„Das Verhältnis zwischen mir und Jesus muss passen“

Florian Florack, 32, hat studiert, in einer Wirtschaftsprüferkanzlei gearbeitet, gut verdient und gewohnt, Liebesbeziehungen geführt und gefeiert – und nun? Will er Priester werden.
Foto: Privat

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

„Ich stehe noch relativ am Anfang meiner Priesterausbildung“, sagt Florian Florack. „Da ist der Enthusiasmus vielleicht noch größer – oder der Zweifel.“ Der junge Mann trägt eine hellblaue Jeans und einen grauen Pullover, im Gesicht einen kurzen Bart. Seine braunen Haare hat er sich aus dem Gesicht gekämmt. Während er erzählt, sitzt er an einem Seminartisch, faltet die Hände darauf.

Seit etwa einem Jahr wohnt der 32-Jährige hier in der Georgenstraße; mitten im Münchner Hip-Viertel Schwabing. Dort befindet sich neben der Uni, vielen Bars und Clubs auch das Priesterseminar der Erzdiözese München und Freising. Ein kastenförmiges Gebäude, gedeckte Farben, im Stil der Achtzigerjahre. Hier wird Florian als einer von etwa 20 Seminaristen ausgebildet.

ifp freiheit potrait priester galerie 2

Seit etwa einem Jahr lebt Florian im Priesterseminar.

Foto: Nico Kellner

Die Beziehung zu Gott spielte in Florians Leben schon immer eine wichtige Rolle, erzählt er. Er war unter anderem Dom-Ministrant und in seiner Heimatpfarrei ehrenamtlich aktiv. Ob er  wirklich deshalb Priester werden möchte? „Da bin ich mir noch nicht ganz sicher. Ich bin mir nur sicher, dass ich es herausfinden will“, sagt Florian. Im Priesterseminar habe er nun acht Jahre Zeit, sich intensiv mit dieser Frage zu beschäftigen. So lange dauert sie nämlich, seine Ausbildung zum katholischen Priester. „Immerhin ist das Priesteramt eine Lebensaufgabe“, sagt er. Auf die müsse man sich gut vorbereiten.

Früher war Florian im Fußballverein, führte Liebesbeziehungen, ging in Clubs feiern

Florian schreitet einen langen Gang entlang, der zwei Teile des Seminargebäudes verbindet. Eine lange Glasfassade gibt den Blick in einen Kreuzgang frei, das ist eine Art Garten. Kreuzgänge werden unter anderem in Klöstern zur Meditation genutzt, hier lagern darin Gartenmöbel. Im Vorbeigehen deutet Florian auf eine Statue, die auf einem Sockel steht: „Das ist der heilige Korbinian“, sagt er, „er ist der Schutzpatron unseres Bistums.“ Ihm gegenüber steht eine zweite Statue, Johannes der Täufer. Viel mehr deutet nicht darauf hin, dass in diesen Mauern Heiliges passiert: Der Boden aus Stein ist schlicht, die Wände weiß und kahl, in der Ecke steht ein Regal mit Flyern und Zeitschriften. Am Ende des Gangs öffnet Florian eine Tür und betritt den Seminarraum des Gebäudes.

Für sein neues Leben lässt Florian einiges zurück: Job, Wohnung, Sexleben. Es gibt Tage, an denen er sein altes Leben vermisst, „gar keine Frage“, sagt er. Früher war er im Fußballverein, führte Liebesbeziehungen, ging feiern in Clubs, trank in Bars und machte zunächst auch das, was die meisten anderen taten: nach dem Abi studieren; BWL und Chemie. Danach arbeitete er in einer Wirtschaftsprüferkanzlei und unternahm Reisen für seinen Arbeitgeber. Immer spürte er aber in sich die Frage drängen, ob er zum Priesteramt berufen ist: „Es war wie eine Sehnsucht danach. In einem gewissen Alter – als ich schon über 30 war – habe ich gespürt, dass ich mir zumindest Gedanken darüber machen sollte.“ 

Seitdem führt er ein Leben, wie es für Priesteranwärter vorgeschrieben ist: Werktags um halb sieben Morgenandacht. Danach: gemeinsames Frühstück, Theologiestudium, Messe, Mittagessen, Freizeit, Messe. Den Abend kann er gestalten, wie er will. „Es gibt keine Schließzeit wie im Gefängnis“, sagt Florian und lacht über den Vergleich. Nur fit sein müsse er am nächsten Tag wieder.

„In gewisser Weise kommt das einer Unterwerfung gleich“

Kann ein junger Mann wie Florian, der mit seinem „Tommy-Hilfiger“-Pulli eher aussieht, wie der BWL-Student, der er einmal war, mit einem solchen Leben glücklich werden? „Man ist ja nicht im Gefängnis“, wiederholt er und erzählt, dass das Seminar sogar ein eigenes Fitnessstudio im Keller habe. Ein seltener Luxus. Sein Zimmer sei dagegen, so erzählt er, „überschaubar groß, eher wie in einer Jugendherberge“ und spartanisch mit Schreibtisch, Bett, Schrank und einem Bücherregal eingerichtet. Herzeigen darf er es nicht, so ist es im Seminar vorgesehen. Immerhin sei so ein Zimmer ein „urpersönlicher Ort“.

