„Im Idealfall sollte gar nicht neu gebaut werden“

Luisa Ropelato von „Architects for Future“ erzählt im Interview, wie wir alle klimaschonender und nachhaltiger wohnen können.
Interview von Luis Nicolas Jachmann
architects for future

Architects For Future setzen sich für klimaschonendes Bauen ein.

Illustration: FDE

Weltweit ist die Baubranche für die meisten CO2-Emissionen verantwortlich. Das soll sich ändern: Die Architekt*innen und Bauingeneur*innen von „Architects for Future“ suchen gemeinsam nach neuen Wegen, um energieeffizienter und ressourcenschonender zu bauen. Um langfristig das 1,5-Grad-Ziel und mittelfristig eine Reduzierung der Emissionen um 55 Prozent gegenüber 1990 zu erreichen, müsse die Architektur neue Wege gehen, sagen sie. Welche genau und wie wir alle klimaschonender wohnen können, hat Luisa Ropelato jetzt erzählt. Sie ist Architektin und einer der Köpfe von „Architects for Future“.

jetzt: In deutschen Großstädten wird Wohnraum immer knapper, selbst wenn viele am liebsten ins Umland ziehen. Sollten wir zurück zu den vielstöckigen Wohnhochhäusern, um Platz zu sparen?

Luisa Ropelato: So allgemein kann man das nicht beantworten. Aber Hochhäuser aus den 60er Jahren bieten auch Möglichkeiten zur Veränderung: Plattenhäuser haben oft eine geringe Deckenhöhe. Es ist nicht so schwierig, manche Platten wieder auszubauen. Indem man eine Wohnung ausbaut, kann man eine Terrasse oder einen Gemeinschaftsbereich gestalten und dadurch Begegnungsflächen schaffen. Gebäudebegrünung kann man auch ohne Probleme anbringen.

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Luisa Ropelato möchte mit Architects for Future die Baubranche von innen verändern.

Foto: Mauritz Renz

„In Deutschland will man immer der Technik vertrauen und hat nicht genügend Vertrauen in Pflanzen“

Knapp 40 Prozent unseres gesamten Energieverbrauchs in der EU gehen auf Gebäude zurück. Wie gelingt Wärmeisolation energiesparender für junge Familien oder Studi-WGs, die auf den Geldbeutel achten müssen?

Wir kommen da nicht ohne politische Steuerung aus. Es muss viel mehr Förderungen geben. Wir sind gut darin, neue Gebäude zu bauen, die wenig Energie ausstoßen. Aber der Anteil an Neubau ist gering. Wir müssen dringend in unseren Bestandshäusern Energie senken. Es muss vom Bund mehr Hilfe geben, um in ganzen Quartieren mit ähnlich gebauten Häusern besser zu isolieren, damit wir die Nutzungsenergie gesenkt kriegen. Das kann nicht die Aufgabe einer WG sein, sich darum zu kümmern. Wenn ich mir neue Fenster einbaue, aber die Wand daneben durchlässig wie Sau ist, nützt das alles nichts. Ich brauche einen Sanierungsfahrplan. Unsere Sanierungsrate in Deutschland liegt bei einem Prozent, aber wir müssten bei vier Prozent liegen, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten.

Bei heizsparenden Lösungen übernimmt der Staat maximal 20 Prozent der Sanierungskosten. Warum gibt es da so wenig öffentliche Unterstützung?

Das frage ich mich auch. In Wien versuchen sie zum Beispiel, alle Fassaden zu begrünen. Sie haben tolle Erfolge – auch im Bereich der Kühlung. In Deutschland will man immer der Technik vertrauen und hat nicht genügend Vertrauen in Pflanzen. Ich fände es schön, wenn Urban Gardening mehr in die Landschaftsplanung einbezogen würde – gerade bei der Planung der Außenbereiche von Mehrfamilienhäusern. Es ist ja auch möglich, mal eine Johannisbeerhecke zwischen zwei Grundstücken zu errichten.

Was können junge Mieter*innen noch tun, um klimafreundlicher zu wohnen?

