Trans Menschen, wie erlebt ihr Berichterstattung über euch?

Häufig gendern Medien falsch oder nennen prominent frühere Namen, wie zuletzt nach dem Coming-out des Schauspielers Elliot Page. Das kann viel kaputt machen.
Von Sophie Aschenbrenner und Gen Eickers
querfragen trans berichterstattung cover

Medien berichten vor allem über trans Menschen, wenn sich jemand öffentlich outet – wie zuletzt Elliot Page. Dabei passieren aber auch viele Fehler.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe trans Menschen, 

das Internet überschlug sich, als der Schauspieler Elliot Page vergangene Woche auf Instagram bekannt gab, dass er trans ist. So gut wie alle großen Zeitungen und Online-Magazine berichteten mit Artikeln und auf ihren Social-Media-Kanälen. Der Name Elliot Page trendete auf Twitter. Nicht nur viele Menschen aus der queeren Community freuten sich, dass sich eine so bekannte Person öffentlich als trans geoutet hat. 

Mindestens so laut wie der Jubel und die Solidarität mit Elliot Page war aber auch die Kritik an der Berichterstattung über sein Coming-out. Sie wurde als unsensibel bezeichnet, oder auch schlicht als falsch. Besonders auffällig war, dass so gut wie alle Medien den Deadname – also den alten Namen von Elliot Page – in der Überschrift verwendeten. Andere nutzten durchgehend weibliche Pronomen. 

In den meisten Medienhäusern arbeiten keine Menschen, die offen trans sind. Das wirkt sich auf die Perspektive der Texte aus 

Ich denke, dass da zwei Dinge eine Rolle spielen. Erstens: In den meisten Medienhäusern arbeiten vor allem cis Menschen, also Menschen, die sich mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Ich persönlich habe noch nie in einer Redaktion mit einem*einer festangestellten Journalist*in zusammengearbeitet, der*die offen trans ist – nicht bei der Lokalzeitung, nicht beim Kunstmagazin, nicht in einer Online-Redaktion, nicht im Print-Ressort einer überregionalen Tageszeitung. Das bedeutet natürlich nicht, dass in diesen Redaktionen nicht vielleicht Menschen arbeiten, die eben nicht offen trans sind, sondern auf ein Coming-out am Arbeitsplatz verzichten. Dennoch werden die meisten Texte aus einer cis Perspektive geschrieben, und das ist ein Problem.

Zweitens, und das geht damit einher: Für viele Redakteur*innen ist die Berichterstattung über trans Menschen noch immer die Ausnahme. „Dass über Transgeschlechtlichkeit oftmals leider wenige Kenntnisse vorliegen, hält Personen, in der Regel cisgeschlechtliche Menschen, nur selten davon ab, falsche Aussagen zu treffen“, schreibt die trans Autorin Felicia Ewert in ihrem Buch „Trans.Frau.Sein“. Sie hat recht. Viele fühlen sich unsicher, informieren sich wenig – und machen dann Fehler. 

Fehler passieren. Doch ich kann mir vorstellen, dass viele unserer Fehler euch trans Menschen wehtun. Deswegen: Wie nehmt ihr die Berichterstattung über euch wahr? Welche Fehler passieren immer wieder – und wie können sie ganz einfach vermieden werden? 

Danke. 

Eure cis Menschen 

Die Antwort:

Liebe cis Menschen,

zunächst möchte ich deutlich machen, dass die Perspektive, aus der ich schreibe, nicht für alle trans Personen spricht, da ich eben nur eine trans Person mit einer spezifischen Perspektive und spezifischem Wissen bin. 

Das ist schon der erste Punkt, der mir bei der Berichterstattung über trans Menschen auffällt: Medien suchen sich oft einzelne trans Personen – die aus irgendeinem Grund in der Öffentlichkeit stehen (zum Beispiel bekannte Sportler*innen, die sich geoutet haben, oder Personen, die in den sozialen Netzwerken aktiv sind) – heraus und lassen diesen sehr viel Aufmerksamkeit zukommen. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass die in den Medien repräsentierten trans Personen für alle trans Personen sprechen. Das ist ein Problem. In der Berichterstattung wird sehr selten angesprochen, dass trans Personen vielschichtige und unterschiedliche Perspektiven einbringen – auf trans sein, auf Geschlecht, auf den Umgang mit Diskriminierung, auf sämtliche Lebens- und Gesellschaftsbelange. Trans Personen sind keine homogene Masse, sondern Individuen. Als diese werden sie zu selten gesehen.

Im Moment des Misgenderns wird die misgenderte Person nicht als sie selbst gesehen

Wie du richtig beschreibst, kommt es in der medialen Berichterstattung über trans Personen – insbesondere, wenn es um ein trans Coming-out geht – sehr oft vor, dass der alte Name (Deadname) der trans Person und die alten bzw. falschen Pronomen benutzt werden. Die Person wird also misgendert: Das bedeutet, dass sie durch Sprache einem falschen Geschlecht zugeordnet wird. Das ist eine Form von Diskriminierung, die trans Personen sehr häufig erleben – manchmal wird absichtlich in dieser Form diskriminiert, um der trans Person z.B. das trans Sein (oder zum Beispiel das Mann/Frau/nicht-binär Sein) abzusprechen; häufig wird aber auch aus Unwissenheit oder Gewohnheit heraus misgendert. Obwohl es unterschiedliche Arten und Grade des Misgenderns gibt, bleibt Misgendern eine Praxis, die trans Personen verletzt und ihnen schadet: Im Moment des Misgenderns wird die misgenderte Person nicht als sie selbst gesehen.

