„Hört doch alle verdammt nochmal auf, Fotos von euch selbst hochzuladen!“

„Nothing but Thieves“-Sänger Conor Mason erzählt, warum er Social Media hasst und warum er eher Frontmom als Frontman ist.
Interview von Raphael Weiss
conor mason

Conor Mason (Mitte) mit seiner Band „Nothing but thieves“

Foto: Jack Bridgeland

Auf der Bühne ist Conor Mason ein Performer, ein Entertainer, die klassische Rampensau. Privat ist er in sich gekehrt und ein Familienmensch. Der Sänger der britischen Rockband „Nothing but Thieves“ erzählt im Interview, wie er gelernt hat, diese beiden Eigenschaften zu vereinen, wie ihn die Party-Exzesse psychisch kaputt gemacht haben und warum das neue Album „Moral Panic“ so politisch ist. 

jetzt: Conor, „Is everybody going crazy“, die erste Single eures neuen Albums, wurde in der UK zur Hymne der Corona-Pandemie. Was war die ursprüngliche Inspiration für den Song?

Conor Mason: Es geht um den ganzen Wahnsinn in den vergangenen Jahren. Um Brexit, um Trump, um andere populistische Politiker, über all diese Hässlichkeit, die auf der Welt existiert. Diese Ungerechtigkeit, die schon immer da war und durch das Internet immer mehr in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Während der Corona-Krise hatten die Leute Zeit, sich mit all dem zu beschäftigen und zu realisieren, dass sie das in dieser Form nicht mehr akzeptieren wollen. Deswegen passt der Song auch so gut in diese Zeit.

Wie kommst du mit der Corona-Pandemie klar?

Ich habe dieses Runterfahren, die Verlangsamung am Anfang sehr genossen. Als Band gibt es keine Pausen. Du machst immer weiter und weiter und weiter. Als Corona kam dachte ich: „Wow, das ist genau das, was ich brauche.“ Ich habe mich kreativer gefühlt, weil ich den Druck, dauernd abliefern zu müssen, einfach nicht mehr hatte. Ich hatte Zeit zum Schreiben und in mich zu gehen. Mittlerweile genieße ich das, was diese Pandemie mit sich bringt, auf keinen Fall mehr. Ich will einfach nur raus, auf Tour gehen, Konzerte spielen. Außerdem vermisse ich die Band..

Wie ist es für dich, keine Live-Konzerte spielen zu können?

Ich hasse es. Ich hasse es wirklich. Seit ich fünf Jahre alt bin, spiele ich Musikinstrumente, war in Bands, hatte Auftritte. Live zu performen ist einfach etwas, was zu mir gehört. Und jetzt wird mir das weggenommen. Das ist wirklich kacke. Als würde plötzlich ein wichtiger Teil meiner spirituellen Ernährung fehlen.

„Ich bin mehr eine Frontmom als ein Frontman und immer gerne für alle da“

Hattest du als Bandleader die Verantwortung, die Gruppenmitglieder durch diese Pandemie zu bringen?

Teilweise. Ich bin der Emotionale in der Band. Ich bin mehr eine Frontmom als ein Frontman und immer gerne für alle da. Einige Bandmitglieder sind mit der neuen Situation nicht richtig klargekommen. Ihnen fiel diese Entschleunigung sehr schwer und wir hatten lange Gespräche darüber. Aber andere Mitglieder sind einfach mental sehr, sehr stabil. Denen ging es gut. 

Ist das Konzept Frontman noch zeitgemäß?

Auf der Bühne bin ich der Frontman, der Performer. Ich bin dort der Selbstbewusste. Aber an sich ist das Konzept total archaisch. Jemanden zu haben, der alles bestimmt, wo es lang geht, was gemacht wird und was nicht? Come on. Wir sind alle ein Teil dieser Band. Wir sind füreinander da und hören darauf, was die anderen zu sagen haben. 

War das bei euch immer so? Rockbands stellt man sich immer als Ego-Show mit heftigen Streits und fliegenden Stühlen vor?

Es gab eine Lernkurve. Als wir angefangen haben waren wir 18 Jahre alt, praktisch noch Kinder. Und dann wurde uns gesagt: „Ihr zieht jetzt ein halbes Jahr nach Amerika, damit ihr lernt, wie man produziert, Songs schreibt, wie man eine Band ist.“ Wir waren sechs Monate lang zusammengepfercht und danach jahrelang auf Tour. Wir haben die besten Seiten der anderen gesehen, aber auch deren Fehler und hässlichen Seiten. Früher haben wir nie darüber gesprochen und es hat sich aufgestaut, bis alles auf einmal rausgesprudelt ist. Aber dann gab es diesen einen, richtig langen Talk, bei dem wir einfach offen miteinander gesprochen haben und gemerkt haben, dass all dieses Ego-Zeug, das jeder mit sich rumschleppt, dieses Macho-Gehabe, einfach Bullshit ist.

