Wie ich drei Wochen in der stationären Psychiatrie erlebt habe

Illustration: Adobe Stock; Bearbeitung: jetzt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Disclaimer: Dieser Text spiegelt die subjektiven Erfahrungen einer jungen Frau in einer Psychiatrie wider. Erlebnisse dieser Art können nicht verallgemeinert werden, der Umgang mit Erkrankungen ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Auch der Blick von Patient*innen auf den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik ist unterschiedlich. Viele  profitieren davon. Wenn du dich selbst von Depressionen oder Suizidgedanken betroffen fühlst, kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Den allermeisten Menschen mit Depressionen kann geholfen werden. Deshalb ist es wie bei jeder anderen Erkrankung entscheidend, sich rasch professionelle Hilfe zu holen.

Kathi* hat Panikattacken. Philipp* hat chronische Schmerzen an Auge, Nase und Mund – ihm tut alles weh, beim Sehen, Riechen und Sprechen. Simon* hat Depressionen und Existenzängste, seine Freundin hat ihn bereits elf Mal betrogen. Milena* hat Schizophrenie und eine sehr ausgeprägte Zwangsneurose. Sie ist fast schon katatonisch, Mimik und Gestik sind nicht mehr vorhanden. Wenn sie spricht, bewegen sich nur ihre Lippen, der Rest bleibt starr, manchmal sieht sie aus wie ein Geist. Lisa* hat vieles. Sie isst kaum etwas, leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, selbstverletzendem Verhalten und Depressionen. Thomas* hat soziale Phobie. In seiner ersten Morgenrunde gab es deswegen gleich Streit, weil er nichts sagen wollte, er verließ wütend und genervt den Raum. Marina* hat Depressionen und ist Nymphomanin. Sie ist das Küken auf unserer Station. Und ich? Bei mir vermuten sie eine bipolare Störung. Vom extremen Hoch ins extreme Tief und umgekehrt.

Wir sind alle hier wegen einer Diagnose. Einem Wort, das unser Leben verändert hat. Wir sind hier, um es wieder in den Griff zu bekommen, um draußen in der großen weiten Welt wieder zu funktionieren, wieder ins System zu passen. Das verbindet uns. Es ist nicht mein erster Aufenthalt in einer Psychiatrie. Vergangenen Winter war ich bereits drei Monate in teilstationärer Behandlung wegen einer schweren Depression. Die Tagesstruktur in der Klinik (mit Ergotherapie, Holztherapie, Sport, Yoga, Einzelgesprächen, Gruppentherapie, Achtsamkeitsübungen) und der Zusammenhalt zwischen den Patienten halfen mir, wieder auf die Beine zu kommen. Ich konnte Aufgaben übernehmen, für die Station kochen und backen und hatte mich wieder im Griff. Meine Stimmung wurde besser und ich war so stabil, dass ich Mitte Februar entlassen werden konnte.

Mein Freund trennte sich von mir, weil ich so verändert war

Doch so sollte es nicht lange bleiben. Anfang April ging es mir wieder viel zu gut. Ich war aufgedreht, komplett verändert, hatte 1000 Ideen, war sehr selbstbewusst und fühlte mich unglaublich stark. Ich hatte das Gefühl, alles schaffen zu können. Mir selbst war das gar nicht so bewusst, doch mein Umfeld, meine Familie, meine Freunde und mein damaliger Freund schlugen Alarm. Ich wollte nicht einsehen, dass etwas mit mir nicht stimmt, dass ich krank sein könnte, mir ging es ja gut. Meine Eltern bestanden darauf, dass ich mich wieder stationär in Behandlung begab, doch ich fühlte mich gesund, wollte nicht noch ein Semester wegwerfen und im Sommer endlich studieren. Mein Freund trennte sich von mir, weil ich so verändert war und er mein Verhalten nicht verstehen konnte. Nach der Trennung holte ich mir Tinder und stürzte mich in viele Dates und Bekanntschaften, aus Selbstschutz, um abgelenkt zu sein. Ich drehte durch auf Social Media, redete wie ein Wasserfall, ging kaum zur Uni und schlief jeden Tag bis mittags. Nach unzähligen Notfallgesprächen mit dem psychiatrischen Krisendienst** und meiner Psychiaterin, fanden wir den Kompromiss, dass ich mich in den Semesterferien einweisen ließ. Und hier bin ich nun. Um in dem Dschungel von Depression, Psychose, Schizophrenie und bipolarer Störung Klarheit zu finden und medikamentös richtig eingestellt zu werden.

