„Wir können offen darüber sprechen“

Sirius ist pädophil und versucht trotzdem, ein normales Leben zu führen – inklusive einer Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau.
Von Lisa König

Illustration: FDE

Sirius hat lange überlegt, ob er dem Interview zustimmen soll. Besonders die Minuten vor dem Gespräch waren sehr nervenaufreibend, erzählt er später. Er habe überlegt, ob er nicht doch noch absagen sollte. Aber einen Rückzieher zu machen, wäre ihm auch blöd vorgekommen. Immerhin hatte er schon zugesagt. Eine einfache Entscheidung war das nicht. Sirius ist Mitte 20, Student an der TU Dortmund und pädophil. Das bedeutet, er hat sexuelle Fantasien mit Kindern. Er hat sich auf meine Interviewanfrage hin in einem Forum gemeldet, in dem sich Betroffene und Interessierte zu dem Thema austauschen können. Er war dort Administrator und hat die Seite mitgegründet. 

Anzeichen für seine Neigung hat er nach eigener Aussage das erste Mal mit zwölf Jahren bemerkt. „Aber so richtig verstehen konnte ich das damals nicht. Wenn man selbst noch sehr jung ist, kann man sich noch gut erklären, dass man auf Jüngere steht. Ich dachte, wenn ich älter werde, wird sich das auch nach oben verschieben. Aber das ist einfach nicht passiert.“ Bis er sich selbst eingestehen konnte, dass er pädophil ist, hat es noch zehn Jahre gedauert.

Dementsprechend ist es auch heute seltsam für ihn, persönlich darüber zu reden. Sirius ist ein selbstgewähltes Pseudonym, mit dem er auch im Netz auftritt. Diese Online-Identität ermöglicht es ihm, über seine Neigung frei zu sprechen. Sirius ist der Name des hellsten Sterns am Nachthimmel. „Der Name kommt von dem griechischen Wort ‚Seirios‘, das bedeutet so viel wie ‚sengend‘ oder ‚glühend‘. Und das ist eine gute Beschreibung dafür, wie ich meine Sexualität für lange Zeit wahrgenommen habe: als eine Art sengende Flamme, die mühsam unter Kontrolle gehalten werden muss, während sie mich dabei innerlich verbrennt“, erzählt Sirius bei unserem ersten persönlichen Gespräch. Er wirkt deshalb ein wenig nervös, unter vier Augen persönlich über Pädophilie zu sprechen, ist eben doch etwas anderes als unter Pseudonym im Netz. Und Sirius kennt mich nicht, er kann meine Reaktion auf seine Geschichte nicht einschätzen.

„Ich hatte nie wirklich Angst davor, die Neigung nicht unter Kontrolle zu haben“, sagt Ruby

Während des Gesprächs spielt er viel mit seinen Händen und es fällt ihm schwer, mir in die Augen zu schauen. Trotzdem sind seine Antworten klar, er spricht, ohne zu stocken. Sirius ist bisher nach eigenen Angaben nicht Täter geworden, er besucht das Therapieangebot „Kein Täter werden“ und versucht, mit der Störung ein normales Leben zu führen. Diesem Ziel ist er ein gutes Stück näher gekommen, seit Juni vergangenen Jahres führt er eine Beziehung mit einer gleichaltrigen Frau, die er in dem Forum kennengelernt hat. Sie nennt sich Ruby und ist ebenfalls pädophil, beide sind bisher nach eigenen Angaben nicht übergriffig geworden. Beim ersten Treffen mit Sirius im Februar 2019 war eine ebenbürtige Beziehung für ihn nur ein Traum, fünf Monate später wird er mir Ruby bei einem Skype-Telefonat vorstellen.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa ein Prozent der männlichen Bevölkerung in Deutschland eine sexuelle Ansprechbarkeit auf Kinder hat. Bei Frauen seien es bisher Einzelfälle. Über die Gründe für die Neigung ist nur wenig bekannt. Klar ist aber, dass sowohl biologische, als auch soziale und psychologische Faktoren entscheidend sind. Sirius ist nicht exklusiv pädophil. Er fühlt sich zu einem gewissen Teil auch zu Erwachsenen hingezogen, nur nicht ganz so stark. Lange Zeit hatte er Angst, einer potenziellen Partnerin von seiner pädophilen Neigung zu erzählen. „Das ist natürlich problematisch, weil viele Leute direkt Reißaus nehmen würden“, sagt er bei unserem ersten Treffen. Als er mir einige Monate später Ruby vorstellt, sagt er deshalb auch direkt: „Das ist eine Sache, mit der ich nie gerechnet hätte. Es hat mich ziemlich aus den Schuhen gehauen ehrlich gesagt.“ Auf mich wirkt Sirius aufrichtig erstaunt.

