Wir sollten Zyklus-Mythen bekämpfen

Heute glauben wir zwar nicht mehr, dass Menstruationsblut giftig sei – doch auch „moderne“ Irrglauben können Schaden anrichten.
Von Rena Föhr
zykluskolumne 15 mythen cover

Nicht alles, was man über den weiblichen Zyklus liest, stimmt tatsächlich auch.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

„[Sie] verdirbt die Ernten (...), verödet die Gärten, richtet die Saaten zugrunde, bringt die Früchte zum Abfallen und tötet die Bienen; berührt sie den Wein, wird Essig daraus; die Milch verdirbt und gerinnt.“ Dieses Zitat beschreibt nicht etwa eine Hexe aus Grimms Märchen, sondern: eine menstruierende Frau. Es stammt aus den Schilderungen der „Frau mit Blutfluss“, wie sie Plinius der Ältere in seiner „Naturgeschichte“ im ersten Jahrhundert nach Christus bezeichnete. Mit seinen wilden Zyklusfantasien war Plinius nicht allein. Ähnlich krude Theorien finden sich bei Aristoteles (die Frau sei kälter als der Mann und daher im Gegensatz zu ihm nicht in der Lage, ihr Blut zu Sperma zu kochen), Paracelsus („Es gibt kein Gift in der Welt, das schädlicher ist als das menstruum“) oder in Veröffentlichungen des Arztes Béla Schick, der im Schweiß menstruierender Frauen das Gift „Menotoxin“ entdeckt zu haben glaubte. Darauf gebracht hatte ihn, dass die Blumen in seinem Haus während der Periode seiner Haushälterin angeblich schneller verwelkten.

Das klingt alles nach grauer Vorzeit, doch heute, rund 2000 Jahre nach Plinius, hat so mancher Zyklus-Irrglaube erstaunlich gut überlebt. In Online-Kochforen fragen sich Menschen, ob man während der Periode Sahne schlagen und Marmelade einkochen sollte. Auch der Irrglaube der welkenden Blumen floriert noch heute: Als ich lateinamerikanische Freund*innen nach Zyklus-Mythen fragte, nannten sie diesen am häufigsten. Ebenfalls in Lateinamerika erfuhr ich allerdings, dass Menstruationsblut angeblich als Pflanzendünger dienen kann. Weder das eine noch das andere ist bewiesen. Doch angesichts der Tatsache, dass Tierblut teils als Dünger eingesetzt wird und Blut nährstoffreich ist, scheint die zweite Option wesentlich logischer. Während manche Zyklus-Mythen, die heute noch umgehen, vor allem kurios sind, können andere ziemlich ernste Konsequenzen haben. Beispielsweise, wenn man ungeplant schwanger wird, weil man auf Verhütungs-Mythen vertraut hat, oder wenn Zykluserkrankungen nicht behandelt werden, weil man selbst oder der*die Gynäkolog*in die Symptome nicht ernstnimmt. Eine Auswahl:

Mythos 1: „Man kann den Eisprung vorhersehen und / oder spüren“

„Was?! Ich spüre ihn aber!“, mögen jetzt manche beim Lesen denken. Richtig ist: Viele Frauen* spüren einen Schmerz, der mit hormonellen Veränderungen während des Zyklus zusammenhängt, den sogenannten Mittelschmerz. Trotz des Namens muss er aber weder genau in der Mitte des Zyklus noch am Tag des Eisprungs stattfinden. In einer Studie, in der der reale Eisprungtag mittels Ultraschall und LH-Messung ermittelt und mit dem gefühlten Schmerz verglichen wurde, lagen die beiden Zeitpunkte null bis neun Tage auseinander; nur fünf von 26 Frauen spürten den Schmerz am tatsächlichen Eisprungtag.

Auch andere Ansätze, den Eisprung zu prognostizieren, funktionieren in der Realität nicht: Weder ist sein Zeitpunkt auf Zyklustag 14 festgelegt, noch ist es möglich, den Eisprungtag anhand von Körperzeichen oder gar einer App vorherzusehen. Er kann nur im Nachhinein bestätigt werden – und auch das nur, wenn man Zykluszeichen dauerhaft systematisch beobachtet.

Mythos 2: „Der ideale Zyklus ist 28 Tage lang“

Vor kurzem sagte eine Freundin zu mir, dass ihr Zyklus nach dem Absetzen der Pille „total unregelmäßig“ gewesen sei. Das passiert öfter und ist zunächst kein Grund zur Panik. Verwundert war ich aber, als sie mir sagte, wie lang ihre angeblich unregelmäßigen Zyklen damals waren: 35 Tage. Damit fielen ihre Zyklen in den medizinischen Normalbereich, der etwa zwischen 23 und 36 Tagen angegeben wird (und auch das heißt nicht, dass alles darüber oder darunter automatisch bedenklich ist). Eine andere Freundin erzählte mir stolz, dass ihr Zyklus „diesmal genau 28 Tage“ lang war. Dabei ist das nicht besser oder schlechter als ein Zyklus, der beispielsweise 24 oder 32 Tage dauert.