Die Klinik sieht von außen aus, wie man sich eine klassische Psychiatrie vorstellt, und gleichzeitig doch so harmlos. Ein steinerner Eingang mit großer, alter Holztür und der Aufschrift „Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie“ begrüßt einen. Innen sitzt der Pförtner in einem gläsernen Kasten und checkt die Überwachungskameras. Die Gänge sind weiß und hell, lichtdurchströmt von einer Fensterfront. Es gibt einen Innenhof mit Cafeteria, Garten, Bäumen und einem Bach. Hier dürfen die Patienten rauchen und können sich mit Besuchern treffen. Meine Station sieht ebenfalls sehr harmlos aus. Die Türen sind aus Holz und der Boden ist mit Teppich ausgelegt. In meinem Zimmer sind wir zu viert, ich teile es mir mit Marina*, Samira* und Lisa*. Samira, eine zierliche 19-Jährige, begrüßt mich sofort und überfällt mich mit Fragen „Wer bist du, wie heißt du, warum bist du hier?“ Mit großen, weit aufgerissenen Augen sieht sie mich an. Dann fängt sie lauthals an, einen Song, der gerade auf ihrem Handy läuft, mitzusingen und scheint sich nicht mehr für mich zu interessieren, nachdem ich brav ihre Fragen beantwortet habe. Lisa ist sehr groß und hat langes, schönes, braunes Haar. Warum sie hier ist, weiß ich noch nicht.

Im Garten trifft man auf die unterschiedlichsten Charaktere und Diagnosen

„Aufstehen!“ – Der erste richtige Tag in der Klinik beginnt für mich mit einem Weckruf um 7 Uhr. Von 7.30 bis 8.10 Uhr darf man frühstücken. Danach findet die Morgenrunde statt, in der jeder Patient kurz erzählen soll, wie es ihm geht und was seine Pläne für den heutigen Tag sind. Um 9 Uhr habe ich das erste Mal Ergotherapie mit den anderen. Diese ist leider so ganz anders, als ich es von meinem letzten Klinikaufenthalt kenne. Wir dürfen nicht in die Werkstatt und etwas Schönes basteln, denn die Urlaubsvertretung unseres Ergotherapeuten hat sich etwas anderes einfallen lassen. Der Mann, mit dem wir uns nun beschäftigen müssen, trägt eine schmale, silberne Brille und hat den Blick eines Lehrers. Wir fühlen uns zurückversetzt in die Schulzeit, als er uns sagt, dass wir die kommenden drei Wochen an einem Projekt arbeiten werden, für das wir eine Präsentation samt Flyer und Plakat erstellen sollen. Immerhin haben wir uns ein interessantes Thema einfallen lassen: Aufklärung über psychische Krankheiten. Doch präsentieren dürfen wir unsere Ergebnisse letztendlich nicht. Ich sehe keinen Sinn in dem Projekt und es fällt mir schwer, mich dafür zu motivieren. 

