Horror-Party: Die Sauffahrt, die auf der Polizeiwache endete

Diese Party endete für unseren Autoren weniger lustig als erwartet.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Man vergisst leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grässlich langweilige Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de! 

Horrorstufe: 7 von 10

Center of Attention: Lutz, der Fahrerflüchtige

Trinkverhalten: Zwischen ehrlichem Durst und Gruppenzwang

Meine Eltern hatten ein uriges Steinhäuschen in einem winzigen italienischen Bergdorf gebucht, gezahlt – und wurden dann ein paar Tage vorher krank. Auftritt 22-jähriges Ich. Ich fuhr alleine nach Ligurien, um den Urlaub zu übernehmen. Denn: Wenn ein Esel bei mediterraner Abendstimmung umfällt und keiner ist da, um ihn zu fotografieren – fällt er dann überhaupt? Eben. Ich war im Dorf die einzige touristische Präsenz und kam mir vor wie Goethe auf Italienreise. Stille Beobachtungen des ländlichen Rhythmus’, besonnene Lektüre bei Antipasti und gutem Roten, charmante Wortwechsel mit den Dorfbewohner*innen, die so taten, als wäre mein Italienisch irgendwie erträglich. Diese feingeistige Ich-Zeit dauerte drei Tage. Dann kamen meine grölenden, furzenden, saufenden Freunde.

Wer hat am wenigsten Respekt vor sich und der Welt?

Ich hatte sie großspurig eingeladen, nachzukommen und sie kamen. Wir waren sechs übermütige, deutsche Jungmänner im Ausland, die noch ganz die Gruppendynamiken der Schulzeit verinnerlicht hatten – wir befanden uns also in einem ständigen spielerischen Kampf um die Gruppenhierarchie: Wer macht den dreistesten Witz? Wer erzählt die vulgärsten Sex-Geschichten? Wer springt von der Veranda auf das Dach der alten Kirche nebenan? Wer küsst den Esel? Wer zieht den Grappa durch die Nase? Kurz: Wer hat am wenigsten Respekt vor sich und der Welt?

Schon am zweiten Abend stellte sich raus, dass das Konzept eines einsamen Bergdorfes nur bedingt auf die Ansprüche eines Rudels feiergeiler Saufboys ausgerichtet ist. Wir beratschlagten, ob man noch eine Stunde durch die Berge runter an die Küste und in die nächstgrößere Stadt fahren sollte, um dort andere junge Menschen mit unserer Gesellschaft zu beglücken. Währenddessen tranken wir große Mengen einer gottlosen Rotwein-Grappa-Fanta-Mische. Das Ganze endete in dem Entschluss, dass der Fahrer per Schere-Stein-Papier ermittelt werden sollte. Das Turnier zog sich dann nochmal eine Stunde lang hin und alle wurden immer blauer. Zum Schluss waren nur Lutz* und ich übrig. Es ging um alles. SCHERE … STEIN … PAPIER! Lutz: Papier, Ich: Schere. Schnippi-Schnappi. Ich war sehr glücklich.

Wir grölten, bis die Türen aufgerissen und Maschinenpistolen auf uns gerichtet wurden

Betrunken Auto fahren war in unserem Kreis damals schon lange kein Tabu mehr. Das hier war nur der nächste Schritt. Lutz war ziemlich nervös, wusste aber, dass er keinen Rückzieher machen konnte. Man hätte ihn SCHLAFFI! SCHLAFFI! genannt. Das wäre schlimm gewesen. Außerdem war zu diesem Zeitpunkt alles unfassbar lustig und krass. Und es war ja quasi ausgeschlossen, dass es hier oben in dieser Wildnis willkürliche Polizeikontrollen gab. Wir quetschten uns also mit Wodka und Primitivo zu sechst in den Fünfsitzer und fuhren mit Pauken und Trompeten aus dem Dorf hinaus. Nach fünfzehn fröhlichen Minuten Fahrt durch die Nacht hielt Lutz mit einem Ruck an und schrie: „Fuck, da vorne ist ne Polizeikontrolle!“

Kurze Verwirrung, dann die Gewissheit: 100 Meter vor uns standen zwei Polizeiautos links und rechts der Straße. Lutz fuhr schnell rechts ran, riss dann die Tür auf, sagte „Die kriegen mich nicht!“ und rannte einfach die Böschung neben der Straße hoch und in die Bergwälder. Wir grölten, lagen quer übereinander und gossen uns gegenseitig Primitivo in die grölenden Mäuler, bis die Türen aufgerissen und Maschinenpistolen auf uns gerichtet wurden: „CHIUDETE QUELLA CAZZO DI BOCCA STRONZI!!! (sinngemäß: Haltet die Fresse ihr kleinen Scheißer).

