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„Dieser Ort bleibt für immer meine Heimat“

Manche Orte im eigenen Heimatdorf haben eine ganz besondete Bedeutung.
Foto: dpa

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Das Jahr 2020 hat auch gezeigt: Es ist wichtig, dass man sich im eigenen Zuhause wohlfühlen kann, wenn draußen Infektionsgefahr herrscht. In der Corona-Pandemie wurde das Landleben plötzlich attraktiver als beengte Mietshäuser in der Stadt. In unserem Schwerpunkt zum Thema Landleben widmen wir uns diesem neuen Sehnsuchtsort – mit all seinen schönen, aber auch anstrengenden Seiten.

Wer auf dem Land aufwächst, hat mindestens zwei Vorteile gegenüber Stadtkindern. Erstens: Die Natur ist direkt vor der eigenen Haustür. Zweitens: Man hat sie oft für sich ganz alleine. So streunerten auch die Dorfkinder der jetzt-Redaktion in Kindheit und Jugend in ihren Hematorten herum und erkoren ihre persönlichen Lieblingsplätze aus. Sie beweisen: Auch die abgelegensten Dörfer und Provinzstädtchen haben Orte, die es wert sind, gesehen zu werden.

Lara Thiede wandert gern am größten See ihrer Heimat entlang.

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Der Große Brombachsee liegt im fränkischen Seenland.

Foto: privat

„‚Fast wie an der Ostsee‘ – Dieses Fazit zieht mindestens ein Familienmitglied, wann immer in meiner fränkischen Heimat weihnachtsspaziert wird. Ich nicke leicht zustimmend und beobachte, wie das Wasser des Brombachsees in sanften Wellen über den Sand schwappt. Ich mag den See besonders jetzt, im Winter, wo er menschenleer ist, man immer irgendwo selbstgebaute Hütten aus Stecken oder Steinmännchen findet und gedankenversunken durch den Sand und über die Steine krakseln kann.

Ich denke dann manchmal auch an die Dinge, die ich hier schon erlebt habe: Das Zeltlager in der Nähe, zu dem die ganze vierte Klasse geradelt ist. Die unter Kindern erzählte Legende von fußfressenden Hechten im See, wegen derer ich mich lange nicht mehr hinein traute. Die Sommer, in denen ich hier dann doch wieder baden ging und mich kurz, aber oft über all den Schlamm und die Entenkacke ärgerte. Die Sonne, die die Tropfen auf meiner Haut wegbrutzelte. Die Winter, in denen mein Bruder im eiskalten Wasser untertauchte und dafür Applaus erntete. Das Laufen, das Sitzen, das Liegen im Sand. Fast wie an der Ostsee.“

Kolja Haafs Lieblingsort fiel der Corona-Krise zum Opfer.

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„S’Hinterstädtle“, wie es liebevoll genannt wird.

Foto: dpa

„Wenn meine Familie ein Volk aus ‚Herr der Ringe‘ wäre, dann auf jeden Fall Hobbits – diese (bis auf wenige Ausnahmen) trägen, gemütlichen Biedermeier-Wichtel, die um jeden Preis vermeiden wollen, ihre gemütlichen Wohnhöhlen zu verlassen, die von Generation zu Generation weitervererbt werden. Das Haus meiner Familie steht in einer pittoresken Kleinstadt (7000 Einwohner) und diese wiederum in einer sonnigen Auenland-artigen Landschaft aus satten Weinbergen zwischen Schwarzwald und französischer Grenze. Nur gelegentlich verirren sich Elben (französische Tagestouristen) in diesen Winkel, ansonsten ist es dort ziemlich verschlafen. Und das könnte auch der Grund sein, weshalb wir unseren Hobbit-Lifestyle mehr oder weniger lückenlos über die Jahrhunderte haben durchziehen können: Unser Haus ist nachweislich mindestens seit dem 15. Jahrhundert im Familienbesitz.

Abgesehen von diesem Stammsitz ist mein Lieblingsort in diesem schnuckeligen Kaff derselbe, wie der der meisten anderen Alteingesessenen: Die einzige (wirklich brauchbare) Kneipe im Ort. Sie liegt im verwinkelten Hinterstädtle, der Altstadt hinter der Altstadt. Es gibt dort kauzige Stammgäste, wuchtige, verrauchte Holzbalken und den lokalen Weißwein Gutedel, der meiner Meinung nach zwar eine leichte Pipi-Note hat, aber die Heimatverbundenheit treibt’s rein. Die Kneipe heißt Rombach-Scheuer, liebevoll „Romm“ genannt. Typischer Dialog in der Stadt:

„Kommsch mit e Viertele trinke?“

„Haja – alle Wege führe nach Romm!“

Nur: Sie hat dicht gemacht. Wegen Corona-Verlusten. Es war undenkbar. Es zerreißt mir das Herz. Ich habe noch nicht einmal die Kraft, das hier mit einer runden ‚Herr der Ringe‘-Metapher abzuschließen.“

Niko Kappel hat seit Kindheit an ein Faible für Schlösser. Besonders für dieses eine.

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Schloss Lichtenstein wirkt schon beeindruckend – vor allem auf Kinder wie Niko eines war.

