Horror-Party: Hochzeitsalbtraum in der Mehrzweckhalle

Statt guter Musik und ausgelassener Stimmung, gab es auf dieser Hochzeit viele Enttäuschungen.
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Man vergisst leicht, dass Feiern nicht immer nur spaßig ist. In dieser Serie erzählen wir deshalb von den schlimmsten Partys, auf denen wir in unserem Leben waren. Viel zu viel Alkohol, grässlich langweilige Verwandte, emotionale Tiefpunkte – es gibt ja viel, das eine Feier vermiesen kann. Falls du selbst von einer schlimmen Party erzählen willst: Schreib uns eine Mail an info@jetzt.de!

Horrorstufe: 6 von 10

Center of Attention: eine Mehrzweckhalle in Baden-Württemberg

Trinkverhalten: erst aus Verzweiflung motiviert, aber schnell nachlassend

Meine Erwartungen an die Hochzeit meines Cousins waren schon vor der Feier nicht besonders hoch. Dabei ist es eigentlich nicht so, dass ich bei Hochzeiten ein anspruchsvoller Gast bin. Gute Musik und offene Leute reichen vollkommen, damit ich glücklich bis ans Ende der Nacht tanzen kann. Doch ich ahnte Schlechtes: zu häufig war ich auf langweiligen Konfirmationen und anderen Feierlichkeiten meiner Verwandtschaft gewesen. Auch an den Musikgeschmack meines Cousins hatte ich keine guten Erinnerungen. Spätestens mit zwölf Jahren waren wir bei dem Thema komplett anderer Meinung. Wo er bei Schlagern mitsang, tanzte ich lieber zu alternativer Musik.

Ich hatte meinen Freund schon vorgewarnt, dass es „ein bisschen spießig“ werden könnte. Allzu sehr ins Detail wollte ich aber nicht gehen, sonst hätte ich am Ende noch alleine auf die Hochzeit nach Baden-Württemberg fahren müssen. So war zumindest er noch guter Hoffnung, als wir uns vor drei Jahren auf den Weg machten.

Linoleumboden, Blumendeko und Segmüller-Sofas

Die kirchliche Trauung war auch noch ganz in Ordnung, doch danach ging es direkt in die große Mehrzweckhalle des kleinen schwäbischen Dorfes, in dem mein Cousin und seine Frau sich kurz vorher das Ja-Wort gesagt hatten. Der rechteckige Kasten mit Glasfront und Linoleumboden, auf dem in gedeckten Farben Basketball- und Fußballfelder aufgemalt waren, entsprach meinen schlimmsten Erwartungen. Auf blauem Linoleum stand die Braut in einem Prinzessinnen-Brautkleid, das wahrscheinlich etwa 4000 Euro gekostet hatte. Um sie herum ordentlich sortierte Blumendeko. Um perfekt allen Spießer-Vorurteilen zu entsprechen, die gegenüber Schwaben existieren, fehlte eigentlich nur noch ein neu gekauftes Segmüller-Sofa – ganz nach der Mentalität: hauptsache sauber und neu. Mir kam die ganze Atmosphäre schrecklich kühl und schwunglos vor. „Mega spießig“, dachte ich und wünschte mich weit weg, auf die Hochzeit einer meiner Freundinnen: wildromantisch im Wald mit Zelten, Wiesenblumen und Häppchen zum Essen.

Die Hoffnung, dass ich etwas von der Romantik des Anlasses zu spüren bekommen könnte, hatte ich aber doch noch nicht ganz aufgegeben: Beim Sektempfang sparte ich nicht mit dem Alkohol. „Vielleicht kommt ja noch ein wenig Stimmung auf“, dachte ich mir. Doch auf gute Musik und ausgelassene Stimmung hoffte ich vergeblich. Stattdessen begann ein Keyboardspieler und eine Sängerin in unscheinbaren, dunklen Outfits auf niedrigster Lautstärke Schlager wie „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“ zu klimpern. 

Schon bald wurde Essen serviert, natürlich traditionell schwäbisch: mehrere Fleischsorten, Braten mit Spätzle und Soß und Sommergemüse mit Sauce Hollandaise. Ich wusste nicht, was ich schlimmer fand: Immer wieder zustimmend zu nicken, als meine Tanten und die anwesenden Omas freudig verkündigten, wie „schön“ und „romantisch“ hier doch alles sei. Oder dem armen, immer noch singenden und klimpernden Alleinunterhalter-Duo zusehen zu müssen, das zwischen den Essenspausen minimal lauter gestellt wurde – mit der Aufforderung, die Anwesenden sollen doch bitte tanzen. 

Traurige Tanzversuche 

Doch mehr als drei Pärchen trauten sich nicht auf die Tanzfläche, allen voran die stolzen Eltern der Braut. Der deprimierende Höhepunkt der Feierlaune war erreicht, als sich unsere Tanten in eine Reihe setzten und aufgeregt zu der immer noch leisen Musik klatschten. 

Da wir alle mit Platzkärtchen an unsere Tische gebunden waren und die Stimmung auch sonst im Keller war, verzichtete ich kurz darauf sogar auf den Sekt: Es gibt Partys, die sind nicht mehr zu retten. Ich führte ein paar nette Gespräche mit meinen Cousinen und Cousins und probierte zwischendurch meinen Freund zu trösten, der von der ganzen Situation schockiert schien.

Es war gerade mal elf Uhr, als ich das Brautpaar vor der großen Glasfront rauchen sah. Auch sie sahen von ihrer Party ziemlich gelangweilt aus. Ich konnte es kaum erwarten, endlich nach Hause zu gehen und suchte schon nach Ausreden für unseren frühen Abschied. Grundlos: um zwölf Uhr war die Party sowieso vorbei. 

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