„Dass ich abhängig bin, hätte ich vor der Kolumne niemals so ausgesprochen“

Ein halbes Jahr nach dem Ende der Kolumne „Die Kifferin“ beantwortet Protagonistin Mia eure Fragen.
Protokoll von Niko Kappel
kifferin recap cover

Foto: Yoann Boyer / Unsplash

Es ist ein halbes Jahr her, dass die letzte Folge unserer Kolumne „Die Kifferin“ erschienen ist. Weil zum Kiffen so ziemlich jede*r eine Meinung hat und die Konsument*innen in der  öffentlichen Debatte am wenigsten zu Wort kommen, haben wir ein halbes Jahr lang mit Mia über ihr Leben als Kifferin gesprochen. Sie studiert Philosophie und Kunst, ist 23 Jahre alt und kifft seit mittlerweile acht Jahren. Wir haben mit ihr über das Verhältnis zu ihren Eltern geredet, über ihr Sexleben, über Gras als Begleiter im Studium und darüber, dass die Corona-Krise sie motiviert hat, in Zukunft weniger zu rauchen. 

Nach dem Ende der Kolumne haben wir auf Instagram gefragt, was ihr noch so von Mia wissen wollt, welche Themen euch noch interessiert hätten und ob es etwas gibt, was wir in unseren Gesprächen mit Mia vielleicht ausgelassen haben. Diese Fragen haben wir ihr jetzt gestellt:

Wieso kommst du nicht vom Kiffen los?

„Hui, das ist ja eigentlich die große Frage, die sich durch die Kolumne gezogen hat. Die einzelnen Folgen geben zusammen wohl am ehesten eine Antwort. Aber ich versuche, das hier mal runterzubrechen. Erstens: Ich bin abhängig. Mental abhängig von Gras. Ich habe mir über die Jahre eine Welt aufgebaut, in der ohne Gras nichts funktioniert. Schlafen, essen, arbeiten, Sex, Freizeit, Studium. Für mich ist diese Abhängigkeit irrational, ich kann das nicht erklären. Es ist, als würde ich versuchen, Liebeskummer zu erklären. Zweitens fällt es mir generell schwer, gewohnte Dinge abzulegen. Ich habe Angst, was passiert, wenn ich aus einer Wohnung ausziehe, ich wohne schon mein Leben lang in der gleichen Stadt. Kiffen gehört so sehr zu meinem Leben, dass ich Angst vor dem habe, was passieren könnte, wenn ich aufhöre. Dass all die Dinge, die gerade funktionieren, nicht mehr funktionieren. Dass ich nicht mehr künsterisch arbeiten kann, mich nicht mehr konzentrieren oder nicht mehr einschlafen kann.“

Reflektierst du seit der Kolumne deinen Konsum stärker?

„Auf jeden Fall! Dadurch, dass ich jede Woche über einen Aspekt meines Lebens mit Gras gesprochen habe, mache ich mir viel mehr Gedanken über das alles. Ich habe es auch schon in einer Folge gesagt: Das alles schwarz auf weiß zu lesen, fühlt sich krass an. Ich denke mir jetzt nicht, ‚Oh mein Gott, so schlimm ist mein Leben‘, aber ich sehe ein, dass Gras einfach einen Einfluss auf alles hat. Positiv wie negativ. Dass ich abhängig bin, hätte ich vor der Kolumne niemals so ausgesprochen. Über das alles zu sprechen, hat mir auf jeden Fall dabei geholfen, Dinge zu ordnen.“

Hat dich das Kiffen verändert?

„Die Frage stelle ich mir selbst sehr oft. Ich bin mir sicher, dass ich ohne Gras nicht die Person wäre, die ich heute bin. Viele Eigenschaften von mir könnte man meinem Konsum zuschreiben, es kann aber auch sein, dass das meine Natur als Mensch ist. Dass ich viel ausprobiere und entspannt durchs Leben gehe zum Beispiel. Könnte am Gras liegen, es kann aber auch sein, dass ich schon immer so war und dass ich deshalb überhaupt angefangen habe zu rauchen. Wenn irgendjemand mal was erfinden würde, mit dem man sein Gehirn für einen Tag in die Vergangenheit zurückversetzen kann, dann würde ich sehr viel Geld dafür bezahlen, um eine Antwort auf diese Frage zu finden.“

Warum ist Kiffen für dich so ein riesiges Thema?

