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„Wir können unsere Wut als politische Waffe einsetzen“

Foto: privat, Alvin Jacobs Jr; Bearbeitung: jetzt

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Die „Black Lives Matter“-Bewegung setzt sich bereits seit vielen Jahren gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA ein. Doch seit im Mai ein Video davon durchs Netz ging, wie ein Polizist auf George Floyds Nacken kniete und den Schwarzen Mann so umbrachte, ist die Bewegung wieder besonders laut geworden. In den USA gingen daraufhin Millionen Menschen auf die Straße, um gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen, auch in anderen Ländern wurde demonstriert. An den meisten Orten blieben die Demostration friedlich, an einigen Orten eskalierte die Situation aber auch in Krawalle und Plünderungen.

Inzwischen ebbt das Engagement vieler Menschen und die Aufmerksamkeit für die Bewegung allerdings wieder etwas ab und viele fragen sich: Was passiert eigentlich nach den Protesten? Darüber haben wir mit drei Schwarzen gesprochen, die in den USA leben.

„Die Menschen müssen entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen wollen“

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Foto: privat

Der 25-jährige Ty Hobson-Powell hat mit Freunden die „Concerned Citizens D.C.“ gegründet.

„Wir sind in Amerika nicht zum ersten Mal an dem Punkt, an dem wir wütend waren. Aber daraus haben sich bisher keine echten Folgen ergeben. Mir geht es jetzt darum: Wir können unsere Wut als politische Waffe einsetzen, um den Wandel zu erwirken. Damit wir nicht Jahr ein Jahr aus wegen derselben Dinge auf die Straße gehen müssen. Darum haben wir uns zu sechst zusammengeschlossen und die ‚Concerned Citizens‘ gegründet, um ein politisches Konzept zu entwickeln. 

Zu Beginn hatten wir einen simplen Zehn-Punkte-Plan mit Forderungen, was jetzt geschehen muss. Zum Beispiel, dass unser Strafvollzugssystem sich umstellen muss: Von einem Modell der Bestrafung, auf ein Modell der Wiedereingliederung. Wir haben Gerechtigkeit für Breonna Taylor und für George Floyd gefordert. Die Polizisten anzuklagen, reicht nicht aus. Zu häufig sind auf Anklagen in der Vergangenheit keine Verurteilungen gefolgt. Wir fordern außerdem, dass der Polizei finanzielle Mittel entzogen werden, und diese stattdessen in die Gesellschaft zurückfließen. 

Aber jetzt arbeiten wir an einer ‚Bill of Rights for a new America‘, einer Charta der Grundrechte für ein neues Amerika. Das wird Kernstück der Philosophie der ‚Concerned Citizens‘. Die Grundidee ist, dass unsere Gründungsschriften, wie zum Beispiel die Constitution oder die Bill of Rights, zu einer Zeit geschrieben wurden, in der nicht ehrlich eingehalten wurde, was auf ihnen steht. ‚All men are created equal‘, alle Menschen sind gleich, wurde geschaffen als es noch Sklaverei gab. Unsere Institutionen basieren also auf diesen, fehlerhaften Dokumenten, die niemals für die gesamte Bevölkerung gedacht waren. 

Wir werden unsere „Bill of Rights“ am 4. Juli veröffentlichen: Klare politische Forderungen, damit die Rechte von Schwarzen und PoC endlich gesichert sind. Der 4. Juli ist ein Schlag ins Gesicht für Schwarze Amerikaner – dort wird eine Unabhängigkeit gefeiert, die wir in Amerika auch nach der Sklaverei bis heute nie gekannt haben. 