Foto: privat

„Ich mag Schlösser und Burgen sehr und das liegt mit ziemlicher Sicherheit an der ‚Perle der Schwäbischen Alb‘. So wird das mit Abstand berühmteste Gebäude der Gemeinde genannt, in der ich aufgewachsen bin. Das Schloss Lichtenstein. Ich habe keine Ahnung, wie oft ich dieses Schloss schon besichtigt habe. Ich kenne alles. Die Trinkstube mit dem Glas, das größer als ein Mensch ist, den Rittersaal mit den Wandmalereien und das Königszimmer, in dem ein Spiegel mit Einschussloch steht, dessen Ursprung nie ganz geklärt wurde. Ein Zimmer wurde so gebaut, dass der Fels, auf dem das Schloss steht, einfach durch den Boden und mitten in den Raum ragt. Vom Schlosshof kann man alle umliegenden Dörfer sehen und bei gutem Wetter, mit viel Phantasie, sogar den Stuttgarter Fernsehturm. In der kleinen Kapelle auf dem Hof wird öfter mal geheiratet, im Kiosk am Eingang gibt es Eis am Stiel und kitschige Souvenirs.

Die Geschichte des Schlosses ist nicht so alt, wie man glauben möchte. Denn die mittelalterlich aussehende Burg ist eigentlich erst knapp 180 Jahre alt. Friedrich Wilhelm Alexander Ferdinand Graf von Württemberg, Kunstsammler und Mittelalter-Freak, gab den Bau des Schlosses 1840 in Auftrag. Er wollte ein Schloss, in dem er seine Kunst aufbewahren konnte. Also hat er sich einfach eines bauen lassen. Seit ich fünf Jahre alt bin, ist es mein Traum, mal ein Wochenende auf dem Schloss zu wohnen. Wenn du das liest, Nachfahre von Friedrich Wilhelm Alexander Ferdinand Graf von Württemberg – text me.“

Philina Berati fühlt sich besonders in ihrer griechischen Heimat wohl.

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Philinas Großeltern pflanzen ihr eigenes Gemüse an – ihr Heimatort hat also auch viel mit Schmecken zu tun.

Foto: privat

„Mein Lieblingsdorf liegt im Nord-Westen Griechenlands, ziemlich nah an der Grenze zu Albanien, in der Nähe der Stadt Ioannina. Manchmal sage ich auch einfach: In der Nähe von Korfu, dann wissen die meisten, was ich meine. Das Dorf ist die Heimat meiner Familie. Mein Bruder und ich haben quasi die Hälfte unseres Lebens hier verbracht, vor allem, als wir kleiner waren. Die Bilder zeigen die Sicht von unserer Terrasse, wir blicken direkt auf die Berge und unendlich viel Grün. In mir steigt dabei viel Liebe, Wärme und Glückseligkeit auf, denn hier haben meine Großeltern mich großgezogen.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge immer noch, wie mein Opa jeden Spätsommerabend den Garten mit seinen Zitronen, Tomaten und Pfirsichen gießt, und wie meine Oma ihre wunderschönen Blumen zurechtschneidet. Auch, wenn mittlerweile wahrscheinlich keine 300 Menschen mehr hier leben und die ganzen jungen Leute in die Städte ziehen, bleibt dieser Ort für immer meine Heimat. Hier ist alles friedlich.“

Leonie Sanke hofft, dass ihr ihr Elternhaus für immer bleiben wird.

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Von einem solchen Ausblick können viele nur träumen.

Foto: privat

„Als ich mit drei Jahren in das Haus eingezogen bin, in dem ich aufwachsen würde, wusste ich es noch nicht so richtig zu schätzen. Ich war eine Neubauwohnung in der Stadt gewohnt. Das alte Fachwerkhaus in einem 1000-Einwohner*innen-Dorf mit dem Keller voller verschimmelter Spinnweben (ja, wirklich!) fand ich erst mal vor allem dreckig. ‚Putzen müsste man es halt schon‘, lautete mein Fazit bei der Besichtigung – so erzählen es mir meine Eltern zumindest noch. Doch schon bald erzählte ich allen voller Stolz, dass unser Haus mehr als 100 Jahre alt ist und mal ,Gasthaus Krone‘ hieß. In der Wohnung, in der ich mit meinen Eltern wohnte, wurde früher getanzt und getrunken. Als wir einzogen, zeugten noch eine Durchreiche mit gelbem Riffelglas und braungestrichene Holzdecken vom zweifelhaften Geschmack der 70er-Jahre. Die knarzenden Holzdielen sind geblieben.

Das Haus bot Platz für drei Generationen meiner Familie, meine Cousine und mich trennte nur eine Wand. Eine Stadtwohnung hätte uns nie so viel Raum und Freiheiten gegeben wie dieses alte Haus mit Garten, Terrasse und dem gruseligen Dachboden. Wirklich bewusst wurde mir dieses Privileg erst, als ich in die Großstadt zog. Auch meine Cousine ist inzwischen weggezogen und das Haus ist eigentlich zu groß für den Teil meiner Familie, der noch darin wohnt. Doch noch genieße ich den Blick von der Terrasse ins Tal, wenn ich zu Besuch bin, und rede mir ein, dass mir dieser Ort für immer bleiben wird.“

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