„Ich habe nur noch geheult vor Glück“

Viele finden Freiheit in der Natur – andere auf Demos oder am Flughafen. Hier erzählen Menschen von ihren schönsten Freiheitsmomenten während der Pandemie.
Fotos: Bastian Morell / Privat / Ursula Maas

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Freiheit und Lockdown passen nicht zusammen, behaupten viele. Doch selbst in Zeiten, wo – außer natürlich dem Malle-Urlaub – nicht viel möglich ist, kann man kleine oder große Momente der Freiheit erleben. Ob Erasmus, Hochzeit, oder einfach die Freude über das Ende der Quarantäne. Hier berichten Menschen über ihre persönlichen Freiheitsmomente in der Pandemie.

„Auf dem Fahrrad den Wind um die Nase spüren“

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Foto: Privat

Freya Stratenwerth-Neunzig (21) erlebte die größte Freiheit nach der Quarantäne.

„Am 14. Dezember wurde meine Mitbewohnerin positiv getestet. Danach musste ich für mindestens zwei Wochen in Quarantäne. Das war wie ein Hammerschlag für mich. Das erste Weihnachten, das ich nicht mit meiner Familie verbringen konnte. An Silvester kam der erlösende Anruf vom Gesundheitsamt. Die Quarantäne war beendet. Da ist mir echt ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Mein Freund und ich haben dann noch einen Schnelltest gemacht, er war negativ. Endlich auf dem Fahrrad den Wind um die Nase spüren und zum Testzentrum fahren. Sich wieder richtig bewegen zu können, war für mich die größte Freiheit. Dann sind wir mit dem ersten Schnee in der Pfalz zum Vater meines Freundes gefahren. Ich habe mir auf der Fahrt einen Piccolo gekauft und nur noch geheult vor Glück. Das war wirklich Freiheit.“

„Den Standesbeamten haben wir mit dem Trecker hochgefahren“

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Foto: Ursula Maas

Sandra Tillmann (34) hat an Silvester geheiratet.

„Als mein Freund mir im September nach zwölfeinhalb Jahren Beziehung einen Antrag gemacht hat, konnte ich das erst nicht glauben. Mit der Hochzeit hätte ich auch noch ein bisschen gewartet, aber mein Freund wollte dann unbedingt heiraten. Da wir keine Fotos mit Maske wollten und sowieso gerne in der Natur sind, ließen wir uns draußen trauen: beim Gipfelkreuz auf dem Bastenberg im Sauerland. Den Standesbeamten haben wir mit dem Trecker hochgefahren. Weil wir draußen geheiratet haben, konnten sogar ein paar Verwandte und Freunde dabei sein. Dabei haben wir gar nicht eingeladen. Die kamen alle spontan, weil das Wetter so großartig war, es lag sogar Schnee. Schöner hätte ich es mir nicht vorstellen können. Ich hab mich da total frei gefühlt, einfach weil es so locker und weit weg von der Standard-Hochzeit war.“

„Endlich konnte ich meine Wut rauslassen“

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Foto: Privat

Miriam Heinrichs (22) fühlte sich frei, als sie auf eine Demo ging.

„Lange konnte ich wegen der Kontaktbeschränkungen nicht demonstrieren gehen. Als es dann wieder so weit war, habe ich mich befreit gefühlt: Endlich konnte ich meine Wut rauslassen – gemeinsam mit 2000 anderen Leuten, die alle mit ihren Klingeln Lärm machten. Es war richtig schön, mal wieder so viele Menschen zu sehen, die sich für das Klima einsetzen, natürlich mit Maske und Abstand. Mein Highlight war der Abschnitt über die gesperrte Bundesstraße in Münster. Ich bin mit meinem Fahrrad gefühlt über den Asphalt geschwebt, während auf der Gegenfahrbahn die wütenden Autofahrer im Stau standen. Am Straßenrand standen Menschen mit Trommeln und haben Musik gemacht. Das war ein toller Moment.“

„Mehrere Stunden bin ich durch die verschneiten Alpen geflogen“

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Foto: Bastian Morell

Matze Hoffmann (29) fliegt in seiner Freizeit mit dem Gleitschirm quer durch die Alpen.

