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Kann es gesund sein, sich Freiheiten entziehen zu lassen? Ja, sagen Patientin Angie und Psychologin Elisa.
Foto: yupachingping / AdobeStock

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Triggerwarnung: In diesem Text werden unter anderem Depression, Selbstverletzung und suizidale Handlungen thematisiert.

Gefährden Menschen mit psychischen Erkrankungen sich selbst oder andere, werden sie oft auf der geschützten Station einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Wie fühlt es sich an, dann plötzlich nicht mehr frei zu sein? Und wie, anderen die Freiheit zu ihrem eigenen Schutz zu entziehen? Diese Fragen beantworten die ehemalige Patientin Angie und die Psychologin Elisa in Telefongesprächen mit jetzt. Die beiden kennen einander nicht und erzählen von unterschiedlichen Einrichtungen.

„Mir wurde alles weggenommen“

Angie22, war vor sechs Jahren zum ersten Mal zur Behandlung auf der geschützten Station einer Psychiatrie.

„Das erste Mal, dass ich mich in meiner Freiheit so richtig eingeschränkt gefühlt habe, war, als ich 2015 nach einem Suizidversuch in die Kinder- und Jugendpsychiatrie musste. Am Anfang habe ich viel geweint, weil ich nicht mit der Situation klar kam. Mir wurde alles weggenommen. Ich durfte nichts anhaben, das Bändel oder Ähnliches hatte und womit ich mich selber hätte verletzen können. Ich durfte keinen BH und auch keine Schuhe tragen, nur Hausschuhe oder Socken. Richtig geschockt war ich auch, als ich das erste Mal zwischen den ganzen anderen Leuten mit teils schweren Krankheiten stand. Da dachte ich mir: ‚Was soll ich hier? Verglichen mit den anderen bin ich doch eigentlich noch normal.‘ Am ersten Tag, an dem ich telefonieren durfte, habe ich meine Eltern angerufen und gesagt, sie sollen mich rausholen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es nichts bringt und dann habe ich es akzeptiert.“

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Elisa will ihr Gesicht nicht in dieser Geschichte zeigen – Dafür aber ihr Klemmbrett. Es begleitet die Psychologin ständig bei ihrer Visite durch die geschützt geführte Station.

Foto: Maurice Schönen

„Ich war überrascht, wie wenig aufregend es war“

Elisa, 29ist seit Sommer 2020 als Psychologin auf einer geschützt geführten Station tätig.

„Bevor ich das erste Mal die geschützte Station besuchen durfte, war ich total aufgeregt. Ich war mir nicht sicher, was mich erwartet und sah mich auch mit meinen eigenen Vorurteilen und Stereotypen aus diversen Filmen konfrontiert. Ich hatte Bilder von wild schreienden Menschen in Zwangsjacken im Kopf. Menschen, vor denen ich Angst haben muss. Aber ich war überrascht, wie wenig aufregend es dann war. Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich an meinem ersten Tag unsicher oder bedroht gefühlt. Es sieht dort nicht so aus, wie man es vielleicht aus Filmen kennt. Die Psychiatrie ähnelt einer normalen Krankenstation, mit dem Unterschied, dass man nur durch eine Schleuse hereinkommt. Die Patient*innen können nicht einfach die Station verlassen, wann sie möchten. Gegenstände, die potentiell gefährlich sind, nehmen wir ihnen ab. Das betrifft zum Beispiel Rasierer, Strickzeug, Gürtel oder auch lange Ketten, die stabil genug sind, um sich damit selbst zu verletzen. Wir bewahren ihre persönlichen Gegenstände für sie in kleinen Boxen auf. Wenn sie die Gegenstände mal brauchen, können sie sie sich für eine gewisse Zeit abholen. Frühs beispielsweise den Rasierer. Möchte jemand basteln, verleihen wir auch mal eine Schere – das wird aber alles notiert.“