Beim Sport darf ich noch nicht mitmachen, weil es dauert, bis ich im System für alle Gruppen und Programme angemeldet bin. Also langweile ich mich sehr viel und versuche mir die Zeit zwischen Frühstück, Mittagessen und Abendessen irgendwie zu vertreiben. Ich gehe viel in den Garten und rauche, unterhalte mich dort mit anderen Patienten. Im Garten trifft man auf die unterschiedlichsten Charaktere und Diagnosen. Zum Beispiel auf Malte*, der mir erzählt, dass er in seiner manischen Phase 3000 Euro im Monat im Puff gelassen hat, obwohl er verheiratet ist und Kinder hat. Er hat sich ein neues Motorrad und ein Auto gekauft, und sich damit enorm verschuldet. In einer Manie ist die Libido oft gesteigert und man neigt dazu, viel Geld auszugeben, muss man dazu sagen. Manche Betroffene sind bis in die Millionen verschuldet. Auch ich habe viel Geld in meiner Hypomanie, der Vorstufe einer Manie, ausgegeben. Zum Glück habe ich keine Schulden aufgebaut, denke ich mir, als Malte mir seine Geschichte erzählt. 

Alle sind sich einig, dass die beiden sich draußen nie gefunden hätten

Es gibt auch Klinikpärchen, wie Ahmed* und Nathalie*, eine absolut verrückte Kombination. Alle sind sich einig, dass die beiden sich draußen, in der normalen Welt, nie gefunden hätten. Nathalie ist sehr impulsiv, ich weiß nicht, weshalb sie hier ist, doch sie braucht viel Aufmerksamkeit, trägt fast täglich eine neue Haarfarbe und zertrümmert mindestens genauso oft eine Tasse der Cafeteria im Garten. Und Ahmed, der aus der Türkei stammt und stets Hoodie, Röhrenjeans und angesagte Sneaker trägt, scheint sie zu lieben.

Langeweile ist auch die folgenden Tage und Wochen mein ständiger Begleiter, denn wirklich viel Programm gibt es auf meiner Station nicht. Highlights sind das gemeinsame Kochen mit anderen Patienten und einer Pflegerin oder ein Beauty-Abend für die Frauen auf unserer Station, bei dem wir uns Gesichtsmasken auftragen und uns die Nägel lackieren.

Die Pfleger verhalten sich uns gegenüber bis auf wenige Ausnahmen sehr rau und bestimmt

Ich bin auf der Station für junge Erwachsene, fast niemand hier ist älter als 30. Das bedeutet auch: strengere Regeln. Um Punkt 20 Uhr müssen wir wieder auf Station sein und uns zurückmelden. Bis 21 Uhr darf man nochmal in den Garten und von 21 bis 22 Uhr gibt es drei Mal fünf Minuten, in denen man raus darf, um zu rauchen. Um 22.30 Uhr sollte man auf dem Zimmer sein, um 23 Uhr das Licht ausmachen und weder Handy noch Laptop benutzen. Für alles Mögliche muss man auf einem ausgeteilten Wochenplan Unterschriften sammeln. Und hat man nicht alle Unterschriften beisammen, darf man am Wochenende nicht nach Hause fahren. Gleich an meinem zweiten Abend bekomme ich eine Verwarnung, eine „gelbe Karte“, weil wir bis 23 Uhr im Garten geblieben sind. 

In der ersten Woche stehe ich noch brav morgens um 7 Uhr auf, gehe mit Philipp joggen und schaffe es, die strikten Frühstückszeiten sowie die Morgenrunde einzuhalten. In der zweiten Woche bekomme ich dann ein anderes Medikament, das mich morgens unglaublich müde macht. Trotz drei Weckern und dem Versuch, mich zu wecken, schaffe ich es nicht, pünktlich aufzustehen. Ich verpasse das Frühstück und die Morgenrunde. Wenn ich manchmal heimlich noch nach 8.10 Uhr frühstücken will und erwischt werde, bekomme ich riesigen Ärger. In der Visite erwähne ich den Ärzten gegenüber immer wieder, dass das Medikament mich so müde macht, doch es scheint sie nicht zu interessieren. Schuld ist ihrer Ansicht nach nicht das Medikament, sondern ich, die nicht aus dem Bett kommt. Die Pfleger verhalten sich uns gegenüber bis auf wenige Ausnahmen sehr rau und bestimmt.