Die Carabinieri hatten gesehen, wie Lutz in den Wald gerannt war, zwei von ihnen waren ihm mit gezogenen Waffen nach und die anderen zerrten uns jetzt aus dem Auto: In eine Reihe! Hände hoch! Umdrehen! Sie hatten gewaltige Taschenlampen dabei, mit denen sie uns blendeten, während alle nacheinander gefilzt wurden. Wir waren zwar geschockt, aber auch zu verwirrt und betrunken, um wirklich Angst zu haben und vereinzelt kam immer wieder Kichern auf. Worauf aggressive Beleidigungen der Polizisten folgten.

Sie beschlagnahmten unser Auto

Ihr Hass auf diese respektlosen, deutschen Sauf-Ratten war grenzenlos. Obwohl die meisten von uns ein bisschen Italienisch in der Schule gelernt hatten, machte nur ich den Fehler, irgendwas zu sagen. Anders als die netten Dorfbewohner*innen machten sie schmerzhafte Witze über meine Sprachkenntnisse. Zwei von ihnen steckten mich in ein Auto und ich musste sie zu unserer Ferienwohnung im Dorf bringen, damit sie unsere Ausweise konfiszieren konnten. Als wir dort waren, schloss ich auf und die beiden fingen sofort an, unter Flüchen unser Gepäck auf den Boden zu schütten. Ich sagte mit Piepsstimme sowas wie: „Pardon … aber dürfen Sie das denn?“ Die Antwort: „Halt’s Maul, testa di cazzo!“ Aber natürlich, gerne, Signore ... Hauptmann … Capitano …

Wir fuhren zurück zu den anderen, und sie beschlagnahmten nicht nur unsere Ausweise, sondern auch unser Auto. Wir würden es nur zurückbekommen, wenn wir den flüchtigen Fahrer morgen früh auf ihrer Wache ausliefern würden. Den hatten sie tatsächlich nicht erwischt. Dann waren sie weg. Das Kichern war uns mittlerweile vergangen und wir liefen verstört und immer noch aufs Ärgste betrunken eine Stunde bergauf ins Dorf zurück. Unterwegs wurde uns auch klar, dass unsere Abfahrt wohl nicht besonders subtil gewesen war und irgendjemand im Dorf der Polizei Bescheid gesagt haben musste.

„Danke, Gott, dass ich Italiener bin“

Am nächsten Morgen tauchte Lutz auf, der sich scheinbar erfolgreich vor den beiden Carabinieri auf einem verlassenen Friedhof versteckt und dort die Nacht ausgeharrt hatte. Er war bereit, sich zu stellen und legte sich folgende Aussage zurecht: Er habe aufgrund traumatischer Erfahrungen in frühester Kindheit beim Anblick der Maschinenpistolen Panik bekommen und sei deshalb weggerannt. Betrunken sei er aber natürlich nicht gewesen. 

In der Polizeiwache wartete der finster guckende Oberchef auf uns. Hinter ihm hing eine riesige italienische Flagge an der Wand mit der Aufschrift: „Danke, Gott, dass ich Italiener bin.“ Lutz' Erklärung machte ihn sehr wütend. Man wolle uns hier nicht im schönen Ligurien. Wir sollen gefälligst nach Mallorca, wie alles deutsche Billo-Touristen-Pack. Dann Klartext: Alkohol am Steuer könne man uns zwar nicht nachweisen. Aber 400 € für das Überfahren eines Seitenstreifens, ohne den Blinker zu setzen – oder das Auto bleibe hier. Es gab in den ganzen Bergen keinerlei Seitenstreifen. Sie grinsten. Wir zahlten. 

Und wie das so ist bei selbstgerechten kleinen Stronzis, die glauben, sie seien unter allen Umständen die Helden ihrer Geschichten, waren in der Folklore unserer Clique auch immer wir die mutigen jungen Draufgänger und die Carabinieri die Bösewichte – korrupte, leicht rechte Provinzbullensch****e. Erst Jahre später hatte einer von uns scheinbar genug Reife erlangt und sagte, dass wir privilegierten Wichtigtuer damals eigentlich ziemlich verantwortungslos gewesen waren und wie leicht wir oder einer der Dorfbewohner*innen durch uns hätte ums Leben kommen können. Und: dass wir eigentlich Glück gehabt hätten, dass jemand die Polizei benachrichtigt hatte. SCHLAFFI! SCHLAFFI!

*Damit seine Tat den mittlerweile geläuterten Fahrer nicht für immer jagt, hat die Redaktion seinen Namen geändert.

  • teilen
  • schließen