Horror-Party: Vom Tinderdate in einer fremden Stadt zurückgelassen

Ein Tinderdate auf einer lockeren Party kennenlernen, klingt nach einer super Idee. Ist es aber nicht unbedingt.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Man vergisst leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grässlich langweilige Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de!

Horrorstufe: 8 von 10

Center of Attention: Duisburg

Trinkverhalten: Erst um Pegel bemüht, dann zur Vollbremsung gezwungen

Das Wochenende stand an, ich hatte Bock, was zu erleben – aber keine Pläne. Also stellte ich meinen Tinder-Radius von zehn Kilometern auf etwa 16 Kilometer. Das reichte nämlich von meinem Dorf bis Düsseldorf. Nach dem Bachelorpraktikum war ich vor etwa fünf Jahren ins Rheinland zurückgekommen und wieder bei Mama in mein Kinderzimmer gezogen. 

Match! Sie war blond, groß für eine Frau, aber knapp kleiner als ich. Ich erinnere mich heute nicht mehr an ihren Namen, aber an ihre Locken, und dass sie schlagfertig war. Sie gefiel mir. Ich war Single und eine heiße Frau offensichtlich interessiert, also Vollgas.

Was machst du am WE? – Nix, und du? – Ich geh in Duisburg mit Freundinnen feiern, komm doch mit! Etwa das schrieben wir miteinander.

Ich weiß noch, dass ich dann doch kurz zögerte: Willst du wirklich nicht nur eine Frau daten, sondern ihre Freundinnen gleich mit? Andererseits hatte ich nichts vor, und wie gesagt: Bock. Vor allem aber wollte ich nicht kneifen. Es gab nur ein Problem: „Wo kann ich denn pennen? Ich will echt nicht aufdringlich sein, aber ich müsste mit dem Auto kommen und besoffen fahre ich nicht“, schrieb ich. „Du kannst bestimmt bei meiner Freundin pennen“, schrieb sie, „wir treffen uns da zum Vorsaufen und schlafen alle da.“

Mein Love Interest scherte sich erstaunlich wenig um mich

Also setzte ich mich abends in meinen Renault Twingo und fuhr die 45 Minuten nach Duisburg, wo sie wohnte. Ich stellte das Auto vor der WG ihrer Freundin ab. Einmal noch durchgeatmet, „Du bist ein cooler Typ!“, Bauch rein und Brust raus. Ich klingelte.

In der Wohnung blieb von meinem Selbstbewusstsein nicht viel. Ich versuchte, besonders lässig rüberzukommen, aber auch höflich: „Wie heißt du nochmal? Ahja, ich versuch mein Bestes, mir von euch allen die Namen zu merken!“ Ich setzte mich auf ein Kissen am Boden, um mich herum ungefähr acht lachende fremde Frauen auf der Couch und den Stühlen. Freundlich versuchten sie mich in ihre Gespräche einzubinden. Bloß, mein Love Interest scherte sich erstaunlich wenig um mich. In der ersten Stunde wechselten wir vielleicht drei Sätze miteinander. Ich wusste nicht wohin mit mir.

Irgendwann ging es endlich Richtung Club. Meine Hoffnung war, dass sich mit dem Ortswechsel auch  zwischen mir und meinem Date etwas verändern würde. Ich erinnere mich an crazy Licht, hohe Decken und fast genauso hohen Eintritt. Aber ich musste bald einsehen: Entweder ist sie wegen ihrer Freundinnen super verkrampft – oder sie findet mich einfach scheiße. Hier geht heute nix. Ich gab eine Runde Bier aus, trank aber nicht mehr jeden Schnaps mit.

So hart gekorbt wurde ich nie zuvor und auch nie mehr danach

Wir waren vielleicht eine Stunde da. Und dann ging sie. Keine Verabschiedung von mir, nicht einmal ein Blick. Ich sah noch, wie sie kurz mit einer Freundin tuschelte und dann in Richtung Ausgang ging. Ich fragte die Freundin, was los ist: Sie kenne da so einen Typen, der warte draußen. Ich ging hinterher, wollte sie fragen, ob das vielleicht ihr Freund ist oder wenigstens ihre Affäre und ob sie mich deshalb seit Stunden links liegen lässt.

Draußen vor dem Club stand ein fetter, weißer SUV mit dunklen Felgen. Ein älterer Mann beugte sich vom Fahrersitz rüber und öffnete die Beifahrertür. Mein Tinder-Match stieg ein. Das Auto raste davon. Ratlos stand ich vor dem Club. So hart gekorbt wurde ich nie zuvor und auch nie mehr danach.

Wieder drinnen fragte ich ihre Freundin: „Was war das gerade?“ „Die zwei kennen sich schon länger“, sagte sie, der ältere Mann schreibe ihr manchmal und hole sie dann vor dem Club ab – wohl so ein Sugardaddy-Ding. 

Nun stand ich also angetrunken in Duisburg, mit einer Gruppe Frauen, die ich nicht kannte, die mich nicht kannten, und die auch nicht vorhatten, das zu ändern. Ich war verzweifelt und bettelte die Freundin an, ob ich wenigstens in der WG schlafen könne: „Ich weiß, ist schräg, ein fremder Typ in deiner Bude. Aber ich will nicht besoffen fahren oder im Auto pennen. Bitte.“ Keine Chance.

Angepisst holte ich an der Garderobe meine Jacke und haute ab zum Auto. Am Kiosk kaufte ich noch eine große Flasche Wasser. Im Auto drehte ich meinen Sitz so weit zurück, wie es ging und versuchte zu schlafen. Natürlich ohne Erfolg. Irgendwann musste ich sogar lachen: Was für eine Wurst bin ich nur?! Ich wollte einfach nur noch in mein Bett. Aber ich hatte auch keine Lust, den Führerschein zu verlieren. Ich trank die ganze Flasche Wasser. Als mir nach einer Stunde langsam kalt wurde, reichte es. Ich drehte den Schlüssel um und fuhr durch die Nacht nach Hause.

*Der Autor dieser Geschichte möchte gerne anonym bleiben, weil er betrunken Auto gefahren ist, und heute lieber anonym darüber lacht, wie verzweifelt er damals war.

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