Wie die Pandemie junge Menschen aufs Land zieht

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Das Jahr 2020 hat auch gezeigt: Es ist wichtig, dass man sich im eigenen Zuhause wohlfühlen kann, wenn draußen Infektionsgefahr herrscht. In der Corona-Pandemie wurde das Landleben plötzlich attraktiver als beengte Mietshäuser in der Stadt. In unserem Dorf-Schwerpunkt widmen wir uns diesem neuen Sehnsuchtsort – mit all seinen schönen, aber auch anstrengenden Seiten.

Saskia hat das getan, worüber viele, die seit vergangenem Frühjahr im Home-Office in der Stadt sitzen, nur reden: Die 26-Jährige ist aufs Land gezogen. Von Hamburg in ein Dorf im nordrhein-westfälischen Kreis Kleve, mit 200 Einwohner*innen. Hinter dem rot geklinkerten Haus stehen zwei Pferde im Garten, dahinter beginnt eine Fallobstwiese. Sonst: „Viel gar nichts.“ Als Saskia im Frühjahr 2020 zum ersten mal hierher kam, war ihr erster Gedanke: „Oh Gott, das ist hier wirklich auf dem Land.“ Ihr zweiter: „Wunderschön!“ Von den Kämpfen, die sie hier noch würde ausfechten müssen – um Mobilität und Selbstständigkeit, gegen einen sexistischen Chef, aber auch mit sich selbst – konnte sie da noch nichts wissen.

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Saskia ist ein echtes Stadtkind, aber ihr war schon immer klar, dass sie aufs Land ziehen will. Die Pandemie bot ihr die Möglichkeit dazu.

Foto: privat
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Als sie in ein Dorf in NRW zog, stellte sich manches allerdings als weniger romantisch heraus, als sie es sicht vorgestellt hatte.

Foto: privat
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In die Stadt will Saskia trotz der Einschränkungen, die das Landleben mit sich bringt, nicht zurück.

Foto: Privat

Irgendwann mal in einem Bauernhaus auf dem Land zu leben, sei schon immer ihr Traum gewesen, erzählt Saskia im Videochat. Doch ihre frühere Beziehung und ihr Job hielten sie in Hamburg, wo sie auch aufgewachsen ist. Sie arbeitete am Hamburger Flughafen im Einzelhandel. „Mehr Stadt und Menschen geht nicht“, sagt Saskia. In dem kleinen Garten ihrer ersten eigenen Wohnung in Hamburg baute sie ein Hochbeet auf – ein bisschen Landleben in der Großstadt. Ohne die Corona-Pandemie wäre es wohl dabei geblieben. Doch im Februar meldete ihr Arbeitgeber Insolvenz an, der Lockdown besiegelte Saskias Kündigung. Gleichzeitig lernte sie ihren neuen Freund kennen, auch ein Hamburger, der wegen seines Jobs in dem Dorf bei Kleve lebte. Als sie ihn während der Kurzarbeit zum ersten Mal besuchte, dachte sie darüber nach, wie sie eigentlich leben will. Die Entscheidung fürs Land fiel irgendwo zwischen Baumarkt und Gartenarbeit.

Plötzlich waren die Argumente für die Stadt nicht mehr so überzeugend

Nach einer aktuellen Umfrage der Zeit würde ein Drittel der Großstädter*innen am liebsten aus der Stadt in ein weniger dicht besiedeltes Gebiet ziehen. Die meisten davon tragen diesen Wunsch schon länger mit sich herum. Ein Viertel der stadtmüden Menschen gab allerdings an, dass die Pandemie den Wunsch verstärkt habe oder überhaupt erst aufkommen ließ. Eine lebendige Kultur- und Gastroszene, Einkaufsmöglichkeiten an jeder Ecke, öffentliche Verkehrsmittel: Was die Stadt sonst so attraktiv machte, wurde plötzlich geschlossen oder zu Orten, die man meiden sollte. Parks und Kleingärten dagegen wurden zu Sehnsuchtsorten, für zu viele Menschen auf zu wenig Grünfläche. Plötzlich waren manche Argumente für die Stadt gar nicht mehr so überzeugend.