Ich denke auch, dass der Tod von George Floyd mit vielen anderen Faktoren zusammenspielt: Wir haben einen intoleranten Präsident, der seine Anhänger mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit um sich schart. Dann die Häufigkeit, mit der Schwarze getötet werden. Und während wir gegen Polizeigewalt protestieren, erfahren wir weitere Polizeigewalt. Obwohl die Kameras auf das Geschehen gerichtet sind, hat es nicht aufgehört. Obendrauf kommen noch die Rekordhöhe bei der Arbeitslosigkeit, und der Stillstand der Gesellschaft, wegen der Corona-Maßnahmen. Die Leute sitzen drinnen, und außer der Berichterstattung über Corona, wird vor allem über die Black-Lives-Matter Proteste berichtet. Sie können nicht mehr sagen: ‚Oh, ich hatte keine Ahnung, ich habe es nicht mitbekommen.‘ Die Gesellschaft steht still und alles, das man derzeit tun kann, ist sich grundsätzliche Fragen über das Leben zu stellen, und was für ein Amerika man möchte. 

Jetzt müssen die Menschen entscheiden, auf welcher Seite der Geschichte sie stehen wollen. Und wer sich nicht entscheidet, hat damit auch eine Entscheidung getroffen.“

„Auch die weißen Verbündeten müssen wir zur Verantwortung ziehen”

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Foto: Alvin Jacobs Jr

Marie Rattigan, NAACP Florida, engagiert sich auch bei den „Dream Defenders“, die einer Gruppe junger BiPoC Aktivisten, die sich 2012 nach dem Tod von Trayvon Martin gegründet haben.  

„Mir ist es wichtig, neben George Floyds auch weiteren Namen Aufmerksamkeit zu verschaffen: Tony McDade, Breonna Taylor, Atatiana Jefferson, Ahmaud Arbery, Korryn Gaines, Jamee Johnson und so viele mehr. Denn auch, wenn viele Männer durch die Polizei getötet werden, müssen wir unsere Schwarze Frauen emporheben. Schwarze trans Frauen, trans Männer. Auch die tragischen Geschichten aus der LGBTQ+-Gemeinschaft müssen gehört werden.

Am 27. Mai, zwei Tage, nachdem George Floyd von der Polizei getötet wurde, ist Tony McDade von der Polizei in Tallahassee, Florida erschossen worden. Wir werden das nicht hinnehmen, wir werden nicht hinnehmen, dass niemand zur Rechenschaft gezogen wird oder sich verantwortlich zeigen muss. Wir warten noch immer darauf, dass das Video von der Schießerei öffentlich zugänglich gemacht wird. Es gibt ohnehin schon fehlendes Vertrauen zwischen der Polizei von Tallahassee und Nichtweißen sowie LGBTQ+. Auch sie sterben durch die Hand der Polizei. 

Der nächste Schritt ist also definitiv, sich zu organisieren: Wir fordern, dass der Polizei ein Teil ihrer Mittel entzogen wird. Ein Beispiel: Die Polizei in Tallahassee bekommt 60 Millionen US-Dollar. Was wäre, wenn man stattdessen zehn Millionen in die Viertel steckt, wie das, in dem Tony McDade gelebt hat. Dort fehlt es an Ressourcen: Die Gebäude sind runtergekommen, die Kids dort müssten eigentlich in die Schule, aber während der der Covid19-Pandemie findet die nicht statt — und nun haben die Kinder keinen Zugang zu Computern, um zu lernen. 

Und bevor wir überhaupt über den Tag der Präsidentschaftswahl reden können, müssen wir erstmal darüber reden, wie wir Gleichgesinnte auf wichtige Posten heben können: Staatsanwälte, Pflichtverteidiger. Wir müssen sie dazu bringen, sich selbst zur Wahl zu stellen, auch schon auf lokaler Ebene. Und wenn wir sie dann gewählt haben, können wir sie auch zur Verantwortung ziehen: Gehen sie mit uns protestieren, setzten sie sich für uns ein? Setzten sie sich dann für Menschen wie Tony McDade ein, reden sie über ihn und sein Schicksal?