Ruby ist Mitte zwanzig und hat ihre eigene Geschichte mit Pädophilie, auch sie hat hin und wieder am „Kein Täter werden“-Programm teilgenommen. „Ich hatte nie wirklich Angst davor, die Neigung nicht unter Kontrolle zu haben. Aber ich bin nach einer Weile trotzdem zu ‚Kein Täter werden‘ gegangen, weil ich die Gewissheit wollte, ob ich tatsächlich pädophil bin oder es vielleicht etwas anderes ist.“ Im Erstgespräch wurde die Pädophilie diagnostiziert, doch der Therapeut hielt eine Gruppentherapie in ihrem Fall nicht für notwendig. „Er meinte, ich brauche nicht wirklich Hilfe, weil ich so selbstreflektiert darüber denke, dass er keine Gefahr bei mir sieht.“

Pädophilie wird in der Gesellschaft oft mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt. Informationen des Instituts für Sexualwissenschaft

und -medizin der  Berliner Charité sprechen dagegen: Schätzungen zufolge sind etwa 40 Prozent der Männer und Frauen pädophil, die sexuelle Übergriffe an Kindern begangen haben. Bei den restlichen Taten handelt es sich meist um Ersatztäter, die eigentlich keine sexuelle Anziehung zu Kindern empfinden, sondern Macht über andere oder Ersatz für erwachsene Sexualpartner suchen. 

Pädophilie kann man nicht heilen

So krass es zunächst klingen mag, dass zwei Menschen mit pädophiler Neigung zueinander finden: Ruby versteht, wie Sirius sich fühlt – und das verbindet. Ruby ist genau wie Sirius nicht kernpädophil, was es den beiden erlaubt, auch auf sexueller Ebene eine Beziehung zu führen. Zunächst haben Sirius und Ruby anonym im Forum über ihre Neigung gesprochen. Auch in der Beziehung ist sie jetzt aber immer noch ein Thema: „In Situationen, in denen ich ein Kind auf der Straße sehe, habe ich mich früher schuldig gefühlt. Aber wir können offen darüber sprechen und wissen, dass wir nicht vom anderen verurteilt werden“, sagt Sirius. Das hilft auch Ruby. Sie war vorher in einer Beziehung mit einem nicht pädophilen Mann. „Mein Partner wusste zwar davon, aber so richtig akzeptiert habe ich mich nie gefühlt“, erzählt sie. „Er hat es hingenommen, aber wollte nie mehr darüber hören als nötig. Deshalb habe ich viele Gefühle und Gedanken nicht mit ihm geteilt.“

Außerdem wird Pädophilie oft als Krankheit bezeichnet. Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert sie hingegen als Störung der Sexualpräferenz. Der entscheidende Unterschied: Pädophilie lässt sich nicht heilen. Dennoch gibt es seit 2004 ein Therapieangebot an der Charité in Berlin. Unter dem Namen „Kein Täter werden“ wurde das Programm seitdem in Deutschland ausgeweitet. Entstanden ist es, weil es zuvor zwar Angebote für verurteilte Sexualstraftäter gab, aber keine für pädophile Menschen, die sich auch ohne Übergriff helfen lassen wollen. Auch Sirius ist seit zwei Jahren bei „Kein Täter werden“ in Therapie. 

