Lea: „Man nimmt den Männern durch Feminismus ja nichts weg“

Die bekannteste Nummer von Singer-Songwriterin LEA ist wohl „7 Stunden“.
Foto: Sony Music; Bearbeitung: jetzt

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In der Mixtape-Kolumne unterhält sich Jan Limpert mit kreativen und musikalischen Köpfen über ihre Lieblingssongs – und packt sie für euch in eine Spotify-Playlist.

Als Tochter eines Musiktherapeuten fing LEA schon sehr früh an, Songs am Klavier zu schreiben. Bis heute hat sich daran kaum etwas geändert. Naja fast. Denn mittlerweile ist sie fester Bestandteil der deutschen Popmusiklandschaft und kann sich neben eigenen erfolgreichen Songs, Alben sowie entsprechenden Auszeichnungen auch einen Auftritt als Feature-Gast in Capital Bra’s Chart-Erfolg „110“ auf die Fahne schreiben.

LEAs Mixtape:

jetzt: Als ich deine Lieblingssongs durchgehört habe, war ich am meisten von Paolo Contes „Sparring Partner“ überrascht. Klingt wie ein Song, den man durch seine Eltern mitbekommt.

LEA: Den habe ich durch meine Schwester entdeckt. Sie ist eineinhalb Jahre älter als ich und hat einen unglaublich tollen Musikgeschmack. „Sparring Partner“ ist der Song, den ich auf allen Streaming-Plattformen am meisten gehört habe. Paolo Conte hat etwas unglaublich Weises in seiner Stimme. Wenn ich ihn höre, fühle ich mich wie im Italienurlaub.

Ich glaube, man nimmt Musik anders wahr, wenn man hört, dass sie von älteren, erfahrenen Musiker*innen gemacht wird.

Weil man hört, dass Paolo Conte keine 20 mehr ist, hat man das Gefühl, er hat etwas erlebt. Irgendwie überträgt sich das auf die Musik. Es ist kein schnelllebiger Popsong, sondern einer, der bleibt, der Beständigkeit hat und über das Leben erzählt.

Dabei ist doch zum Beispiel „Relationshit“ von Emily Roberts bestimmt nicht weniger aussagekräftig, nur weil sie eine junge Pop-Künstlerin ist. Sie singt über ein Beziehungsmodell, das für sie überhaupt nicht in Frage kommt – das der klischeehaften, inflationär besungenen romantisierten Liebe.

Hundert Prozent! Relationshit ist so genial, weil sie sagt, ich brauche niemanden, um glücklich zu sein. Und das vergisst man manchmal. Ich finde es richtig mutig von ihr, so was in einen Song zu packen, während in 90 Prozent der Songs über die klischeehafte Liebe gesungen wird. „Ich brauche keine Beziehung“ finde ich einen sehr erfrischenden Blickwinkel auf die Liebe.

Du kennst sie auch privat?

Emily Roberts ist eine der Künstler*innen, die ich sehr bewundere und ich kann mich glücklich schätzen, dass sie seit ein paar Jahren zu meinen besten Freundinnen zählt. Es ist einfach so schön, Frauen im Leben zu haben, die einen ähnlichen Weg gehen. Es gibt als Solokünstlerin Sachen, über die man nur mit anderen Solokünstlerinnen sprechen kann, und da ist Emily eine, mit der ich mich viel austausche.

Welche Rolle spielt Feminismus für dich?

Wenn man sich Streaming-Zahlen oder Label-Signings anschaut, merkt man, dass es noch viel Arbeit braucht, damit in der Musikbranche Gleichberechtigung stattfindet. Auch im Radio finden Frauen viel weniger statt als Männer.

Und wie soll sich das ändern?

Es ist wichtig, dass wir Künstlerinnen uns austauschen, unsere Erfahrungen teilen und gemeinsam versuchen, etwas zu verändern. In meinem Fall ist das meine Girls-Clique. Dazu gehört eben Emily, aber auch andere Musikerinnen, wie Antje Schomaker, Lina Maly, Madeline Julo. Das sind sehr wichtige Menschen für mich, weil wir sehr ähnliches erlebt haben.

