„Unwissenheit steht einem freien Umgang mit Sexualität im Weg“

Foto: Julina Lazaro

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Eigentlich studiert der 21-jährige Quint Aly Biologie auf Lehramt an der Universität Hamburg. Aber seit einem Jahr ist er auch Gründer des Vereins „WirHabenLust“ für sexuelle Aufklärungsarbeit. Der Verein sieht sich als Plattform für Bildungsangebote und Dialog im digitalen Raum. Dazu erstellen die 80 Mitglieder Infomaterial, wie etwa ein Lexikon mit Begriffen rund um Sexualität oder Blogbeiträge über Verhütungsmittel und das Jungfernhäutchen, und führen Umfragen durch. Der Verein befindet sich noch im Aufbau, möchte in Zukunft aber auch Beratungen per Messenger anbieten. Ziel ist es, eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich jede*r mit seiner*ihrer Sexualität wohl, gleichberechtigt und verstanden fühlt. Im Interview spricht Quint über die Schwächen des Aufklärungsunterrichts und darüber, warum auch Pädophilie kein Tabuthema sein darf.

jetzt: Quint, wie aufgeklärt bist du selbst?

Quint Aly: Vor ein bis zwei Jahren hätte ich mich noch als sexuell aufgeklärte Person bezeichnet. Aber jetzt, wo ich begonnen habe, mich viel intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen, würde ich das so nicht mehr sagen.

Warum?

Unter anderem, weil es keine Zielmarke gibt, wann vollkommene Aufklärung erreicht ist. Man kann sich immer noch weiter aufklären.

Was hat dich dazu motiviert, dich für mehr sexuelle Aufklärung einzusetzen?

Ein sehr offenes Gespräch über meine Sexualität, das ich mit Freundinnen geführt habe. Dabei ist uns aufgefallen, dass wir das sehr selten machen, es aber unglaublich gutgetan hat. Ich wünsche mir, dass sich alle Menschen in unserer Gesellschaft so offen mit diesem Thema beschäftigen können, ohne dass sie sich Gefühlen wie Scham oder Diskriminierung ausgesetzt fühlen müssen. Es gibt zu viele Tabuthemen.

„Sogenannte Ejakulationsstörungen sind ein psychisch unglaublich belastendes Thema“

Zum Beispiel?

Sogenannte Ejakulationsstörungen sind beispielsweise ein psychisch unglaublich belastendes Thema, das bisher aber kaum in der Öffentlichkeit sichtbar ist. Dabei sind bis zu 25 Prozent der Männer davon betroffen. Solche Themen müssen mehr Raum bekommen, zum Beispiel in Interviews wie diesem. Aber auch in Praxen müssten Ärzt*innen ihren Patienten verstärkt das Gefühl vermitteln, dass sie Probleme offen ansprechen können. So erkennen Leute, dass sie nicht allein damit sind. Solche Tabuthemen gibt es bei allen Geschlechtern und sexuellen Identitäten.

In der Schule wird im Rahmen des Biologieunterrichts Sexualkunde unterrichtet. Werden Jugendliche dort nicht genug aufgeklärt?

Definitiv nicht. Das habe ich an zwei Dingen erkannt: Das eine war ein Blick in die Bildungspläne der Länder. Dort kommt das Stichwort „Sex“ oft nur im Kontext der Fortpflanzung vor. Themen der Sexualität sind aber auch für die freiheitliche Selbstbestimmung und für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig. Das andere war mein eigener Lehrplan im Studium. Der soll mich auf meine Lehrtätigkeit in Schulen, also den Umgang mit jungen Menschen vorbereiten, sieht aber keine gesonderte Auseinandersetzung mit Sexualität vor. Er vermittelt mir also nicht die Kompetenzen, dieses Thema als Lehrer behutsam und für alle verträglich anzusprechen. Es gibt viele Themenbereiche, die von Schule und Gesellschaft noch nicht genügend beleuchtet werden.

Hast du ein Beispiel?

Ein wichtiges Thema ist die weibliche Lust. Das wird beispielsweise an dem sogenannten Orgasm-Gap deutlich. Studien zeigen, dass Männer in fast 95 Prozent der Fälle zum Orgasmus kommen, wenn sie heterosexuellen Geschlechtsverkehr haben, Frauen aber nur in 60 bis 70 Prozent der Fälle. Männer, aber auch Frauen, wissen oft nicht, dass die weibliche Lust anders funktioniert als die des Mannes. Für den weiblichen Orgasmus spielt die klitorale Stimulation eine größere Rolle als die reine Penetration. Das ist eine Wissenslücke, die es zu schließen gilt.

„Unwissenheit steht einem freien Umgang mit Sexualität im Weg“

Damit beide Geschlechter ihre Sexualität voll genießen können.

Genau. Unwissenheit steht einem freien Umgang mit Sexualität im Weg. Wenig Erfahrung übrigens auch. Ich persönlich entdecke in meiner Sexualität immer wieder neue Facetten. Das liegt auch daran, dass sie sich immer wieder verändert. Um mich mit diesen Facetten wirklich wohlfühlen zu können, muss ich sie davor natürlich identifiziert haben und dann lernen, über meine Bedürfnisse zu sprechen. Es ist nämlich oft gar nicht so leicht, diese Gefühle in Worte zu fassen.