„Es ist schrittweise, über die Jahre, zu einem riesigen Thema geworden. Zuerst, mit 15, habe ich Gras geraucht, um mich in meinem Freundeskreis zu profilieren. Dann habe ich weiter geraucht, weil ich die Wirkung mochte. Danach bestand mein Freundeskreis nur noch aus kiffenden Menschen, es gab daher wenig andere Themen. Ich denke, das ist leider eine klassische Drogen-Biografie. Man rutscht immer tiefer rein. Heute ist es ja so, dass ich mir viele Dinge, wie Schlaf, Kunst oder Sex ohne Gras nicht mehr vorstellen kann. Deshalb ist und bleibt es ein riesiges Thema, weil ich glaube, dass mein Leben, so wie es jetzt gerade ist, ohne Gras nicht funktioniert.“

Du hast dir ja vorgenommen, während der Corona-Pandemie weniger zu kiffen. Klappt das?

„Ich habe es versucht und bin leider krachend gescheitert. Am Anfang dachte ich ja, dass die Corona-Krise dahingehend für mich echt eine Chance ist. Leider war es dann so, dass ich nicht mehr arbeiten gehen konnte und nur noch Online-Vorlesungen hatte. Da wird einem schnell langweilig und Langeweile ist der größte Trigger, was Gras angeht. Weil nichts langweilig wird, wenn man high ist. Deshalb habe ich wohl nach ein paar Tagen Lockdown viel mehr gekifft als noch zu Anfang der Krise, als ich aufhören wollte. Ich wette, dass die Konsumzahlen von Gras in der Zeit genauso explodiert sind wie die Klicks auf Netflix. Das war mein Lockdown: Tiger King und Joints.“

Wie kamst du in der Zeit der Kontaktbeschränkungen an Gras?

„Ich habe einen guten und verlässlichen Dealer, der direkt in der Nachbarschaft wohnt. Als klar war, dass das mit dem Aufhören nichts wird, bin ich zu ihm rüber und hab mir einen großen Vorrat geholt. Ich hatte Angst, dass ich irgendwann auf dem Trockenen sitze. Deshalb bin ich auf Nummer Sicher gegangen und habe mich für die nächsten zwei Monate eingedeckt. Danach kamen die Lockerungen und man durfte sich wieder treffen. Dahingehend hatte die Corona-Pamdemie also keinen großen Einfluss auf mich.“

Machst du dir Gedanken darüber, was das Kiffen langfristig mit dir macht?

„Ja. Jeden Tag eigentlich. Ich lerne gerade für eine wichtige Prüfung im Studium und muss deswegen jeden Tag aufstehen und mich an den Schreibtisch setzen. Diese Struktur hilft mir krass. Wenn ich nämlich nichts zu tun habe, liege ich bis 14 Uhr im Bett. Beim Lernen merke ich oft, dass mein Kopf nicht so funktioniert, wie er funktionieren sollte. Da werde ich traurig, weil ich denke, dass ich vielleicht nie wieder zu kognitiver Hochleistung komme, weil ich mich früher immer so schlimm rausgekifft habe. Heute rauche ich ja viel weniger, aber eben immer noch. Ich bin einen Schritt weiter gekommen. Ich konsumiere nicht mehr, um mich zu betäuben, sondern um kreativ zu sein, zu schlafen, gegen Regelschmerzen und zur Entspannung. Bewusster zu konsumieren, ist ein erster Schritt. Und dabei hat mir geholfen, dass ich für die Kolumne jede Woche darüber sprechen konnte. Deshalb: nochmal vielen Dank!“

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