Die Wohnfläche ist entscheidend. Je weniger Wohnraum man hat, desto nachhaltiger wohnt man. Extrem wichtig ist auch die Wärmeisolation. Ich denke, zu viel kann man aber Studierenden beispielsweise auch nicht abverlangen. Wenn ich schon in einer Studi-WG lebe und nur 19 Quadratmeter habe, dann habe ich einfach schon dadurch viel getan – für aufwendige Sanierungen sind die Vermieter*innen zuständig.

Die Grünen haben vor Kurzem Rüffel dafür bekommen, den klassischen deutschen Traum vom Eigenheim aus Nachhaltigkeitsgründen infrage zu stellen. Könnten Holzhäuser die Lösung werden?

Ich frage mich, ob ein Eigenheim tatsächlich der deutsche Traum ist. Unsere Gesellschaft verändert sich. Dass man sich mit dreißig Jahren ein Haus kauft und für immer darin wohnt, spiegelt unsere Gesellschaft nicht mehr wider. Und streng genommen werden nur die Hälfte unserer Einfamilienhäuser auch von Familien genutzt. Die andere Hälfte sind beispielsweise Ehepaare, die im Haus bleiben, wenn die Kinder ausgezogen sind. Wohnraum wird dann fehlgenutzt. Das ist nicht mehr die optimale Wohnform für ein alterndes Paar. Es gibt zu viel Fläche, die mal genutzt wurde, aber jetzt keine richtige Funktion mehr hat.

„Wir müssen uns als Gesellschaft fragen: Wie wollen wir eigentlich wohnen?“

Wäre es eine Alternative, überwiegend nur noch Mehrfamilienhäuser zu bauen?

Wir brauchen nur noch in Ausnahmefällen neu gebaute Gebäude und können den Schwerpunkt auf das Sanieren und Umnutzen legen. Hier kommt es auf den Standort an. Beispielsweise ist es sinnvoll, Materialien von rückgebauten Gebäuden aus der Nähe wiederzuverwenden oder regionale Baustoffe, insbesondere nachwachsende, zu nutzen. Wenn nebenan ein Wald ist, kann beispielsweise Holz verwendet werden. Wenn aber regional kein Holz verfügbar ist und der Transport von Holz zu viel CO2-Emissionen verursacht, ist es besser, alternative lokale Stoffe zu verwenden.

Alleine schon von der Wohnfläche ist das Tiny House das krasse Gegenteil von Ein- und Mehrfamilienhäusern. Inwieweit sind diese Häuser wirklich eine Lösung? 

Ich schätze an den Tiny Häusern, dass man über Wohnfläche nachdenkt. Ich habe einen tollen Modellversuch von Studis an der Uni Bremen gesehen: Sie haben sich eine Mehrfachnutzung des Wohnraums überlegt. Ich habe da eine Küche, dann ziehe ich mein Regal zur Seite und habe auf einmal meinen Kleiderschrank. Fläche kann verschieden bespielt werden. Tiny Häuser sind aber keine absolute Lösung.

Was ist problematisch?

Wie ich schon sagte: Deutschland ist bebaut. Wenn wir alle in ein Tiny House ziehen, stellt sich die Frage, wo wir sie hinstellen. Und die Tiny Häuser rechnen mit einem großen Außenraum. Sie haben einen hohen Flächenverbrauch, während ein Mehrfamilienhaus über mehrere Stockwerke verfügt. Stapelung von Wohnflächen ist bei Tiny Häusern schwierig. Da gibt es nur erste Überlegungen, wie das möglich wäre. Gerade, was den Wohnraum betrifft, ist es total wichtig, dass wir uns als Gesellschaft Gedanken machen. Wie wollen wir eigentlich wohnen? Wenn die meisten über Klimaschutz nachdenken, denken sie nicht: Mist, ich lebe auf hundert Quadratmetern alleine. Wir bauen gerade massenhaft Einzimmerwohnungen zur Gewinnmaximierung. Wir haben mit dem Problem der Vereinsamung zu tun. Das merkt man aktuell ganz besonders.

