Was ich aus „The Female Gaze“ gelernt habe

Nhi Le hat über 26 Folgen der „The Female Gaze“-Kolumne geschrieben. Zum Abschied erklärt sie, welche drei Dinge sie dabei gelernt hat.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke / Fotos: Jan Tinneberg, Unsplash / Tof Locoste , AdobeStock

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Twitter ist manchmal die Hölle: Blödsinnige Diskussionen, diskriminierende Kommentare und Arroganz prägen den Ton auf der Plattform. Aber manchmal ist es dort auch wunderbar. Etwa dann, wenn man Gleichgesinnte trifft – ohne Twitter hätte es diese Kolumne zum Beispiel nie gegeben. Anfang Mai 2020 twitterte ich, dass ich gerne regelmäßig über Popkultur aus feministischer und antirassistischer Perspektive schreiben würde. jetzt antwortete – Kurz darauf war die Kolumne „The Female Gaze“ geboren. Heute, nach einem Jahr, endet sie. Auf dem Weg habe ich über 26 Folgen hinweg viel gelernt. Was genau, das will ich euch zum Abschluss sagen. 

1. Neue Perspektiven verdienen Aufmerksamkeit – und bekommen sie auch

Vor allem im deutschsprachigen Raum kann ich bisher mit den wenigsten popkulturellen Betrachtungen etwas anfangen. Medienkultur wird meistens nach den immer selben Aspekten und Maßstäben bewertet. Und die haben einmal Menschen etabliert, die älter sind als ich, meist männlich und weiß. Kritiker*innen of Color sind in der absoluten Minderheit. Natürlich sollte es auch weiterhin Platz für die etablierten Medienkritiker geben, aber es braucht auch Platz für andere Perspektiven: junge, weibliche, feministische und rassismuskritische zum Beispiel. Denn was gut, was schlecht, was wertvoll, was Kunst ist, das geben sonst immer die gleichen vor. Diese Kolumne schrieb ich für mich und Menschen wie mich. Ich wusste, dass ich nicht die einzige mit diesem Blick, diesem „Gaze“, sein kann. Und tatsächlich schreiben mir Leser*innen, dass sie sich in meinen Worten und Analysen wiederfinden, sich davon bestärkt oder endlich gesehen fühlen. Die meisten Reaktionen gab es wahrscheinlich auf meinen Text zu sexistischem Rassismus gegen ost-und südostasiatische Frauen. Eine Betroffene schrieb mir, dass sie der Text ermutigte, sie selbst zu sein. Viele Zuschriften gab es auch nach meinen Kolumnen zu Romantisierung von Stalking und Verharmlosung von Vergewaltigungen. „Du sprichst mir als Opfer aus der Seele“, schrieb mir jemand.  Für eure Offenheit bin ich euch sehr dankbar.  

2. Man lernt auch während des Schreibens noch dazu

Ich habe für die Kolumne sicher hunderte von Studien gelesen. Aha-Momente hatte ich besonders bei der Recherche für den Text über Trump-Wählerinnen. Weil es in den Folgen zuvor immer wieder viel um Identität gegangen war, empfand ich diesen Text fast schon als Anti-These. „Es ist ein Irrglaube, (...) dass Frauen automatisch anti-sexistisch sind“, schrieb ich darin. Ich hatte vor der Recherche nicht gewusst, dass sowohl 2016 als auch 2020 mehr als die Hälfte (!) aller weißen Wählerinnen für Trump gestimmt hatten. Und vor der Folge über Comfort Binging war mich gar nicht klar, wie häufig wir Serien vor allem deshalb anschauen, um „alte Freunde“ wieder zu sehen, die ja eigentlich gar keine echten Freund*innen sind. Eine meiner Lieblingslektionen habe ich übrigens aus der Kolumne über feministischen Pornokonsum mitgenommen. Wusstet ihr, dass Frauen, die regelmäßig Pornos schauen, leichter Lust empfinden und weniger Probleme haben, zum Orgasmus zu kommen? Zu diesem Schluss kam eine 2020 erschienene Studie zum Thema Frauen, Lust und Pornos. 

3. Sich verletzlich zu zeigen, ist okay

Wer als Frau in der Öffentlichkeit steht, muss damit rechnen, früher oder später angegriffen zu werden. Dasselbe gilt für rassifizierte Personen. Addiert man diese Merkmale und fügt noch eine progressive Haltung hinzu, ist die Projektionsfläche für Trolle, Hater und Rechte eigentlich perfekt. Das habe ich selbst in der Vergangenheit vor allem bei der Arbeit für Videoformate erfahren. Nach einigen Shitstorms, Hacking-Versuchen und anderen Online-Attacken habe ich mir immer genau überlegt, was ich noch von mir preisgebe. Bloß keine Angriffsfläche bieten. Dem Onlinesein ging die Leichtigkeit verloren. 

Dann kam diese Kolumne und mit ihr ein Ort, an dem ich mich Text für Text öffnen konnte und auch mal Verletzlichkeit, vor allem zu den Themen Übergriffigkeit, mentaler Gesundheit und Rassismus zulassen konnte. Und ich habe gemerkt: Es tut verdammt gut, nicht immer die harte, abgebrühte Version von sich sein zu müssen. Klar, kamen auch als Reaktion auf die Kolumne immer wieder mal angreifende Kommentare. Gerade bei Kritik an Filmen mit vielen (männlichen) Fans ist das auch wenig überraschend. Aber der Rückhalt aus der Redaktion und der Austausch mit Leser*innen hat die Pöbeleien ganz irrelevant werden lassen. Ich bin daran gewachsen.

Das war jetzt vielleicht sentimentaler, als es werden sollte. Aber ich werde auch einfach ein wenig wehmütig, wenn ich daran denke, jetzt erstmal nicht mehr „Nhi von The Female Gaze auf jetzt“ zu sein.

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