Zur Zeit sind auch noch viele weiße Verbündete bei den Protesten dabei — bei manchen Demonstrationen im Land wirkte es sogar so, als stellten sie den Großteil der Teilnehmer. Da möchte ich einmal ganz klar „danke“ sagen. Aber auch die weißen Verbündeten müssen wir zur Verantwortung ziehen: In dem Moment, bei diesen Protesten, da sind sie bei uns. Aber was ist, wenn der Protest vorbei ist? Ist dann alles wieder beim Alten? Und auch wenn sie selbst keine Rassisten sind, müssen sie auch ihre Freunde, ihre Familie mitbringen, Gespräche suchen und sich äußern, lautstark, über die Dinge, die sie nicht sehen oder erleben. Weiße lieben unsere Kultur. Unsere Musik. Sie lieben alles an uns. Jeder will Schwarz sein, bis es drauf ankommt, Schwarz zu sein. Sie müssen aufstehen und eine Änderung verlangen. 

Denn genau das ist wichtig: Drüber reden. Schweigen ist tödlich. Wenn du dich jetzt nicht lautstark äußerst, bist du Teil der Situation. Teil des Problems.“

„Ob dieser Wandel schnell kommt, hängt auch davon ab, ob Trump wiedergewählt wird“

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Stefan ist 27, lebt in Washington D.C. und engagiert sich für Black Lives Matter.

Foto: privat

Stefan Antoine ist in Jamaika aufgewachsen und hat dort bis zu seinem Abitur gelebt. Für sein Studium ist er in die USA gegangen, der 26-Jährige lebt heute in Washington D.C..

„Ich habe in Washington D.C. offenen Rassismus selten erlebt – aber strukturell ist Diskriminierung auch in dieser reichen Stadt verankert. Ich war deshalb schockiert, als ich nach Washington gezogen bin. Fast die Hälfte hier sind Schwarze, aber in gut bezahlten Berufen sehe ich sie kaum. Die Schwarzen, die ich täglich sehe, sind Busfahrer, Bettler und Laden- und Fastfood-Kassierer, Arbeiter. Das liegt daran, dass ich in Nordwest DC lebe, einem wohlhabenden Teil von DC. Hier leben vor allem Weiße. 

Die aktuellen Proteste in den USA sind enorm groß und die ersten Erfolge sieht man ja schon: Drei Polizisten wurden wegen George Floyds Ermordung festgenommen, das jetzige Polizeisystem wird infrage gestellt und in vielen Unternehmen findet ein Umdenken statt: Ob bei Starbucks oder der Vogue – über strukturellen Alltagsrassismus wird nun diskutiert.

In meinem Freundeskreis sind Viele auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Sie haben Plakate gebastelt und ihren Unmut auch in den sozialen Netzwerken geäußert. Andere Freunde wiederum haben in ihrem Arbeitsumfeld Rassismus angesprochen. Ich kenne auch Einige, die NGOs nun mit Spenden helfen, die Bildungsprojekte in Schwarzen Communities auf die Beine gestellt haben. Aber nicht alle erheben ihre Stimme. Gerade meine Bekannten aus Europa und aus der Karibik, die mit mir in Washington D.C. arbeiten, sind grundsätzlich eher zurückhaltend.

Ich denke, wir sollten in den USA endlich erkennen, dass wir ein Staat sind, der Strukturen der Apartheid noch nicht ganz abgeschüttelt hat. Viele Grundpfeiler unseres Landes entstammen diesem Regime. Systematischen Rassismus haben wir nicht überwunden. Er existiert in vielen Behörden. Wir müssen diese Institutionen nicht nur reparieren. Wir müssen sie von Grund auf neu denken und nicht wie bisher überwiegend mit Weißen besetzen. Ob dieser Wandel aber schnell kommt, hängt auch davon ab, ob Trump wiedergewählt wird. Der US-Präsident kommt mit seinem harten Kurs und seiner Art, Politik zu machen, bei seiner Wählerschaft weiterhin gut an. Es ist schwierig zu sagen, ob ihm seine Haltung gegenüber den Protestierenden schaden wird. Wir werden es erst in ein paar Monaten sehen.”

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