Was eigentlich wichtiger ist, ist die Dauer der Phase zwischen Eisprung und Menstruation, denn wenn diese kürzer als zehn Tage ist, deutet das auf Progesteronmangel hin. Ein ausreichender Progesteronspiegel ist nicht nur wichtig für Wohlbefinden und Knochendichte, sondern auch, um eine Schwangerschaft aufrechtzuerhalten. Dieser Zeitraum ist mit systematischer Beobachtung der Aufwachtemperatur relativ genau bestimmbar, wenn man mit den Regeln vertraut ist.

Mythos 3: „Starke Menstruationsschmerzen sind normal“

Wichtig ist hier, zu unterscheiden: „Häufig“ ist nicht gleichbedeutend mit normal im medizinischen Sinne. In ihrem Buch „Verhüten ohne Hormone“ schreibt die Gynäkologin Dorothee Struck: „Eine normale Menstruation ist schmerzfrei, ein leichtes Ziehen und Zupfen im Unterleib ist nicht ungewöhnlich, sollte aber mit etwas Ruhe und einer Wärmflasche (...) gut beherrschbar sein.“ Sind die Beschwerden stärker, kann das diverse Ursachen haben.

Eine Erkrankung, die in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit bekommen hat, ist Endometriose: Wucherungen von Gewebe der Gebärmutterschleimhaut außerhalb des Uterus, die starke Blutungen und Schmerzen verursachen und sogar zu Unfruchtbarkeit führen können. Etwa zehn Prozent aller Menstruierenden sind betroffen, über zehn Jahre dauert es im Mittel von ersten Symptomen bis zur Diagnose. Hinter starken Schmerzen muss nicht immer Endometriose stecken. Aber es steckt etwas dahinter, mit dem wir uns nicht abfinden müssen und sollten, sondern nach dessen Ursache geforscht werden sollte.

Mythos 4: „Die Pille ist das sicherste Verhütungsmittel“  

Immer wieder liest man in Social-Media-Diskussionen über das Für und Wider bezüglich der Pille diesen Satz. Dabei gibt es sowohl hormonelle als auch hormonfreie Methoden, die noch zuverlässiger verhüten als die Pille. Denn wenn wir über Verhütungssicherheit sprechen, dürfen wir einen der wichtigsten Faktoren nicht vergessen: die Anwender*innen. Man unterscheidet deshalb zwischen Methodensicherheit („perfect use“, also fehlerlose Anwendung) und Gebrauchssicherheit („typical use“, also die Anwendung im „realen Leben“). Im ersten Fall, dem Idealfall, ist die Pille bei 99 bis 99,7 Prozent der Fälle zuverlässig, im zweiten, dem realistischeren, bei 91 bis 97,5 Prozent.

Zum Vergleich: Bei der symptothermalen Methode (Ermittlung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage durch Analyse der Aufwachtemperatur und des Zervix-Schleims oder Position des Muttermunds) beträgt die Sicherheit bei perfekter Anwendung 99,6 Prozent, bei typischer Anwendung 98,2 Prozent – wenn die Methode bei einer ausgebildeten NFP-Beraterin erlernt wird. Wer sich als eher vergesslich einschätzt, ist womöglich mit Methoden, die Anwendungsfehler ausschließen, gut beraten: beispielsweise mit einem Hormonimplantat oder Intrauterinpessaren (Spiralen), die es sowohl mit als auch ohne Hormone gibt.  

Was wir gewinnen, wenn wir Mythen verabschieden

Aufklärung über solche Mythen ist wichtig, denn je mehr wir über den Zyklus wissen, desto selbstbestimmter können wir mit ihm umgehen. Wir entscheiden, mit welcher Methode wir sicher verhüten möchten. Wir können unsere Körperzeichen wahrnehmen und wissen, was wir daraus schlussfolgern können – und was nicht. Wir lernen, was in unserem Normalbereich liegt und wann wir medizinische Hilfe benötigen – und können für uns einstehen, falls uns nicht geglaubt wird. Aufklärung und Selbstbestimmung sind deshalb der beste Gegenentwurf zu patriarchalen Schauermärchen und Mythen im Internet. Und genau deshalb gab es übrigens auch diese Kolumne: um aufzuklären. 

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