibt es nicht, nur einen Holzofen. Vor der Tür liegt zur besseren Abdichtung eine Decke.

Bereits seit Jahren ernährt sich Viktoria überwiegend vegan. Dann war sie für ein Jahr in Uganda und lernte dort einen anderen Lebensstil kennen: Zum Duschen ging sie mit einer Waschschüssel nach draußen, Wasser holte sie in Kanistern und gekocht wurde über offenem Feuer. „Das war mehr in der Natur und viel verbundener mit dem eigentlichen Leben“, erzählt sie. Nach ihrer Rückkehr wollte sie das nicht wieder aufgeben und insgesamt umweltfreundlicher leben. Seit zwei Jahren lebt sie nun in ihrem Tiny House und ist damit schon zweimal umgezogen. An die morgendliche Kälte hat sie sich gewöhnt: „Für mich fühlt sich das nicht wie Verzicht an, weil ich es genieße, morgens aufzustehen und den Ofen anzumachen. Für mich ist das stimmiger, als wenn ich bei meinen Eltern bin, die eine Heizung haben.“ Der einzige Haken: Der nächste Supermarkt ist sieben Kilometer entfernt, deswegen ist Viktoria auf ein Auto angewiesen.

Wie umweltfreundlich ein Tiny House ist, hängt neben Energieversorgung und Größe vor allem davon ab, welche Mobilitätsform damit verbunden ist und wie der Platz, an dem es sich befindet, ansonsten genutzt würde. Dominik Wiedenhofer bezweifelt, dass ein Tiny House am Waldrand mit dem Auto vor der Tür in der Summe per se umweltfreundlicher sei als eine Wohnung in der Stadt mit nahegelegener U-Bahn-Station. Die größten Einsparungspotenziale des CO2-Fußabdrucks liegen seiner Studie zufolge nämlich im Bereich der individuellen Mobilität. Autofrei leben, Batterie-elektrisch fahren, weniger fliegen oder öffentlichen Verkehr nutzen: Vier der fünf wirkungsvollsten Optionen betreffen diesen Bereich.

„Auch in der Nachhaltigkeitsfrage existiert nicht der eine Lebensstil, der perfekt ist“

Jana lebt ohne Auto, Jonas auch. Beide versuchen, Flüge zu vermeiden, im Alltag fahren sie Fahrrad oder gehen zu Fuß. Als Jana noch in Bochum und später in Hamburg gelebt hat, hat sie vor allem den eng getakteten öffentlichen Verkehr genossen. Als Einschränkung empfindet sie ihre Mobilitätsnutzung nicht, im Gegenteil: „Ich habe noch nie jemandem erzählt, dass ich lange im Stau stand, ich muss keinen Parkplatz suchen, ich weiß, nicht wie die Benzinpreise sind, weil’s mich nicht betrifft und nicht interessiert. Das sind alles Sachen, über die ich mich nicht ärgern muss. Da ist es Freiheit, kein Auto zu haben.“

Nicht nur Jonas, Jana und Viktoria empfinden ihre Lebensform nicht als Verzicht, auch Wiedenhofer hinterfragt diese Bezeichnung. Er plädiert dafür, bisher etablierte Lebensstile nicht als das „Non-Plus-Ultra“ anzusehen und Abweichungen davon nicht automatisch als negativ zu betrachten: „Ist es Verzicht, wenn ich mich von einem tendenziell ungesunden Leben, mit schlechter Nahrung, viel Im-Auto-Sitzen und schlechter Luft abwende? Oder ist es nicht Freiheit, durch kurze Wege aktiv und einfach mobil zu sein, weniger Luftverschmutzung in den Städten zu haben und sich gesünder zu ernähren?“ Der Wissenschaftler spricht sich dafür aus, herkömmliche Denkmuster zu Mobilität, Ernährung und Wohnen zu hinterfragen. „Es gibt bei uns zum Glück die Möglichkeit für verschiedenste Lebenskonzepte“, sagt er: „Und auch in der Nachhaltigkeitsfrage existiert nicht der eine Lebensstil, der perfekt ist.“

Jonas, Jana und Viktoria haben für sich jeweils ein passendes Konzept gefunden, um möglichst umweltfreundlich zu leben. Trotzdem ist ihnen bewusst, dass ihre individuelle Wirkung auf das Klima verschwindend gering ist. Damit sich wirklich etwas ändert, braucht es andere Rahmenbedingungen, müssen sich Gesetze und die allgemeine Infrastruktur ändern. Vor allem, sagt Jonas, bräuchte es auch ein „kollektives Umdenken“ – also mehr Menschen, die gemeinsam die ersten Schritte gehen. Dabei könne jede*r eine Vorbildfunktion einnehmen und damit das eigene Umfeld beeinflussen. Jana erzählt darum gerne von ihren positiven Erfahrungen: von ihrer „hammer Zugfahrt durch die Alpen“ oder der „genialen Tofuwurst“.

Nachhaltigkeit und klimafreundliches Verhalten im Alltag zu thematisieren, das hält auch Dominik Wiedenhofer – neben der Stimmabgabe an der Wahlurne und der Gestaltung des eigenen Lebens – für eine der wichtigsten Methoden, um zu einer nachhaltigeren Gesellschaft beizutragen: „Natürlich macht die Handlung des Einzelnen nicht den großen Unterschied, aber es geht um die Summe unserer aller Handlungen.“ Deshalb sei es auch so wichtig, umweltfreundliches Verhalten einfacher und günstiger zu machen, indem beispielsweise klimaschädliche Subventionen in der Landwirtschaft, Mobilität und Energieversorgung abgeschafft und stattdessen beispielsweise klimafreundlicher Verkehr gefördert werde. Dadurch werde es leichter, nachhaltig zu leben – so, wie es Jonas, Jana und Viktoria schon jetzt versuchen.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Katholischen Journalistenschule ifp entstanden. Der Autor des Textes ist dort Stipendiat und hat diesen Beitrag innerhalb eines gemeinsamen Projektes mit jetzt recherchiert und verfasst. Die im Rahmen des Projektes entstandenen Beiträge findest du auf der Themenseite „jetzt: Freiheit“.

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