„Lange habe ich gedacht, die Pfleger wollen mir nur Böses“ 

Angie: „Auf einer geschützten Station sind alle Türen abgeschlossen. Man steht viel unter Beobachtung. Sogar duschen durfte man oft nur unter Aufsicht, je nachdem wie akut die Situation war. Die haben aufgepasst, dass man sich nichts antut. Raus durfte man auch nur in kleinen Grüppchen. Das war für mich ganz komisch, sich immer abzumelden. Da fühlt man sich ein bisschen wie mit zwölf, als würde man sich bei der Mutti abmelden. Jetzt weiß ich: Das war alles zu meiner eigenen Sicherheit. Lange habe ich aber immer gedacht, die Pfleger wollen mir nur Böses. Ich fand es scheiße, dass sie mir alles wegnehmen und verbieten wollten. Manchmal hat mir mein Handy gefehlt, das darf man auf der Geschlossenen nicht haben. Es ist aber auch ganz gut, wenn man sein Handy mal nicht hat. Das soll einen eben von der Außenwelt abkapseln, damit man nicht durch Nachrichten von Freunden oder den Medien auf schlechte Gedanken kommt.“

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Auch Angie will sich hier nicht zeigen. Stattdessen ihre Lieblingstaube: Orlando. Er ist eine von fünf Tauben, die Angie in ihrer Freizeit ehrenamtlich versorgt.

Foto: Privat

„Die Patient*innen haben bei uns viele Freiräume“

Elisa: „Wir entscheiden individuell, welche Freiheiten den Patient*innen zugesprochen werden können. Kriterium dafür ist zum einen das Krankheitsbild an sich und wie weit sie in der Behandlung vorangeschritten sind. So ist es möglich, dass sie auch mal Ausgang bekommen und zum Beispiel zweimal die Woche unsere Ergotherapeutin bei einem Stadtausflug begleiten können. Bei Patient*innen, die in der Therapie besonders gut vorankommen, besteht sogar die Möglichkeit, alleine oder mit Angehörigen das Haus zu verlassen. Bei Menschen mit Suchterkrankungen wird es schwierig. Für die ist gerade am Anfang der Ausgang ein No-Go, weil die Gefahr, dass sie rückfällig werden, zu groß ist. Es ist bei unseren Patient*innen generell aber nicht so, dass wir sie rund um die Uhr auf jedem Schritt verfolgen.“

„Die Pflegekräfte stecken nicht in einem drin und haben nicht durchgemacht, was ich erlebe“

Angie: „Uns wurde immer gesagt, wir sollen hier keine Freundschaften bilden, weil wir uns gegenseitig runterziehen. Natürlich haben wir uns trotzdem angefreundet. 2017 habe ich so meine beste Freundin kennengelernt. Wir sind zusammen rauchen gegangen, haben uns zusammen die Therapien ausgesucht oder uns umschreiben lassen, damit wir zusammen sind. Mir hat es geholfen, eine Bezugsperson zu haben, die nicht zum Pflegepersonal gehört. Die stecken nicht in einem drin und haben nicht durchgemacht, was ich erlebe. Meine Freundin hat die gleichen Diagnosen, die weiß, wie ich mich fühle und versteht, wie ich denke. Mit manchen Pflegern habe ich mich sehr gut verstanden. Die habe ich beim Vornamen genannt und wir haben zusammen Späßchen gemacht. Das war aber sehr unterschiedlich. Es gab auch Tage, an denen man dachte, heute wird das Chaos pur, wenn bestimmte Pfleger Schicht haben.“ 

„Im Zweifel ist die Person eine Nacht gegen ihren Willen im Krankenhaus. Dafür kann das Leben danach weitergehen“