Die Atmosphäre auf der Station verschlechtert sich von Tag zu Tag. Regelmäßig gibt es jemanden, der ausrastet oder zusammenbricht, unter all dem Druck. Einmal, spät abends, schreit Philipp die Pflegerin so laut an, dass es die ganze Station mitbekommt. Auch ich selbst habe mich einmal nicht unter Kontrolle. Und ich rebelliere gegen die strengen Regeln, einmal zu viel. „Ich habe eine schlechte Nachricht für Sie“, sagt meine eigentlich so nette Ärztin zu mir an meinem letzten Tag. Ich sei entlassen, weil ich nicht zur Morgenrunde und in die Vitalwertkontrolle kommen würde, weil ich mich nicht an die Regeln halten würde, weil ich eine Unruhestifterin und eine Grauzonentesterin sei. Uff. 

Raus aus der beschützenden Klinik, in der ich sein durfte, wer ich bin 

Meine Behandlung ist zu diesem Zeitpunkt so gut wie abgeschlossen. Nun bin ich also „entlassen“, als arbeitsfähig eingestuft, zurück ins normale Leben, in die harte Realität. Raus aus der beschützenden Klinik, in der ich sein durfte, wer ich bin und auch so akzeptiert wurde. In die Klinik kann ich jederzeit zurückkehren, sollte es mir wieder schlechter gehen. Aber immerhin habe ich nun Gewissheit. Ich habe eine Diagnose, sie lautet bipolare Störung. Ich habe ein anderes Medikament, einen Stimmungsstabilisierer, der verhindern soll, dass ich weder in eine Depression noch in eine Manie falle. Die Tabletten werde ich wohl mein Leben lang nehmen müssen, um wie andere, normale Menschen zu funktionieren, mitzudrehen im Hamsterrad. Denn die Krankheit läuft im Hintergrund trotzdem weiter und könnte ohne Tabletten immer wieder ausbrechen.

Das alles ist jetzt etwas mehr als ein Jahr her. Trotz all der extremen Höhen und Tiefen, die das vergangene Jahr mit sich gebracht haben, bin ich froh und dankbar für jede einzelne Sekunde, in der ich lebe. Und auch für meine Krankheit. Sie gehört zu mir und macht mich zu dem Menschen, der ich bin. Und trotz ihr, trotz vier depressiven und zwei hypomanischen Episoden in meinem Leben, habe ich all das erreicht, was die anderen in meinem Alter auch geschafft haben. Sie hat mich stärker gemacht, ich habe nicht aufgegeben, sondern gekämpft und bin immer wieder aufs Neue aufgestanden. Deshalb sehe ich meine Krankheit nicht als Schwäche, sondern als Stärke an.

Das Positive an meinem Aufenthalt in der Psychiatrie waren die anderen Patienten, die ich dort kennenlernen durfte und nun mit Stolz meine Freunde nennen darf. Weil sie mich besser verstehen können als jeder Arzt, Therapeut oder Außenstehende. Weil sie dasselbe durchmachen und wissen, wie es mir damit geht. Weil jeder einzelne sein eigenes Laster mit sich trägt. Und so sind sie alle einzigartig und besonders auf ihre Art und Weise. Es fühlte sich oft wie eine Gruppentherapie an, wenn wir miteinander sprachen und unsere Geschichten untereinander austauschten. Besser als jede Visite oder Einzeltherapie. In den drei Wochen Delirium waren diese Menschen mein Zuhause.

*Alle Namen wurden geändert, um die Identitäten der in diesem Text vorkommenden Menschen zu schützen.

**Der Krisendienst Psychiatrie ist ein Angebot zur psychiatrischen Soforthilfe für die Bürger*innen Oberbayerns. Zu erreichen ist er unter der Rufnummer 0180 / 655 3000.

  • teilen
  • schließen