Stattdessen wurde deutlich, wie wichtig es ist, sich im eigenen Zuhause wohlzufühlen. Und wie schwer es sein kann, so ein Zuhause in der Stadt zu finden. Als Andrej, 30, und seine Freundin Vivi, 26, während der Pandemie beschlossen zusammenzuziehen, fanden sie in München keine schöne, bezahlbare Wohnung. Eigentlich habe er immer gern in München gewohnt, sagt Andrej, aber gleichzeitig habe er sich gedacht: „Wenn wir schon umziehen, dann muss es auch was wirklich Cooles sein.“ Das fanden sie schließlich am Rand des 10 000-Einwohner*innen-Städtchens Lenggries. Die Gegend im bayerischen Alpenvorland kannten sie nur von Wochenendausflügen in die Berge. Jetzt wohnen sie in einem Holzhaus mit Kamin in der Wohnung, nur wenige Meter von der Isar entfernt. Ab und zu fährt eine Kutsche vorbei. Außerdem: „sehr geile Luft“. Möglich gemacht hat das auch das Corona-Home-Office. Andrej arbeitet als Freiberufler, seine Freundin muss nur ein-, zweimal die Woche für die Arbeit nach München. Das einzige Problem: das Internet. „Das ist schon peinlich, wenn man in der Videokonferenz ständig nachhaken muss, weil die Verbindung schon wieder abgebrochen ist“, sagt Andrej. Dafür konnten die beiden im Sommer nach der Arbeit wandern gehen.

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Dass Andrej und Vivi jetzt in den Bergen leben können, haben die beiden auch dem Corona-Home-Office zu verdanken.

Foto: Privat

Dass die Corona-Pandemie unsere Art zu arbeiten nachhaltig verändern wird, steht jetzt schon fest. Viele, die wie Andrej und Vivi zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten können, wollen das nach der Pandemie beibehalten. Das hat eine Studie des Digitalverbands Bitkom ergeben. Weniger Stress und mehr Freizeit dank des fehlenden Arbeitswegs und eine bessere Work-Life-Balance sind die meistgenannten Gründe. Und das Home-Office macht auch räumlich flexibler. Warum also nicht gleich aufs Land ziehen, wo schon 2018 fast jede*r zweite Deutsche am liebsten leben wollte? 

Das Portal Immoscout24 hat im Juni festgestellt, dass die Nachfrage nach Häusern auf dem Land stark gestiegen ist. Doch das Interesse an Wohnraum in der Stadt ist laut der Plattform ungebrochen. Ein wirklicher Run aufs Land ist nicht auszumachen. Zwar hat die Corona-Pandemie den Trend verstärkt, dass mehr Menschen aus der Stadt ins Umland ziehen als andersrum, aber gerade junge Menschen zieht es nach wie vor eher in die Stadt. Und meistens fährt der Umzugswagen aus der Stadt nur in einen Vorort, nicht in die tiefste Provinz. Auch Saskia, Andrej und Vivi stehen in ihrem Bekanntenkreis alleine da mit ihrer Entscheidung. Was das Landleben an Platz und Entschleunigung gibt, nimmt es an Komfort und Möglichkeiten in anderen Lebensbereichen. Der Bus, der nur zweimal am Tag fährt, wie in Saskias Dorf, ist nur ein plakatives Beispiel dafür. Auch Hobbys und Jobs sind nicht immer Dorf-kompatibel. Gerade für junge Menschen bleibt das Land daher meistens ein Sehnsuchtsort, den man sich mit selbstgekochter Marmelade und Hashtags wie #cottagecore in die WG-Küche holt. 