Elisa: „Viele Patient*innen kommen immer wieder und sind daher auch bekannt im Haus. Natürlich entwickeln sich dadurch vor allem zum Pflegepersonal Beziehungen und mit der Zeit baut sich Vertrauen auf. Das ist für viele Patient*innen entlastend, gerade in ihrer gesundheitlichen Krise. Sie wissen beispielsweise, dass sie sich darauf verlassen können, Hilfe zu bekommen, wenn sie auf die Klingel neben dem Bett drücken. Damit es dazu kommt, dass wir helfen können, ist aber erst mal etwas anderes wichtig: Dass Angehörige ernstnehmen, wenn jemand aus der Familie Depressionen hat oder sich suizidal äußert und die betroffene Person dann auch zum Hilfsangebot bringt. Im Zweifel ist die Person eine Nacht gegen ihren Willen im Krankenhaus. Dafür kann das Leben danach weitergehen. Es ist deshalb wichtig, dass das Tabu um psychische Erkrankungen endlich gebrochen wird.“ 

Das Einzige, worum du dich auf der Geschlossenen kümmern musst, ist dein inneres Selbst“ 

Angie: „Man hat mich mit 16 von daheim weggeholt. Ohne meine Familie in der Klinik zu sein, war für mich lange sehr schwer. Ich habe aber gelernt, mit mir selber klarzukommen und Skills auszuprobieren. Skills lernt man ganz am Anfang, die wendet man an, wenn man den Druck hat, sich zu schneiden. (Anm. der Redaktion: Skills sind Fähigkeiten, die es ermöglichen, sich eigenständig aus akuten Belastungs- oder Spannungssituationen zu befreien.) Ich habe gelernt, mehr auf mich selbst zu achten, mich mehr um mich zu kümmern. Ich habe in gewisser Hinsicht Freiheiten dazu gewonnen. Das Einzige, worum du dich auf der Geschlossenen kümmern musst, ist dein inneres Selbst. Wenn du kaum Ablenkung hast, sind deine Gedanken irgendwann lauter als sonst und genau deswegen bist du da. Ich glaube, man muss manchmal einfach Freiheiten abgeben, um wieder gesund zu werden. Wenn man das nicht macht, verliert man sich irgendwann selbst. Wäre ich damals nicht zwangseingewiesen worden, wäre ich vielleicht nicht mehr hier.“

„Sich Hilfe zu holen, ist nichts, wofür man sich schämen muss“ 

Elisa: „Ich war überrascht, wie viele freiwillig da sind. Ich höre immer wieder, dass die Patient*innen von sich sagen, dass sie sich noch nicht bereit fühlen, auf die offene Station oder nach Hause verlegt zu werden. Freiheit bedeutet für mich, wenn ich die Möglichkeit habe, meine Werte und Ziele umzusetzen und meinen eigenen Weg zu gehen. Durch meine Arbeit schätze ich meine eigene Freiheit mehr wert. Nicht in dem Sinne, dass ich mein Haus verlassen kann, wann ich möchte, sondern, dass ich nicht in meinen Gedanken gefangen bin. Das ist bei vielen Patient*innen der Fall. Deshalb sehe ich die Psychiatrie als große Chance für die Menschen. Ich finde es schade, dass dieses Thema noch so negativ belastet ist. Sich Hilfe zu holen, ist nichts, wofür man sich schämen muss oder was einem peinlich sein muss. Im Gegenteil. Es ist ein wichtiger und mutiger Schritt, der uns zeigt, dass eine Motivation in Richtung Besserung vorhanden ist. Es ist der erste große Schritt, an dem man anknüpfen kann. Sobald eine Besserung eintritt, ist für die Patient*innen wieder viel mehr möglich im Alltag. Sie haben die Möglichkeit gewonnen, sich auszuleben und ihre Ziele zu verfolgen. Ich erlebe es oft, dass uns am Ende eine ganz andere Person verlässt als die, die zu uns gekommen ist.“

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Katholischen Journalistenschule ifp entstanden. Der Autor des Textes ist dort Stipendiat und hat diesen Beitrag innerhalb eines gemeinsamen Projektes mit jetzt recherchiert und verfasst. Die im Rahmen des Projektes entstandenen Beiträge findest du auf der Themenseite „jetzt: Freiheit“.

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