So kannst du Schubladendenken vermeiden

Schwarz-Weiß-Denken schadet dem gesellschaftlichen Klima, das zeigt sich aktuell bei Corona. Warum es wichtig ist, auch Meinungen dazwischen zuzulassen.
Von Kevin Frese
ambiguitaetstoleranz

Illustration: FDE

Befürworter*innen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verteufeln Corona-Leugner*innen und umgekehrt. Dieser Konflikt flammte in den vergangenen Monaten immer wieder auf – ob online oder offline. Viele Menschen teilten sich in zwei Lager, von denen das eine auf sogenannte „Hygiene-Demos“ geht – wie zuletzt die rund 17 000 Menschen, die in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen demonstrierten – oder sich in Telegram-Chats über Verschwörungsmythen austauscht. Das andere macht sich über genau diese Menschen lustig und verurteilt alle, die an den Schutzmaßnahmen zweifeln. Das weckt Erinnerungen an das Flüchtlingsjahr 2015, an Willkommenskultur auf der einen und Pegida auf der anderen Seite.

Zwischen solchen Gruppierungen scheint nichts stattzufinden, was einem konstruktiven Diskurs gleicht und die unterschiedlichen Argumente zusammenführt. Statt für Sowohl-als-auch-Botschaften offen zu sein, wollen viele klare Entweder-oder-Lösungen. Typisch für die Coronakrise: entweder Lockdown oder Exit. Mund-Nase-Schutz oder persönliche Freiheit. Und auch viele andere, die zu keinem extremen Lager gehören, dürften sich in der letzten Zeit dabei ertappt haben, weniger offen für die Ansichten anderer zu sein – und stattdessen an der eigenen Meinung festzuhalten. In einer Diskussion im Freundeskreis zu den Corona-Beschränkungen zum Beispiel. Darüber, welchen Preis wir zahlen, wenn die Wirtschaft für mehrere Wochen herunterfährt – und ob das trotzdem notwendig ist. Oder: Warum Baumärkte eigentlich geöffnet waren und Theatersäle nicht.

Politiker*innen sind in Sorge. Schließlich besteht die Gefahr, dass sich größere Teile der gesellschaftlichen Mitte in einem Zustand nervöser Gereiztheit von Verschwörungstheoretiker*innen und Rechtsextremist*innen vereinnahmen lassen. Dabei ist es für eine fortschrittliche Gesellschaft wichtig, im Gespräch zu bleiben und den Konsens zu suchen – denn nur so funktioniert unsere Demokratie.

Grautöne auszuhalten, ist während Krisen besonders schwer

Die gute Nachricht: Jede*r von uns kann etwas dafür tun, diese verhärteten Fronten in einen konstruktiven Dialog zu verwandeln: indem wir uns in Ambiguitätstoleranz üben. Das Wort Ambiguität kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Mehrdeutigkeit. Wer andere in ihrer Andersartigkeit gelten lassen und beide Seiten einer Medaille zu gleichen Teilen akzeptieren kann, wer widersprüchliche Handlungen erträgt und die Vielschichtigkeit des Lebens als Bereicherung ansieht, ist ambiguitätstolerant. So beschrieb es die Psychoanalytikerin und Psychologin Else Frenkel-Brunswik sinngemäß im Jahr 1949.

Dass das besonders in Krisensituationen schwer ist, weiß Andreas Zick, Professor für Sozialpsychologie an der Universität in Bielefeld: „Wir bewegen uns in Umwelten, in denen die meisten Informationen widersprüchlich sind, das heißt, wir sind darauf angewiesen, eine eigene Einschätzung von Realität für uns selber zu finden.“ Überall dort, wo die Quellenlage unterschiedliche Interpretationen zulässt, brauche es die Bereitschaft, diese Mehrdeutigkeiten auszuhalten. Das gelinge den einen besser, den anderen schlechter.

„Wir erleben einen Rückfall in vordemokratisches Freund-Feind-Denken“

Anja Besand, Professorin für Politikdidaktik an der Technischen Universität in Dresden, stimmt Zick zu: „Bei einer ambiguitätstoleranten Perspektive geht es um die permanente Überprüfung der eigenen Gründe und Haltungen.“ Ambiguität sei zudem Bestandteil einer Demokratie. „In Demokratien geht es um den Interessenausgleich, um revidierbare Entscheidungen, die Teilung von Gewalt und um den Schutz von Minderheiten“, erklärt Besand. All das erfordere Ambiguitätstoleranz.