Die Pandemie macht es besonders schwer, in einem Dorf anzukommen

Auch Saskia postet Bilder von grasenden Kühen und geblümten Tischdecken auf ihrem Instagram-Account. Aber sie kennt die Schattenseite dieser Landidylle und weiß, mit wie viel Arbeit und Einschränkungen sie verbunden ist. Bis sie etwa mobil und damit selbstständig war, hat es eine Weile gedauert. Nach langer Suche fand sie einen Job im Vertrieb, in einem Ort in der Nähe. Nachdem sie eine Zeit lang bei Wind und Wetter zur Arbeit geradelt war, hatte sie das Geld für ein Auto zusammen, ohne das man in ländlichen Regionen meistens immer noch aufgeschmissen ist. Aber auch dann war sie erst mal noch von ihrem Freund und dessen Auto abhängig. „Ohne ihn wäre ich nicht mal zur Besichtigung oder zur Fahrzeuganmeldung gekommen“, erzählt Saskia. Taxen gibt es nur in der nächstgrößeren Stadt. Das Autofahren musste sie erst wieder neu lernen – in Hamburg hatte sie ihren Führerschein nie gebraucht.

Noch so eine Herausforderung auf dem Dorf: das Sozialleben. Sowohl Saskia als auch Andrej sind in Orte gezogen, die weit entfernt von ihren sozialen Netzwerken liegen. Die Nachbarn hätten zwar geguckt, als sie eingezogen sind, seien aber tendenziell aufgeschlossen, erzählt Andrej. „Der Ort hier lebt vom Tourismus, die sind einiges gewohnt.“ Doch die Pandemie macht es auch hier fast unmöglich, als Zugezogene*r neue Leute kennenzulernen. Kein Vereinsleben, kein Weihnachtsmarkt, keine Dorffeste. Andrej hat schon eine ganze Liste mit Dingen, die ihm den Anschluss bringen könnten, der ihm noch fehlt. Im Fischereiverein würde er gerne fliegenfischen und im Gleitschirm-Verein hofft er, auch jüngere Leute kennenzulernen. Im nächsten Jahr dann hoffentlich.

In der Stadt fiel es Saskia leichter, Probleme zu verdrängen

Auch Saskia hat das Gefühl, dass es auf dem Land schwerer ist, neue Freundschaften zu schließen. Die einzigen Menschen, die sie im Alltag trifft, sind der Postbote und eine ältere Nachbarin, mit der sie ab und zu spazieren geht. „Hier muss ich selber zu meiner besten Freundin werden. Und das ist echt harte Arbeit.“ Wenn es ihr in Hamburg mal nicht gut ging, habe sie eben etwas unternommen. „Das Wegprokrastinieren war in der Stadt viel einfacher.“ Die Erfahrung, mit sich selbst klarkommen zu müssen, sei für sie ein bisschen gewesen wie für andere ein Auslandssemester. Sie habe dadurch viel über sich gelernt und sei noch selbstständiger geworden.

Wie eine andere Welt fühlte sich ihre neue Heimat auch an, als sie dort den Job im Vertrieb annahm. Da habe sie auch mal mal eine leere Kaffeetasse in die Hand gedrückt bekommen, mit den Worten: „Frau Maier, ich habe da eine Aufgabe für Sie.“ Inzwischen hat sie ihren Job dort gekündigt. „Ich habe mich in der Stadt schon über so manche Idioten aufgeregt – aber ich wusste gar nicht, wie privilegiert ich war“, sagt Saskia. Seitdem sucht sie nach einer passenden Stelle, doch als gelernte Marketingkauffrau findet sie keine in der Umgebung. Und noch sind trotz Digitalisierung die wenigsten Arbeitgeber bereit, ihre Mitarbeiter*innen langfristig komplett von zu Hause arbeiten zu lassen. Dazu kommen oft geringere Verdienstmöglichkeiten. Als es bei einem Bewerbungsgespräch um ihre Gehaltsvorstellung ging, hieß es: „Das halbieren wir dann mal, wir sind hier ja nicht in Hamburg.“ Saskia will sich aber auch nicht unter Wert verkaufen. Sie überlegt, sich selbstständig zu machen. „Hier habe ich den Platz im Kopf, das zu tun, was ich gerne tue“, sagt sie. Auf dem Land will sie auch in Zukunft leben, nur etwas weniger abgeschieden.

Noch sind Saskia und Andrej ziemlich allein mit ihrer Entscheidung fürs Dorf. Beide erzählen, ihre Familie und Freund*innen seien erst mal skeptisch gewesen, manche auch enttäuscht. Doch ein Besuch habe bisher alle überzeugt. So gut wie auf dem Land, da sind sich die beiden einig, schläft man nirgends.

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