„Seit mir ein Kollege vor fünf Jahren vom Gleitschirmfliegen erzählt hat, hat es mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Wenn ich nach dem Feierabend noch schnell auf den Berg steigen und hinuntergleiten kann, ist das für mich einfach der perfekte Ausgleich zur Arbeit. Trotz der vielen Flüge, die ich schon gemacht habe, brennt sich mir jeder Flug ins Gedächtnis. Am 24. Februar war mein erster längerer Flug dieses Jahr. Dafür habe ich mir extra einen Tag frei genommen und es hat sich mehr als gelohnt. Mehrere Stunden bin ich durch die verschneiten Alpen geflogen, während das Sonnenlicht rötlich auf die Berge schien.“

„Auf einmal war ich gefangen“

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Foto: Privat

Catalina Iosif (25) saß drei Monate bei ihren Eltern in Spanien fest und konnte jetzt wieder zurück nach Deutschland.

„Als ich im Dezember nach Spanien flog, um meine Eltern zu besuchen, war mein Rückflug nach Deutschland bereits von der Fluggesellschaft storniert worden. Darüber machte ich mir aber erstmal keine Gedanken. ‚Ich komme schon irgendwie wieder zurück nach Deutschland‘, dachte ich. Doch dann wurden die näc hsten beiden Tickets, die ich mir gekauft habe, auch storniert. Auf einmal war ich gefangen in Spanien und durfte nicht aus Valencia heraus. Dass ich am 7. März dann doch einen Flug nach Düsseldorf erwischt habe, konnte ich kaum glauben. Endlich war ich wieder in Deutschland. Als ich am Hauptbahnhof in Münster angekommen bin, kamen mir vor lauter Freude die Tränen. Ich war einfach mega froh, endlich wieder meinen Freund und meine Mitbewohner sehen zu können.“

„Ein bisschen wie Skiurlaub“

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Foto: Privat

Lioba Ostertag (20) macht ein Erasmus-Semester an der nördlichsten Uni der Welt in Norwegen.

„Hier oben in Tromso sind die Infektionszahlen so niedrig, dass man fast ein ganz normales Leben führen kann. Ich fühle mich ein bisschen so, als hätte ich die Pandemie umgangen. Dass ich einfach an einem Wochentag nach meinen Vorlesungen in den Bergen Langlaufen gehen kann, ist für mich pure Freiheit. Und ein bisschen wie Skiurlaub. Zuhause würde ich viel weniger in die Natur gehen, aber hier brauche ich mich nur kurz in den Bus zu setzen und bin direkt im Gebirge. Besser hätte ich es mit meinem Erasmus-Semester nicht erwischen können.“

„Im Hochsitz musste ich nicht ständig daran denken, was ich gerade verpasse“

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Foto: Privat

Carolin Müller (28) genießt als Jägerin das Alleinsein im Wald.

„Durch Corona habe ich das Jagen noch mehr zu schätzen gelernt. Im Wald muss ich mich nicht vor hustenden Menschen wegdrehen und kann mich ganz auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Außerdem brauche ich jetzt keine Entschuldigung mehr, warum ich stattdessen gerade nichts Geselliges mache. Das ist sehr befreiend. Eigentlich hätte ich letztes Jahr in den Osterferien eine Freundin in den USA besucht, was dann ja leider nicht ging. Stattdessen war ich im Spree-Wald und habe lange dem Urlaub hinterhergetrauert. Doch im Wald ist mir bewusst geworden, wie viel entspannender es ist, jetzt hier im Hochsitz zu sein und nicht die Flugdaten checken zu müssen oder der nächsten Bahn hinterher zu hetzen. Natürlich wäre ich trotzdem gerne in den USA gewesen, aber im Hochsitz musste ich nicht ständig daran denken, was ich gerade verpasse. Wenn ich im Hochsitz bin, sind alle meine Sinne aktiv. Ich lausche auf das Knacksen von Ästen und genieße die klare Luft voller Moos- und Blumengerüche. Die Jagd befreit mich von den Sorgen, die den Alltag momentan beherrschen.”

„Klar vermisse ich auch den Kino- oder Biergartenbesuch“

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Foto: Privat

Psychologe Florian Stoeck (37) findet, man sollte auch die Chancen der Pandemie sehen.

„Meiner Meinung nach hat sich an unserer Freiheit nichts geändert, das ist alles eine Frage der Sichtweise. In unseren eigenen vier Wänden können wir weiterhin alles tun, was wir tun wollen. Klar vermisse ich auch den Kino- oder Biergartenbesuch, aber ich konnte letztes Jahr auch mal wieder ein Buch in die Hand nehmen und hatte mehr Zeit für meine Familie. In diesen Momenten fühle ich mich frei.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Katholischen Journalistenschule ifp entstanden. Der Autor des Textes ist dort Stipendiat und hat diesen Beitrag innerhalb eines gemeinsamen Projektes mit jetzt recherchiert und verfasst. Die im Rahmen des Projektes entstandenen Beiträge findest du auf der Themenseite „jetzt: Freiheit“.

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