Die aktuelle Entwicklung in unserem Land beunruhigt sie. „Wenn wir heute auf die Straße oder in die sozialen Netzwerke schauen, lassen sich zunehmend politische Akteur*innen entdecken, die mit einer ungeheuren Gewissheit auftreten. Sie scheinen nicht nur in der Lage, die Ursachen für die gegenwärtigen Probleme klar und eindeutig benennen zu können, sondern wissen vermeintlich auch, wie diese Probleme zu lösen sind. Wir erleben einen Rückfall in vordemokratisches Freund-Feind-Denken.“

Ein Glück, dass Ambiguitätstoleranz nicht in Stein gemeißelt ist. Sie ist veränderbar, jederzeit. Voraussetzung ist, sich einzulassen – auf das, was neu und fremd ist. Um sich im Aushalten von Widersprüchen zu üben, helfe es zum Beispiel, bewusst Gruppen aufzusuchen, „in denen eine hohe Toleranz für uneindeutige Einstellungen“ erwünscht ist, rät Zick. Das bedeutet: Die Gruppennorm bestimmt über das Maß an Ambiguitätstoleranz. Der Konfliktforscher erwähnt in diesem Zusammenhang die hohe Bedeutung interkultureller Trainings.

Sie alle verbinde die Angst, den Anschluss zu verlieren

An der eigenen Einstellung kann man also arbeiten, aber wie begegnet man anderen, die dafür weniger offen sind? Wie erklärt man zum Beispiel Selbstständigen oder Kleinunternehmer*innen, die wegen der Corona-Pandemie kurz vor der Pleite stehen, dass die Maßnahmen zur Virus-Bekämpfung nötig und sinnvoll sind? Die zentrale Botschaft sei, dass wir alle eine Verantwortung tragen und zur Einhaltung der Regeln verpflichtet sind, sagt Zick. Umso mehr gehe es nun darum, die Geschäftsschließung mit aller Kraft abzuwenden und sich zu fragen, was dagegen getan werden kann – beispielsweise das Geschäftsmodell neu strukturieren.

Grundsätzlich, so Zick weiter, komme es immer darauf an, „die Menschen bei ihren Motiven abzuholen“. „Die einen haben finanzielle Sorgen, die anderen haben soziale Sorgen, wiederum andere haben psychische Sorgen.“ Sie alle verbinde die Angst, den Anschluss zu verlieren. Daher sei auch die Einbindung der Gesellschaft in politische Prozesse so wichtig – die vielen Möglichkeiten, unser Land mitzugestalten. So war die Pandemie zum Beispiel Anlass für eine neue Petition zur Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Also: „Beteiligen, beteiligen“, sagt der Soziologe. Denn am gefährlichsten für den Menschen sei es immer, wenn er das Gefühl hat, nicht mehr über sein eigenes Schicksal entscheiden zu können.

Dieses Gefühl von Kontrollverlust könne in Zeiten wie diesen schon mit einfachen Mitteln ausgeglichen werden. Zum Beispiel durch ein beruhigendes Gespräch, in dem sich die*der Vorgesetzte nach dem gesundheitlichen Zustand der Angestellten erkundigt, Verständnis für deren Situation zeigt und ihre*seine Hilfe anbietet. Es geht um Wertschätzung und das Signal: Du bist wichtig – und wirst nach wie vor gebraucht.

Ambiguitätstoleranz bedeute nicht, jede andere Meinung und Haltung besser zu verstehen

Braucht es für einen ambiguitätstoleranten Standpunkt also Empathie und Mitgefühl? Besand sieht das nur bedingt so. Für sie steht die Selbstreflexion an erster Stelle. „Wir müssen lernen, ehrlich, hartnäckig und kritisch an unserer Überzeugung zu arbeiten.“ Ambiguitätstoleranz bedeute nicht, jede andere Meinung und Haltung besser zu verstehen. Das gelte insbesondere für rechtsextremes Gedankengut oder Verschwörungsideologien, die allzu einfache Antworten geben. „Menschen, die davon ausgehen, dass das Coronavirus eine Erfindung von Bill Gates ist, um die Weltherrschaft zu übernehmen, muss man nicht verstehen. Die Forderung, mit Mehrdeutigkeit klarzukommen, kann sich nur auf Zusammenhänge beziehen, die tatsächlich mehrdeutig sind. Komplexes muss komplex bleiben und Kontroverses kontrovers“, so Besand. Das bedeutet: Ambiguität ist relativ.

Die Erziehungswissenschaftlerin sieht in der Pandemie eine Chance, Ambiguitätstoleranz zu trainieren. Abstandsregeln, Handhygiene, Maskenpflicht, die Bedeutung von Aerosolen bei der Verbreitung von Covid-19. Diese Themen haben uns gezeigt, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse von heute morgen schon wieder veraltet sein können. Genau das müsse man akzeptieren – und verinnerlichen, dass sich die Wissenschaft ständig selbst korrigiert.

Auf viele Fragen gibt es keine universellen Antworten. Umso wichtiger ist es, offen für Grautöne zu sein. Dabei kann man auch von der Kunst lernen: Wer ein Kunstwerk betrachtet, lässt es in der Regel erst einmal sein, wie es ist. Bei der Frage, welche Botschaft es uns vermitteln soll, gibt es kein Richtig und kein Falsch. Zick sagt: „Kunst zwingt uns, alle Seite zu betrachten.“ Und so ein Rundherum-Blick kann vor allem eines sein: bereichernd.

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