Die mediale Berichterstattung obliegt hier einer besonderen Verantwortung, denn: Medien sind ein maßgebliches Element einer Demokratie und tragen zur (Weiter-)Bildung der Gesellschaft bei. Wenn die mediale Berichterstattung über trans Personen zum Großteil trans Personen misgendert, signalisiert das der Gesellschaft, dass misgendern okay sei, und bildet die Gesellschaft mit dazu aus, dass es in Ordnung sei, derart über trans Personen zu sprechen. Journalist*innen haben hier eine Vorbildfunktion, die nicht zu unterschätzen ist.

Als „Deadname“ (zu Deutsch „toter Name“) wird der Name bezeichnet, der einer Person nach der Geburt zugewiesen wurde, der aber im Laufe der Transition abgelegt wird. Mit dem Deadname werden typischerweise Erinnerungen und Lebensformen verbunden, die mit der (neu) gefundenen Identität nicht mehr vereinbar sind. Mit dem alten Namen geht oft auch eine Geschlechtlichkeit einher, die nicht zum eigentlichen Geschlecht der Person passt. Der Name wurde zugewiesen unter der Annahme, dass die Person männlich oder weiblich ist. Wenn sich aber herausstellt, dass diese Annahme über das Geschlecht der Person falsch ist, folgt hieraus auch sehr oft, dass auch der zugewiesene Name nicht passt. Infolgedessen wählen trans Personen einen anderen Namen und legen den alten Namen ab. 

Wenn Medien diesen alten Namen dennoch nennen, ist das problematisch. Denn mit dem alten Namen ist oft eine emotionale Geschichte verbunden. Mit dem Ablegen des alten Namens kann man sich ein Stück weit von der Geschlechtlichkeit, die einem aufgedrängt wurde, wegbewegen. Man macht sich im Moment des Ablegens eines Namens also von etwas frei. Das Ablegen eines Namens bedeutet auch unmittelbar, dass man einen neuen Namen gefunden hat, der die eigene Person – inklusive dem eigenen Geschlecht – besser widerspiegelt als der Name, der einem basierend auf falschen Annahmen über das Geschlecht zugewiesen wurde.

Falsche und unsensible Berichterstattung belastet uns trans Personen dauerhaft 

Wenn Medien (oder andere Personen) den alten Namen einer trans Person verwenden, ist das  erstens faktisch nicht korrekt, da dieser Name nicht der Name der Person ist. Wenn sich eine Person als „Max“ vorstellt, du diese Person aber „Tim“ nennst, ist das ein sprachlicher Fehler. Zweitens hat dieser Fehler auch eine ethische Komponente: wie beschrieben, entscheiden sich viele trans Personen bewusst zum Ablegen des zugewiesenen Namens. Dieser Prozess ist komplex und kann psychisch belastend sein. Die Entscheidung, den zugewiesenen Namen abzulegen, wird im Moment des Misgenderns – also des Nennens des alten Namens oder der falschen Pronomen ­– aberkannt. Der trans Person wird also in diesem Moment die Möglichkeit genommen, sie selbst zu sein.

Als trans Person dieser scheinbar willkürlichen medialen Berichterstattung ausgesetzt zu sein – ob nur als Konsument*in oder Person, um die es in den jeweiligen Berichten geht – stellt eine psychische und emotionale Belastung dar. Auch in Deutschland ist die gesetzliche und gesellschaftliche Lage für trans Personen nicht so, dass es keine strukturelle Diskriminierung (mehr) gibt. Nach wie vor finden sich trans Personen immer wieder in Situationen, in denen sie hinterfragt werden – ein Beispiel ist hier die Abhängigkeit von Ärzt*innen: wenn trans Menschen sich zum Beispiel eine Hormonersatztherapie wünschen.

Wie du ansprichst, findet sich strukturelle Diskriminierung auch in der Berufswelt wieder: Oftmals sind gar keine bis sehr wenige trans Personen in spezifischen Berufsfeldern unterwegs oder sie sind unsichtbar. Davon sind auch Redaktionen nicht befreit. Wenn also mediale Berichterstattung zum Großteil von cis Personen durchgeführt wird, haben diese cis Personen die besondere Verantwortung, sich Wissen und Sensibilität anzueignen, um sowohl faktisch richtig als auch ethisch angemessen über trans Personen berichten zu können. Hierfür ist sicherlich der Austausch mit trans Personen wichtig. Doch Journalist*innen sollten auch sensibel dafür sein, dass Austausch nicht bedeutet, mit nur einer trans Person zu sprechen, sondern dass Austausch und Reflektion mehrdimensionale, langwierigere Prozesse sind.

Eine trans Person

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