Also Wohngemeinschaften – für alle, die alleine wohnen?

Es bräuchte viel mehr Zwischenformen. Es ist ja auch in der Familie schön, wenn man nicht nur in der Familie wohnt, sondern wenn da auch eine ältere Frau beispielsweise mitwohnt, die Zeit zur Verfügung hat und Gesellschaft sucht. Es gibt ja auch schon schöne Wohnprojekte, die so etwas praktizieren. Aber es gibt dazu kaum eine gesellschaftliche Diskussion. Das heißt ja nicht automatisch nur, dass jeder sein eigenes Zimmer hat und es ein gemeinschaftliches Wohnzimmer gibt. Ein innovatives Wohnprojekt kann auch bedeuten, dass es mehrere Wohnungen in einem Haus gibt und dazu Räume der Begegnung.

„Wir als Architekt*innen sind so arrogant zu denken, dass wir ein Gebäude für die Ewigkeit bauen“

Welchen Einfluss habt ihr bei konkreten Bauplänen in deutschen Städten schon ausüben können?

Wir haben das Thema nachhaltiges Bauen in die Öffentlichkeit getragen. Unsere Petition hat große Unterstützung erfahren, mehr als 50 000 Menschen haben sie unterzeichnet. Wir haben auch bei einer Anhörung im Bundestag von verschiedenen Parteien viel Zuspruch bekommen. Das Thema war immer in den Hinterköpfen. Aber es ist wichtig, dass dieses wichtige Thema jetzt in den Vordergrund kommt.

Zu den sieben Forderungen von euch zählt auch die Vermeidung von Downcycling. Was meint ihr damit? 

Wir als Architekt*innen sind so arrogant zu denken, dass wir ein Gebäude für die Ewigkeit bauen. Das stimmt aber nie, niemals. Wir müssen uns also fragen: Was passiert eigentlich mit meinem Gebäude, wenn es nicht mehr gebraucht wird? Wie viel Energie ist nötig, um es abzureißen? Wie viel Sondermüll fällt an? Um nachhaltig zu sein, muss ich die Baustoffe eigentlich wieder trennen können. Ich nenne mal ein Beispiel für Downcycling bei einem Plattenbau: Wenn ich eine Wand aus einem Gebäude ausbauen kann und woanders wieder einbauen kann, dann bleibt der Zweck derselbe, das ist gut. Wenn ich aber die Wand schreddere und die Gesteinskörnung als Straßenunterbau verwende, dann habe ich Downcycling gemacht. 

Aktuell kostet eine Tonne CO2 in Deutschland 25 Euro. Welche Konsequenzen hat die noch immer niedrige Bepreisung für die Baubranche?

Immense Auswirkungen. Bauen ist irre teuer und wenn ich irgendwo Geld sparen kann, mache ich das. Ich wurde einmal gefragt, ob wir genügend Seegras hätten, um alle unsere Dämmungen daraus zu machen. Da musste ich lachen und sagte: Und das Styropor wächst auf Bäumen oder was? Diese Baustoffe benötigen einen extremen Energieaufwand. Sie sind nur so günstig, weil sie in einer großen Masse produziert werden. Es ist so wichtig, dass der CO2-Preis da mehr reinspielt, damit Bauherren eher nach dem Geldbeutel entscheiden, wie sie bauen. Im Idealfall nutzen sie das nachhaltige Material, das günstiger ist.

Kommen wir am Ende noch auf das Büro-Bauen. In der Pandemie hat sich Home Office bewährt. Inwieweit ist das eine Chance, weniger Fläche für Bürobauten in Innenstädten zu nutzen?

Wir sind da mitten in einem Prozess. Eine Umnutzung von Büroflächen in Wohnflächen ist nicht so kompliziert. Vielleicht braucht man für das Büro nicht mehr die ganze Fläche, sondern nur die Hälfte, weil einige Angestellte im Homeoffice sind. Wir müssen kreativ damit umgehen.

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