Die Popmusikwelt ist nur dann glatt, wenn man sie glatt haben möchte

Welche Erwartungshaltung dir gegenüber als Musikerin nervt dich am meisten?

Das Bild, dass Frauen, immer perfekt gestylt sein müssen, ist noch stark in den Köpfen verankert. Dieses festgefahrene Mann-Frau-Bild stresst einfach. Man nimmt den Männern durch Feminismus ja nichts weg. Man will für alle nur die Situation verbessern und am liebsten etwas in den Köpfen verändern.

Deutsche Popmusik hat den Ruf, nicht gerade authentisch zu sein. Ist dir Popmusik manchmal zu glatt?

Die Popmusikwelt ist nur dann glatt, wenn man sie glatt haben möchte. Ich glaube, man hört es an meiner Musik, dass ich nicht nur Standard-Pop machen möchte.

„Another Day in Paradise“ gehört zu deinen Alltime-Favourites. Der Song ist sehr poppig, aber auch politisch. Phil Collins macht das sehr bildhaft, indem er eine Momentaufnahme beschreibt: Ein Mann läuft an einer obdachlosen Frau vorbei und ignoriert sie. Wie wichtig ist es dir, mit deinen Songs Geschichten zu erzählen?

Storytelling ist mir sehr wichtig und ich versuche es auch immer in meinen Songs. Ich überdenke beim Songwriting die Dinge nicht so sehr. Ich teste Material eher live und schaue, wie es sich anfühlt. Ich packe auch nicht in jeden Song eine politische Message – das mache ich eher über Social Media. Trotzdem versteht man schon, welche Haltung ich habe, wenn man meine Songs hört. Es ist auf jeden Fall etwas Besonderes, wenn jemand so politisch wird in seiner Musik. Dafür bewundere ich Phil Collins sehr.

Schließen sich Pop und eine politische Haltung aus?

Nein. Ich denke, gerade wenn man viele Follower*innen hat oder auf der Bildfläche vieler Menschen erscheint, ist es wichtig, für etwas zu stehen, eine Meinung zu haben und sich einzusetzen. Aber eigentlich ist jede*r Influencer*in. Auch Leute mit weniger Reichweite können Einfluss nehmen.

Ich liebe alles, was Chris Martin schreibt

Wie steht es mit der Bewunderung für „Fix You“ von Coldplay? Der Song ist zwar null politisch, aber eine krasse Hymne, bei der sich die Leute auf jedem Coldplay-Konzert heulend in den Armen liegen.

Das ist für mich der wahrscheinlich größte Song der letzten 20 Jahre. Ich liebe alles, was Chris Martin schreibt – ich kann nichts dagegen tun. Egal, welchen Song Coldplay rausbringen – man weiß, dass sie es sind. Eine eigene Handschrift zu entwickeln, ist das Ziel aller Künstler*innen.

Hast du deine musikalische Handschrift bereits gefunden?

Ja, weil ich zum Beispiel meine Gesangsstimme in den vergangenen fünf Jahren nochmal so viel besser kennengelernt und entwickelt habe. Mit dem dritten Album weiß ich jetzt auch, wie ich klingen will, was ich fühle und was nicht. Es ist auf jeden Fall ein lebenslanger Prozess und deshalb weiß ich nicht, wie ich in fünf Jahren klingen werde.

Vielleicht wirst du klanglich in die 80er zurückgehen wie Antje Schomaker mit „Verschwendete Zeit“.

So weit habe ich noch nicht gedacht – ich glaube aber nicht, weil ich mich musikalisch zurzeit in eine andere Richtung entwickle. Ich habe gerade eine neue Fassung meines Albums „Treppenhaus“ veröffentlicht. Dort gibt es ein paar neue Songs, aber auch die Songs vom alten Album in einem neuen, akustischen Gewand. Ich spiele etwa Klavier, seit ich sechs Jahre alt bin, und habe Songs schon immer am Klavier geschrieben. Deswegen finde ich es interessant und sehr wichtig zu sehen, wie die Songs ohne Produktion, eben nur am Piano funktionieren.

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