Wie sehen Konflikte jetzt aus?

Mittlerweile reden wir sehr viel miteinander und wenn sich einer kacke verhält, dann geht das so: „Komm schon, Mann. Das war gerade nicht cool.“ „Ja, hast recht.“ Wir lieben uns wirklich. Wir sind wie Brüder. Wenn du so intim mit Menschen zusammenlebst, nimmt man sich selbst noch einmal ganz anders wahr. Ich habe durch die Band wahnsinnig viel über mich selbst erfahren. 

„Es gibt im Internet diesen Druck, dass alle immer die komplett richtige Meinung haben müssen“

Das neue Album kommt dagegen sehr wütend rüber und greift gesellschaftliche und politische Themen wie den Klimawandel auf. Was war die Motivation, dass ihr euch so offen positioniert?

Wir hatten uns eigentlich gar nicht vorgenommen, ein politisches Album zu machen. Es soll vor allen Dingen ein Album über menschliche Reaktionen sein. Wie wir, eine Gruppe von Menschen, auf ein moralisches Problem reagieren, zu dem wir uns verhalten müssen. Immer mehr Menschen haben dieses Gefühl, dass die Welt, wie sie sich in in den vergangenen Jahren entwickelt hat, nicht mehr funktioniert und wir uns deshalb zusammenschließen müssen: Der Klimawandel, Brexit, Donald Trump, Cambridge Analytica, Online-Stämme. 

Online-Stämme? Was meinst du damit? 

Es gibt im Internet diesen Druck, dass alle immer die komplett richtige Meinung haben müssen. Da sind Linke oft genauso toxisch wie Rechte. Als liberaler Mensch musst du die exakt richtige liberale Meinung des Tages vertreten. Wenn du mit deiner Meinung ein bisschen zu sehr in Richtung gesellschaftliche Mitte tendierst, liegst du automatisch falsch. Das macht richtig Angst. Es ist, als würden wir in Stämmen leben, die sich konstant gegenseitig bekriegen.

Diesen „Krieg“ in den sozialen Netzwerken behandelt ihr auch in dem Song „can you afford to be an individual“. Wie kam er im Internet an?

Als wir dieses Song veröffentlicht haben, wurde wir online hart kritisiert. „Wir dachten nur: Genau deswegen haben wir den Song produziert. Ihr lasst niemanden mehr denken und sagen, was er will. Ihr lasst es nicht mehr zu, dass man ein Individuum ist.“ Früher hat mich der Umgang auf Social Media nur geärgert, aber mittlerweile macht er mir große Angst. Es gibt keine faire, ausgeglichene Plattform mehr, auf der man sich austauschen kann. Alles ist so polarisiert. Facebook ist die allerschlimmste Plattform. Meine Großeltern sind ein gutes Beispiel: Sie glauben, alles auf dieser Plattform ist genauso wahr, wie das, was in der Zeitung steht oder Wissenschaftler herausgefunden haben. Dadurch werden die Wähler manipuliert. Ich hasse Social Media! Am liebsten wäre mir, alle würden Social Media löschen. Hört doch alle verdammt nochmal auf, Fotos von euch selbst hochzuladen! Social Media ist Gift. Als Promi postest du ein Bild von dir und kriegst 40.000 Likes. Das ist ein absoluter Dopamin-Rush. Und du willst das wieder und wieder und wieder. Es ist eine Droge.

 

Rock war in den vergangenen Jahrzehnten immer die politischste Musikrichtung. Hat er diesen Status verloren?

Früher ging es im Rock und Punk um Revolution. Heute geht es nicht mehr darum. Der Schrei nach einer Revolution kommt aus dem Rap und Hip-Hop. Sie haben eine Message. Sie wollen etwas loswerden. Viele Rockbands haben sich in letzter Zeit in ihre weiße, vorstädtische Mittelklasse-Komfortzone zurückgezogen und wollen sich politisch nicht mehr äußern. In unserer Band kommen zwar auch alle aus einem Milieu wie diesem. Wir haben aber trotzdem die Verantwortung, dass uns Missstände auffallen und wir sie ansprechen.

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