Elisabeth Quendler leitet seit 2014 den Standort von „Kein Täter werden“ in Ulm. Sie war vorher Kindergärtnerin und hat eine Zeit lang mit Sexualstraftätern im Gefängnis gearbeitet, bevor sie Therapeutin wurde. „Die Therapie findet in Gruppen von etwa neun Leuten statt. Ziel ist es, Verhaltensstrategien zu entwickeln, die den Umgang mit der Neigung erleichtern und die Impulskontrolle verbessern“, erklärt Quendler. Dazu wird unter anderem besprochen, in welchen Situationen die sexuellen Gefühle besonders stark sind und wie Betroffene diese entschärfen können. Außerdem sei es wichtig, dass die Teilnehmer die Neigung für sich selbst akzeptieren. Es darf niemand mitmachen, gegen den aktuell ein Strafverfahren läuft. „Uns geht es darum, dass die Leute von selbst etwas ändern wollen und nicht dazu gezwungen werden. Wer schon einen Übergriff begangen hat, aber von selbst hierherkommt, kann gerne teilnehmen. Aus meiner Sicht haben alle das gleiche Recht, dass ihnen geholfen wird“, sagt Quendler. 

Für lange Zeit zieht Sirius die Konsequenz, Orte mit Kindern zu meiden

Die Therapie soll nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen verbessern, sondern vor allem den Missbrauch an Kindern und den Konsum von Missbrauchsabbildungen verhindern. In einer Studie gaben die meisten Pädophilen an, dass sie Fotos oder Videos nutzen oder genutzt haben. Das ist zwar kein direkter Kindesmissbrauch, aber trotzdem eine Straftat.

„Kinderpornographie geht meiner Meinung nach absolut nicht“, sagt auch Sirius. „Es gibt gute Gründe, den Konsum zu verbieten. Denn dahinter steckt das reale Leid von Kindern und das möchte ich in keiner Weise unterstützen.“ Er persönlich habe deshalb nie Bilder oder etwas in der Art benutzt, sondern beschränke sich auf seine Fantasien. „Ich habe einfach Angst, dass das eskalieren könnte und dann in nicht legalem Bildmaterial endet“, sagt Sirius. Früher hatte er in realen Situationen manchmal Angst, dass er übergriffig werden könnte. „Das war zum Beispiel so, wenn ich nur Kinder im Alltag, etwa in der Bahn, gesehen habe“, sagt er.

Für lange Zeit zieht Sirius daraus die Konsequenz, Orte mit Kindern zu meiden. Jahrelang war er nicht im Schwimmbad. Doch dann merkt er, „dass die Ängste nicht wirklich begründet sind. Ich habe kein Problem mehr, mit solchen Situationen umzugehen. Es wird immer so dargestellt, als müssten sich Pädophile total zusammenreißen, um nicht übergriffig zu werden. Aber bei mir – und ich denke bei vielen anderen – ist es eher so, dass wir uns massiv überwinden müssten, um überhaupt einen Übergriff zu begehen.“ Denn Pädophilie besteht nicht nur aus dem sexuellen Aspekt. Viele Betroffene berichten, dass sie enorme Zuneigung zu Kindern empfinden und sich zum Teil in sie verlieben. 

Das ändert allerdings nichts daran, dass eine derartige Beziehung immer ein Übergriff wäre. Auch in dem Forum, in dem Sirius aktiv war, ist die oberste Regel: Sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern dürfen niemals stattfinden! Als manche Teilnehmer trotzdem Sex mit Kindern rechtfertigen wollten, zogen sich Ruby und Sirius erstmal daraus zurück. Aktuell arbeiten sie mit den anderen Administratoren zusammen daran, das Forum neu ausrichten und die Regel Nummer eins in Zukunft konsequenter umzusetzen.

Obwohl Sirius sich mittlerweile sicher mit seiner Neigung fühlt, hat er bisher nur seiner Mutter davon erzählt. „Das war eine sehr nervenaufreibende Situation. Die erste Reaktion war ein gewisser Schock, aber dann hat sie doch recht positiv reagiert.“ Er könne nie sicher sein, wie sich die Leute bei einem Outing verhalten. Die Angst vor Ablehnung ist auch ein Grund, weshalb sich Sirius nur in der Beziehung mit Ruby sicher fühlen kann.