Der Schritt von der eigenen Wohnung in ein zwölf Quadratmeter kleines Zimmer war mit vielen Trennungen verbunden: „Da habe ich schon überlegt, ob ich zehn Hosen brauche, oder ob es drei auch tun.“ Er entschied sich für die bescheidene Variante und gab viele Dinge weg.

„Natürlich ist vieles vorgegeben und fremdbestimmt“, sagt Florian und meint damit nicht nur das Priesterseminar, sondern auch die Arbeit für die Kirche. „In gewisser Weise kommt das einer Unterwerfung gleich“, sagt er. „Das betrifft die Ehelosigkeit, aber noch vieles mehr. Der Arbeitsort ist beispielsweise ja festgeschrieben.“ Die Bezahlung sei außerdem im Vergleich zu Berufen in der Wirtschaft eher durchschnittlich und weder Urlaub noch ein freies Wochenende seien die Regel. „Persönliche Wünsche muss man dann eben unterordnen.“

Florian hat sich an einen der Tische im Seminarraum gesetzt und blickt zu einer Leinwand vor, auf der die Studenten pandemiebedingt gemeinsam ihre Online-Vorlesungen ansehen. Rechts daneben hängt ein großes Holzkreuz. Es ist einer der wenigen Gegenstände an der weißen Wand des Klassenzimmers. Wer sich an einen der vielen Holztische setzt, die sich dort aneinanderreihen, richtet unweigerlich seinen Blick darauf.

„Niemand wird Priester, weil er den Zölibat so toll findet“

Florian ist in einer Großfamilie mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Ein solches Familienleben ist für einen katholischen Priester allerdings nicht vorgesehen. Stört ihn das nicht? „Niemand wird Priester, weil er den Zölibat so toll findet“, sagt er und lacht. „Natürlich kommt es vor, dass man sich nach einer Beziehung sehnt – danach, dass man abends heimkommt und jemand auf einen wartet.“ Aber die zölibatäre Lebensweise gehöre eben zum Gesamtpaket. Freunde, so erzählt er, hätten ihm dennoch aus ebendiesem Grund vom Priestersein abgeraten. „Sie meinen, ich würde bestimmt ein guter Familienvater.“ Trotzdem entschied sich Florian für das Leben im Dienst der Kirche, der Zölibat habe nämlich auch seine Berechtigung: Ohne familiäre Aufgaben und Probleme kann man als Pfarrer viel besser für seine Gemeinde da sein und Menschen beistehen, die krank oder alleine sind.“  

Die Freiheit, eine Familie zu haben, könne man aber nur unter gewissen Voraussetzungen aufgeben: „Man muss eine besondere Beziehung zu Gott haben. Das Verhältnis zwischen mir und Jesus muss passen, sonst kann auch der Kontakt zur Gemeinde nicht gut sein.“ Man sei als Priester so viel in Kontakt mit Krankheit, Tod und Leid, da „braucht man einfach ein leuchtendes Licht“, sagt er, während sein Gesichtsausdruck immer nachdenklicher wird. „Dann kann man die Freiheit, die man für sich selbst aufgibt, vielleicht auch an andere weiterschenken. Und genau das ist eben das, was ich will: Für andere da sein.“

ifp freiheit potrait priester galerie 1

Das Priesterseminar hat eine hauseigene Kapelle. Hier verbringt Florian mindestens zwei Stunden am Tag.

Foto: Nico Kellner
ifp freiheit potrait priester galerie 3

Foto: Nico Kellner

Florian steht auf, um die hauseigene Kapelle des Seminars zu präsentieren. Jeden Tag verbringt er dort etwa zwei Stunden, angefangen mit der Morgenandacht um 6.30 Uhr. Der Raum ist relativ dunkel und wird nur durch schmale, aber hohe, bunte Fensterscheiben erhellt. Weiße Wände, bronzene Kerzenleuchter, eine einzige Marienstatue. Hinter dem Altar reicht ein schwerer violetter Vorhang von der Holzdecke bis zum Boden. „Die Christusstatue ist während der Fastenzeit verhängt“, erklärt Florian.

Fünf seiner Kollegen im Priesterseminar werden im Frühsommer geweiht werden und dann in die Gemeinden des Erzbistums entsandt. „Mit der Weihe bindet man sich als junger Mensch ein Leben lang an das Priesteramt. Priester bleibt man bis zu seiner Beerdigung“, sagt er.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Katholischen Journalistenschule ifp entstanden. Der Autor des Textes ist dort Stipendiat und hat diesen Beitrag innerhalb eines gemeinsamen Projektes mit jetzt recherchiert und verfasst. Die im Rahmen des Projektes entstandenen Beiträge findest du auf der Themenseite „jetzt: Freiheit“.

  • teilen
  • schließen