Die offene Kommunikation über Sexualität ist auch Ziel deines Vereins.

Ja, denn der Schlüssel zu einer befreiten Sexualität ist reden, reden und reden. Nur in einer Auseinandersetzung, die öffentlich sichtbar ist, können wir jungen Menschen vermitteln, dass sie mit ihren Gedanken und Gefühlen nicht allein sind und dass diese frei kommuniziert werden dürfen.

In Zukunft wollt ihr auch Beratungen anbieten. Glaubst du denn, dass die jungen Menschen sich trauen werden, mit euch über ihre Probleme mit Sexualität zu sprechen?

Ich engagiere mich seit meinem 14. Lebensjahr in der Evangelischen Jugendarbeit. Aus der dortigen Arbeit weiß ich, dass sich junge Menschen erst mal nur mitteilen, wenn wir einen „Safe Room“ schaffen. Das heißt, wenn wir eins zu eins ins Gespräch kommen und ihnen versichern können, dass, was auch immer besprochen wird, nicht nach außen dringt. Langfristig würde ich das gerne überwinden. Ich will, dass junge Menschen sich trauen, ihre Sexualität zu besprechen und zu verhandeln, auch, wenn mehrere Menschen zuhören oder der Dialog öffentlich ist. Dann erst ist das Thema nicht mehr schambehaftet und dann können wir sagen, dass wir gute Arbeit geleistet haben.

Ist sexuelle Freiheit wirklich für alle erreichbar? Was ist etwa mit pädophilen Menschen?

Mittlerweile weiß man, dass Pädophilie keine Krankheit ist, sondern eine sogenannte sexuelle Präferenz. Es muss natürlich unser alleroberstes Ziel sein, dass diese in keiner Weise ausgelebt wird, weder über den Konsum von Kinderpornographie, noch durch den sexuellen Kontakt mit Kindern. Für Menschen mit einer solchen Neigung bedeutet das also, dass sie einen großen Teil ihrer Sexualität einschränken müssen, um ihren Beitrag zu einem gesellschaftlichen Zusammenleben zu leisten.

„Grenzt man pädophile Menschen aus der Gesellschaft aus, ist es wahrscheinlicher, dass sie zu Täter*innen werden“

Wie kann man diesen Menschen helfen?

Indem wir das Thema gesellschaftsfähig machen. Wenn offen darüber geredet wird, fällt es Menschen mit dieser Präferenz leichter, sich zum einen ihrem privaten Umfeld zu öffnen und zum anderen professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Grenzt man pädophile Menschen hingegen aus der Gesellschaft aus, ist es aus psychologischer Sicht wahrscheinlicher, dass sie zu Täter*innen werden.

Du hast viel über gesellschaftliche Tabuthemen und Vorurteile gesprochen. Beeinflusst auch die Politik unsere Sexualität?

Ja. Wir müssen uns nur mal vor Augen führen, wie lange es gedauert hat, bis homosexuelle Beziehungen der heterosexuellen Ehe gesetzlich gleichgestellt wurden. Das ist ein ganz markantes Beispiel dafür, dass die Politik bestimmte Lebensformen bevorzugt und andere diskriminiert – und damit eben auch bestimmte Formen der Sexualität. Viele alternative Lebensentwürfe, die nicht dem klassischen heteronormativen Familienbild entsprechen, sind bis heute noch nicht gesetzlich gleichgestellt. Da denke ich beispielsweise an homosexuelle Paare, die auf natürliche Weise keine Kinder bekommen können. Eine Leihmutter könnte das Kind für das Paar austragen, in Deutschland ist das aber verboten. Also ja, Politik beeinflusst ganz stark unser gemeinschaftliches sexuelles Zusammenleben.

Wann haben wir sexuelle Freiheit erreicht?

Wenn Gespräche über Sexualität genauso selbstverständlich werden, wie sich mit seinen Kolleg*innen über den Weg zur Arbeit zu unterhalten, dann sind wir frei in unserem Umgang mit Sexualität. 

Aber das ist ja nur der erste Schritt.

Offen über Sexualität zu reden, ist zumindest der Schritt, den wir als Zivilgesellschaft anpacken können. Das befreit den Staat aber nicht von seiner Verantwortung. Den rechtlichen Rahmen für ein sexuell offenes Leben zu schaffen, muss endlich höchste Priorität haben. Diesen gilt es dann auszufüllen, zum Beispiel mit massiven Investitionen in die schulische Sexualaufklärung.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Katholischen Journalistenschule ifp entstanden. Die Autorin des Textes ist dort Stipendiatin und hat diesen Beitrag innerhalb eines gemeinsamen Projektes mit jetzt recherchiert und verfasst. Die im Rahmen des Projektes entstandenen Beiträge findest du auf der Themenseite „jetzt: Freiheit“.

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