„In Tunesien hatte ich eine Freundin und trank regelmäßig Alkohol“

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne „Sex auf arabisch“ reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland. Abdel*, 29, kommt aus Tunesien und arbeitet als Ingenieur in München. Er erzählt:

„Die meisten Deutschen denken, dass man in Tunesien keinen Alkohol trinkt und Sex vor der Ehe ein No-Go ist. Doch das stimmt nicht: In Tunesien kann man im Club Alkohol trinken und es gibt viele unverheiratete Paare, die Sex haben. Ich bin Muslim und hatte in Tunesien eine Freundin und trank regelmäßig Alkohol. Trotzdem änderte sich mein Leben schlagartig, als ich mit neunzehn nach Deutschland gezogen bin: Anstatt nachts mit Freunden feiern zu gehen, blieb ich lieber allein zu Hause. Anstatt Alkohol zu trinken, lernte ich jeden Tag für die Uni. Denn in meinen ersten Jahren in Deutschland hatte ich nur ein Ziel: Ich wollte der beste Student meines Jahrgangs werden. Bis ich lernte, dass mich das allein nicht glücklich macht.

Ich bin in einer tunesischen Großstadt aufgewachsen. Mein Vater hat in England studiert, meine Mutter in Frankreich. Wie viele andere junge Menschen in Tunesien bin ich quasi europäisch sozialisiert worden. Auch deshalb ist ein Großteil der tunesischen Gesellschaft nicht besonders konservativ oder religiös. Ich glaube sogar, dass es in Tunesien als Mann leichter ist, Sex mit Frauen zu haben als in Deutschland. Zumindest für solche, die sich die Partys in den teuren Clubs leisten können. Dort passiert es ganz oft, dass Liebepaare, aber auch völlig Fremde,  miteinander rumknutschen. Sowas geschieht allerdings normalerweise nur im Club, nicht auf der Straße. Denn fürs öffentliche Knutschen gibt es in Tunesien eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten. Anders als ein Großteil der tunesischen Gesellschaft, sind die Gesetze in Tunesien oft sehr konservativ.

Meine erste Freundin hatte ich mit fünfzehn. Sie war damals zwölf. Wir blieben vier Jahre lang zusammen, hatten aber keinen Sex. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil wir beide warten wollten, bis sie volljährig wird. Als es dann so weit war, hatte ich mich bereits von ihr getrennt. Der Grund: Ich war mit 19 zum Studieren nach Deutschland gezogen und hatte kaum noch Zeit für sie. Denn ich musste jeden Tag für die Uni lernen. In meinem letzten Jahr an der Schule in Tunesien waren meine Noten so gut gewesen, dass die tunesische Regierung mir ein Stipendium für ein Studium an der TU München im Fach Elektrotechnik verliehen hatte.

„Zum Glück hatte ich keine besonderen Erwartungen an meinen ersten Sex“

Dieses Stipendium galt allerdings nur für ein Jahr und wurde nur um ein weiteres Jahr verlängert, sofern mein Notenschnitt besser als 1,3 war. Also lernte ich die nächsten drei Jahre jeden Tag für mein Studium. Sieben Tage die Woche, meistens bis zehn, elf Uhr abends. Lernpausen machte ich damals nur zum Joggen oder Essen, auf Partys ging ich nicht mehr. Ich musste auch deswegen so viel lernen, weil mein Deutsch damals nicht so gut war. Für eine feste Freundin blieb da einfach keine Zeit mehr.

Obwohl ich in meinen ersten drei Jahren in Deutschland keinen Sex und nur eine Handvoll Freunde hatte, vermisste ich nichts. Ich konzentrierte mich zu sehr auf mein Ziel, der Beste meines Jahrgangs zu werden. Das ist mir beinahe gelungen: Mein Studium habe ich mit der Note 1,1 abgeschlossen, damit gehörte ich zu den besten drei Prozent. Dennoch merkte ich nach meinem Abschluss, dass es Dinge im Leben gibt, die wichtiger sind als Noten. Und dass man ganz schön was verpasst, wenn man seinen Kopf die ganze Woche lang in Bücher steckt.

Als ich nach meinem Bachelor endlich mehr Freizeit hatte, nutzte ich diese, um wieder Feiern zu gehen. Ich wieder auf Hauspartys und in Clubs. Dort entdeckte ich eine Welt, die ich schon aus Tunesien kannte. Eine Welt, in der jede Menge Alkohol getrunken wird. Das ist mir als Muslim zwar verboten. Aber wie viele andere Muslime trinke ich trotzdem, auch wenn ich weiß, dass es eigentlich falsch ist. Auf den Partys lernte ich plötzlich eine Menge neuer Freunde kennen. Auch die Frau, mit der ich mein erstes Mal hatte, habe ich auf einer Party kennengelernt. Besonders magisch war diese Nacht nicht. Ehrlich gesagt, kann ich mich kaum an sie erinnern. Dafür war ich viel zu betrunken. Zum Glück hatte ich keine besonderen Erwartungen an meinen ersten Sex. So konnte er mich auch nicht enttäuschen.

„Ich fühle mich nicht frei, wenn ich zu viele Verpflichtungen habe“

Als ich meinen Master in München in Energietechnik begann, feierte ich weiter, zumindest an den Wochenenden. War ich in meinem alten Leben noch um acht Uhr früh aufgestanden, um den ganzen Sonntag für die Uni zu lernen, wankte ich nun um dieselbe Uhrzeit nach Hause und schlief den ganzen Tag. In dieser Zeit habe ich auch meine erste deutsche Freundin kennengelernt. Obwohl wir eigentlich gut zusammengepasst haben, hielt die Beziehung nur zwei Monate. Ich glaube, ich bin einfach nicht der Typ für eine klassische Beziehung. Ich fühle mich nicht frei, wenn ich zu viele Verpflichtungen habe. Meinen Master habe ich trotz meiner durchzechten Wochenenden mit 1,0 abgeschlossen, diesmal endlich als Bester meines Jahrgangs.

Trotzdem habe ich mir nach meinem Abschluss die Frage gestellt, was für ein Leben ich leben möchte. Ein Leben, in dem ich das ganze Wochenende durchzeche, oder ein Leben, in dem ich mit guten Freunden über Philosophie diskutiere? Mit meinen Partyfreunden konnte ich das nämlich nicht. Also suchte ich mir neue Freunde. Mit ihnen kann ich endlich stundenlang über Gott und die Welt diskutieren. Über Tunesien reden wir nur selten. Denn woher ich komme ist ihnen zum Glück völlig egal. Das wünsche ich mir auch von meiner zukünftigen Freundin: Dass meine Herkunft für sie kein Thema ist. Und dass sie akzeptiert, dass ich auch in einer Beziehung meine Freiheit brauche.

*Abdel will seinen richtigen Namen nicht im Netz lesen, deswegen haben wir ihn geändert. Der Redaktion ist der richtige Name aber bekannt.

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