27 Prozent der Menschen wünschten Pädophilen den Tod

2015 erschien die MiKADO-Studie der Universität Regensburg, die sich mit dem Meinungsbild zu Pädophilie in der Gesellschaft befasst. Dabei sprachen sich 49 Prozent der Befragten dafür aus, auch pädophile Nicht-Täter sicherheitshalber zu verhaften. 27 Prozent der Personen wünschten ihnen den Tod.

Diese Ablehnung aus der Gesellschaft bekommt auch Elisabeth Quendler zu spüren. „Ich habe relativ schnell damit aufgehört, in meinem privaten Umfeld darüber zu sprechen. Ich sage jetzt nur noch: Ich bin Psychotherapeutin. Punkt.“ Viele sehen ihre Arbeit als Täterschutz, obwohl „Kein Täter werden“ eng mit Kinderschutzorganisationen zusammenarbeitet. „Auch unter Therapeuten gibt es eine hohe Ablehnung. Und wenn diese schon bei Leuten besteht, die ausgebildet sind, besonders emphatisch und professionell mit so etwas umzugehen, wie soll das dann in der breiten Masse sein?“, fragt Elisabeth Quendler.

Reaktionen gingen nicht selten unter die Gürtellinie. Die Charité verweist auf eine Befragung aus 2010: Über 95 Prozent der ambulant arbeitenden Psychotherapeuten in Deutschland ist nicht bereit, mit pädophilen Patienten zu arbeiten. Das sind nicht gerade ideale Voraussetzungen, um über ein Outing nachzudenken.

Pädophilie tritt oft zusammen mit psychischen Krankheiten auf

Sirius hat im Umgang mit seiner Störung schon einen enormen Fortschritt gemacht. Als Jugendlicher befürchtete er, sein Leben lang damit kämpfen zu müssen, bloß kein Kind zu missbrauchen. Jetzt wohnt er seit Mitte August mit seiner Freundin zusammen. Mittlerweile glaubt Sirius, dass er auch mit seiner Neigung ein zufriedenes Leben führen kann. Doch so weit sind längst noch nicht alle Betroffenen. Pädophilie geht häufig mit psychischen Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Substanzmissbrauch einher.

In einer Befragung von pädophilen Sexualstraftätern, die 1999 im American Journal of Psychiatry erschienen ist, gaben mehr als die Hälfte an, im Laufe ihres Lebens an schweren Depressionen gelitten zu haben. 60 Prozent von ihnen hatten eine Vorgeschichte mit Drogenmissbrauch. Therapieangebote können helfen, eine gesündere Einstellung zu sich selbst und der Neigung zu entwickeln. Vor allem sollen sie aber die Missbrauchsfälle verringern.

Bei einer Nachuntersuchung von „Kein Täter werden“ aus dem Jahr 2018 wurden 56 ehemalige Teilnehmer befragt, die die Therapie erfolgreich beendet hatten. Die Hälfte von ihnen hatte vor der Therapie einen oder mehrere sexuelle Übergriffe begangen. Bis auf eine Ausnahme gaben alle Befragten an, nach Therapieende keine weiteren Übergriffe begangen zu haben.

Weitere Infos: 

  • Pädophil zu sein bedeutet, sich sexuell zu Kindern in der Entwicklung vor der Pubertät hingezogen zu fühlen. Für eine Diagnose muss die betroffene Person mindestens 16 Jahre alt sein. Außerdem muss sie seit mindestens sechs Monaten intensive sexuelle Fantasien haben. Die Kinder, die von Interesse sind, müssen mindestens fünf Jahre jünger sein.

  • Wenn man sich zu Kindern hingezogen fühlt, die schon im frühen Stadium der Pubertät sind, wird das Hebephilie genannt.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich befürchte selbst betroffen zu sein?

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