2280 Euro brutto für den katholischen Pastor

Als Priester hat Ferdinand, 33, eigentlich nie wirklich Feierabend.
Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

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Wie der Arbeitsalltag eines Pastors aussieht

Ich taufe, traue und beerdige. Als Priester feiere ich in der Regel jeden Tag einen Gottesdienst. Ich führe Seelsorgegespräche, begleite meine Gemeinde in Seniorenkreisen und der Jugendarbeit. Zudem bin ich viel im Auto unterwegs, um zu Gemeindemitgliedern zu fahren. Da bleibt genug Zeit für die Freisprechanlage. Mal hat jemand eine Frage zum Thema Tod und Sterben; ein andermal bittet mich ein*e Lehrer*in um einen Tipp für den Unterricht zu verschiedenen Religionen. Kein Tag ist wie der andere.

Vorstellung vs. Realität

Man hat das Bild von einem Priester, der neben der Kirche in einem Pfarrhaus wohnt. Die Gemeindemitglieder kommen zu ihm ins Büro, um zu beten oder sich zu unterhalten. In der Praxis ist es genau umgekehrt: Ich komme wie ein Postbote zu ihnen. Meine Aufgabe ist es dabei auch, Netzwerke herzustellen, damit sich beispielsweise junge Familien oder Jugendliche kennenlernen und eine Gemeinschaft entsteht. Das ist der Teil im Beruf, den man nicht in der Ausbildung lernt, sondern erst bei der tatsächlichen Arbeit.

 

Wie die Ausbildung abläuft

Ich wollte mit Menschen arbeiten und da mein Vater evangelischer Pastor war, war Religion für mich schon immer ein Thema. Wir sind aber in meiner Jugend als Familie konvertiert, da die Beheimatung in der katholischen Kirche über die Jahre größer wurde.

Nach meinem Abitur ist mit 19 Jahren die Entscheidung gefallen: Du probierst den Beruf als Priester wenigstens aus. Deshalb bin ich in Frankfurt am Main ins Priesterseminar gegangen – das ist wie ein geistliches Wohnheim und eine Männer-WG zugleich. Parallel habe ich Theologie studiert. Für vier Semester beschäftigt man sich dabei auch mit Philosophie; das fünfte und sechste Semester verbringt man normalerweise im Ausland. Ich war in Norditalien. Im Priesterseminar habe ich viel Zwischenmenschliches gelernt. Man isst zusammen im Speisesaal, teilt das Bad auf dem Flur und geht gemeinsam in die Kneipe. Dabei findet auch eine gewisse Auslese statt, weil jeder merkt, ob der Beruf das Richtige ist.

Der praktische Teil der Ausbildung nach dem Studium dauert weitere zwei Jahre. Man arbeitet bereits in der Gemeinde, hat aber parallel noch viele Fortbildungen; zum Beispiel wie man predigt, ein Trauergespräch führt oder zum Kirchenrecht. Dann findet die Priesterweihe statt und der Berufsalltag beginnt.

Was das mit dem Privatleben macht

Privatleben und Beruf sind schwer zu trennen, da ich quasi immer im kirchlichen Kontext unterwegs bin und Person des öffentlichen Lebens bleibe. Ich habe Freundeskreise, bei denen ich nicht genau sagen könnte, ob sie dienstlich entstanden und zu Freundschaften geworden sind oder umgekehrt.

Außerdem habe ich nie richtig Feierabend. Natürlich setze ich mir abends Fristen und habe Urlaubsanspruch. Montags habe ich eigentlich frei, wenn nichts Dringendes ist; also ich zum Beispiel für einen Notfall ins Krankenhaus gerufen werde. Ansonsten arbeite ich mehr oder weniger durchgehend.

Welche Eigenschaften man als Pastor braucht

Man muss Menschen mögen und bereit sein, für sich und andere ein Leben lang auf der Suche nach Gott zu sein. Ohne persönlichen Glauben geht es nicht. Außerdem braucht man eine Neigung zum Akademischen, da man im Studium Griechisch, Latein und Hebräisch lernen und viele Texte lesen muss. Man muss anpassungsfähig sein, weil sich die Kirche und die Menschen wandeln. Ein paar Fähigkeiten, wie frei zu sprechen, kann man lernen. Aber die Grundlagen sollten da sein. Ansonsten läuft man Gefahr, unglücklich zu werden. Das Wichtigste ist sicher die Bereitschaft, zölibatär zu leben.

 

Warum ich das Zölibat gut finde

Das Zölibat war ein brennendes Thema für mich, als ich die Ausbildung begonnen habe. Natürlich habe ich damit gerungen. Aber am Ende ist die Frage, was dir wichtiger ist: die eigene Glaubensüberzeugung oder der Wunsch, eine Familie zu haben. Das klärt sich bei jedem Einzelnen im Priesterseminar. Ich schätze, 50 bis 70 Prozent, die anfangen, machen die Ausbildung deshalb nicht zu Ende. Auch bei mir hätte es anders kommen können. Ich könnte jedoch nicht – selbst, wenn es erlaubt wäre – wie ein evangelischer Pastor eine Familie haben und meinen Beruf ausüben. Das wären für mich zwei Welten. Ich wäre in beiden nur halb und würde keiner gerecht.

Was die Schattenseiten im Beruf sind

Herausfordernd sind extreme menschliche Situationen wie Tod und Sterben. Ich leite zwar drei, vier Beerdigungen pro Woche, aber gerade wenn junge Menschen versterben, geht mir das schon nahe.

Und auch andere Seelsorgesituationen sind manchmal belastend; beispielsweise, wenn sich mir Menschen in der Beichte anvertrauen. Das beginnt bei häuslicher Gewalt und hört bei noch schlimmeren Verbrechen auf. Ich bin wie ein menschlicher Mülleimer: Mir darf man alles erzählen, ich erzähle nichts weiter. Ich habe zwar selbst auch eine geistliche Begleitung, mit der ich sehr anonymisiert über alles sprechen kann. Aber am Ende muss ich das meiste zwischen mir und meinem Gott ausmachen. Natürlich muss ich dabei auf meine psychische Gesundheit achten.

Was ich auf Partys dazu gefragt werde

Jugendliche fragen mich oft: Darfst du wirklich keinen Sex haben? Das ist der Klassiker. Viele Leute sind verblüfft, dass man sich freiwillig für diese Lebensform entscheidet. In den letzten Jahren werde ich auch häufig mit Kirchenkritik konfrontiert: Was hältst du davon, was deine Kirche macht? Aus gutem Grund sind viele sehr skeptisch gegenüber Priestern. Das ist je nach Tagesform manchmal erfrischend, manchmal zermürbend. Meist antworte ich: Das macht mich sehr traurig. Ich versuche aber auch zu differenzieren, ob mein Gegenüber nur einen indirekten Vorwurf macht oder wirklich interessiert ist. Mein Ziel ist es, die Vorurteile zu brechen, indem ich mich wie jeder andere Mensch auch verhalte.

Wie viel man als Pastor verdient

 

Ich bin wie ein Beamter angestellt, unkündbar und bekomme nach meinem aktiven Dienst, wenn ich 75 Jahre alt bin, eine Pension. Damit mein Lebensunterhalt gesichert ist und ich meinen Beruf erfüllen kann erhalte ich eine Vergütung von 2280 Euro brutto pro Monat. Netto sind das 1900 Euro. Meine Betriebswohnung bekomme ich vergünstigt, weil ich alle paar Jahre versetzt werde und mir die Immobilie nicht aussuchen kann.

 

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