Menschen aus Ostasien sind nicht immer reich

Serien wie „Bling Empire“ folgen dem Vorbild des Films „Crazy Rich Asians“: Mehrheitlich ostasiatische Casts sieht man eigentlich nur, wenn die Protagonist*innen Superreiche sind.
Illustration: Daniela Rodulf-Lübke; Foto: Netflix, Sanja Bucko / Warner Bros Entertainment

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„Es kostet nur 19 000 Dollar“, sagt Jaime Xie über ihre Monatsmiete, während sie mit ihren Freund*innen am hauseigenen Pool sitzt. Die Finanzierung dafür käme aus ihrem Treuhandfonds. Schwimmen gehen könnte sie aber nicht, denn ihr Badeanzug sei in einem Flügel ihres Kleiderschranks verloren gegangen. Jaime Xie ist eine Protagonistin bei „Bling Empire“, einer Reality-Show auf Netflix. Neben „House of Ho“ auf HBO Max ist diese schon die zweite westliche Reality-Serie mit komplett ostasiatischem Cast. Die Gemeinsamkeit: Im Mittelpunkt stehen millionen-, teils milliardenschwere Asian Americans und deren luxuriöser, verschwenderischer Lebensstil. 

Es scheint als hätten die Formatentwickler*innen den Erfolg von „Crazy Rich Asians“ (2018) bemerkt und seitdem in keine andere Richtung mehr gedacht. Ich stelle mir den Gedankengang ungefähr so vor: „Obszön reiche Asiast*innen? Hey, das hat doch einmal gut geklappt, die Nummer nudeln wir jetzt einfach nochmal und nochmal durch.“

So wird aber das eine Narrativ zum einzigen Narrativ und gibt Futter für Stereotype

Das wäre nicht mal ein Problem, wenn es eben auch andere Reality-Shows mit komplett ostasiatischem Cast gäbe. Wer aber Ostasiat*innen in anderen Hauptrollen sehen will, findet im Bereich Non-Fiktion derzeit keine Alternative. Es gibt also zwei Shows über das „obere Prozent“, aber nichts zu ostasiatischen Arbeiter*innen- oder Mittelstandsfamilien, denen die Mehrheit der ostasiatischen Migrant*innen in den USA aber auch in Deutschland angehören. So wird das eine Narrativ zum einzigen Narrativ und gibt Futter für Stereotype.

Zwar werden die Protagonist*innen nicht in den typisch rassistischen Klischees à la hypersexuelle Drachenlady oder Trottel-Nerd dargestellt, aber sie verstärken die Vorstellung der erfolgreichen Vorzeigeminderheit. Dieses Klischee stellt vor allem Ostasiat*innen als gut integriert und hart arbeitend dar und wird meist von der Mehrheitsgesellschaft genutzt, um marginalisierte Gruppen à la „gute Ausländer, schlechte Ausländer“ gegeneinander auszuspielen. Die Vorstellung von „übererfolgreichen Asiat*innen“ homogenisiert aber und setzt unter Druck. Sie führt aber auch dazu, dass Schmerz und schlechte Erfahrungen heruntergespielt werden, weil man doch eh erfolgreich sei und deshalb angeblich keine Diskriminierung erfahren könne.

Reality-Shows mit Superreichen sind seit „MTV Cribs“ beliebt und spätestens seit den Kardashians ein absolutes Erfolgskonzept, das sich in 14 Staffeln „Keeping Up The Kardashians”, Spin-Offs und vielen ähnlichen Formaten durchgesetzt hat. „House of Ho“ und „Bling Empire“ Ende 2020 beziehungsweise Anfang 2021 zu veröffentlichen, fühlt sich aber trotzdem wie schlechtes Timing an. Die Shows kamen nach fast einem Jahr Pandemie, die vor allem für Ostasiat*innen weltweit Ausgrenzung, Rassismus und sowieso für die meisten finanzielle Not bedeutet hat. Shows über Superreiche, ihre Exzesse und oftmals (durch die Produzent*innen) konstruierten Probleme, scheinen mir deshalb besonders realitätsfern.

Ich empfinde den Erfolg von „Crazy Rich Asians“ nicht als Erfolg für uns alle

Als 2018 „Crazy Rich Asians“ in die Kinos kam, war es ein Momentum. Der Film war die erste große Hollywood-Produktion mit mehrheitlich ostasiatischem Cast seit 1993. Basierend auf Kevin Kwans Buch-Trilogie geht es darin um eine chinesisch-amerikanische Professorin, die erfährt, dass ihr Freund zu den reichsten Familien Singapurs gehört. Ich fand Crazy Rich Asians unterhaltsam, hatte aber kurz nach Release auch wegen verschiedener Faktoren Bauchschmerzen. Ich wusste, dass der Film angesichts der wenigen asiatisch-amerikanischen Geschichten nicht einfach eine nette Rom-Com sein konnte. Er würde für Repräsentation, asiatische Geschichten auf dem großen Bildschirm, kurz für so viel mehr stehen müssen als es bei einer Rom-Com mit reichen Weißen der Fall wäre. Und diese Bauchschmerzen setzen nun eben auch wegen dieser Serien wieder ein. 

Der vietnamesisch-amerikanische Pulitzerpreisträger Viet Thanh Nguyen führte diesen Umstand in einem Artikel in der New York Times auf „narrative scarcity“, also narrative Knappheit zurück. Während sich die Mehrheitsgesellschaft in allen möglichen Formen abgebildet sehe, gebe es fast keine Geschichten über Minderheiten, weshalb jede Geschichte an hohen Standards gemessen werde. In der LA Times schrieb Nguyen außerdem: „Wenn Crazy Rich Asians erfolgreich wird, ist es ein Erfolg für uns alle. Wenn es scheitert, werden wir alle scheitern“ und meinte damit, dass der Film eine Art Gradmesser für die Verwertbarkeit ostasiatischer Geschichten sei. 

„Crazy Rich Asians“ war erfolgreich. Und am Ende empfinde ich den Erfolg eben doch nicht als Erfolg für uns alle. Denn das Narrativ dominiert jetzt und scheinbar ist kein Platz mehr für andere non-fiktionale, ostasiatische Geschichten. Shows wie „House of Ho“ und „Bling Empire“ setzen auf eine gewinnbringende Story, die das Publikum schon kennt. Das ist eine sichere Strategie, aber sie ist auch feige. Sie vernachlässigt vor allem so viele andere ostasiatische Lebensrealitäten, die weit weg von Reichtum und Sorglosigkeit sind.

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